Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14----------DIE 5 mein VViegenlied wai* die Stimme des Vogels. Hohe Tennen von Roggen und Gefilde von Saaten haben meine Kindheit gesegnet, Haine von jungen Zypressen und Zweige von Eichen haben mich in ihr Geheimnis eingeweiht, und ich liebte den Gott der Erde, den Gott der Berge und der Täler, und ich fürchtete den Gott des Himmels. Aber beim Morgengrauen, beim Morgengrauen, als das Horn des ersten Hirten in der Stille der Welt von den Gipfeln der Berge ertönte und eine verborgene süße Furcht vor dem Heiligen mich umhüllte, .... da stahl ich mich fort allein von meinem Lager und stieg hinauf auf einen grünenden Hügel, meine Füße gebadet im Tau des Morgens und meine Augen erhoben zum azurenen Himmel. Und da sah ich deine Glorie in den Sternen des Morgens und deine Heiligkeit im Scheine seines keuschen Strahles. Und du winktest mir von oben in stiller Liebe, und es erbebte mein Herz vom Zittern deiner Wimpern. Und ich liebte auch den Himmel und seine Weiten um deinetwillen . . . Und der Jüngling fuhr fort in seiner Rede mit verzückter Seele: „Und dann war ich verwaist und einsam . . . mein Vater starb den Tod eines Tollmütigen im Kriege, und Gottes Fluch ruhte auf seinen Gebeinen. Meine Mutter entweihte ihr Herz um eine Handvoll Gerste auf fremdem Boden. Und ich blieb allein. Und ich irrte die Tage umher einsam in den Bergen und in der Nacht umschlang ich die Felsen. Füchse gingen um mich in Rudeln umher in dem Dunkel, und die Eule, die in den Trümmern haust, erschreckte mich des Nachts durch ihr Jammern. Und ich war zart und einsam und träumend. Nichts war mein eigen als eine Seele, die wie ein Vogel bebte, und Augen, die schauten und staunten. Und da erschienst du mir, du Weiße, Traurige, aus den Nebeln der Nacht und kamst zum Stein meines Lagers und zum 1 Hügel meiner Ruhe. Am frühen Morgen von den Gipfeln der Berge wecktest du mich und kosetest mich in Liebe mit dem Strahle deiner Gnade, und mit der Wehmut einer Mutter hätschelte mich dein goldenes Auge. Und du lehrtest mein Herz den verborgenen Kummer und die Schmerzen des Schweigens und die Leiden der Liebe .... Und auch meine Augen schauten zu dir hinauf in den Dämmerungen, den flüchtigen, raschen, und in der Nacht wartete ich dein und sehnte mich nach dir wie ein Säugling nach der Mutter..... Und an einem der Tage fand mich, als ich in den Bergen im Morgengrauen lag, ein schneeweißer Mann aus Jehuda. Und der Mann war mit einem härenen Gewand bekleidet, und wild waren seine Haare. Düster und gebeugt schritt er einher. Er war ein Einsiedler und ein Gottgeweihter und furchtbar durch seine Würde. Und sein Ansehen war wie das Ansehen der Wolke des Herrn und des Auges von Kristall beim Nahen des Morgens. Und es erbarmte sich meiner der Greis und barg mich im Innern seines Zeltes und schützte mich im Schatten seines weißen und zitternden Bartes. Und er lehrte mich seine W^ge wandeln und machte mich dienstbar seinem Gotte. Und er entfremdete meine Seele von allem Reize und lehrte mich schauen gen Himmel; die Knospen meiner Jugend pflückte er eine nach der andern und opferte sie seinem Gotte und weihte die Erstlinge meines Gelüstens dem Himmel. Und meine Tage waren Fasttage wie die seinen und meine Nächte Nächte des Gebetes wie die seinen. Und ich fürchtete mich sehr vor dem Greise, wie eine Blume sich fürchtet JKELT----No. 11 vor dem Herbste. Mein Gesicht wurde mager und meine Stirne bleicher von Tag zu Tag. Aber die Locken meines Hauptes wurden dichter und kräuselten sich um mein Haupt . in Wellen, und in meinem Herzen schoß empor ein grünender Hain von Träumen. Ich verlor mich in meiner Kleinheit im Dunkel dieses Haines, und ich war wie eine Gazelle, die sich verirrt hat unter den Zedern des Libanon.... Und manchmal verwandelte sich der Hain in meinem Herzen in einen Garten von Rosen und Honigfrüchten ... Und er war gebadet in dem Glanz der Sonne. Und da wandeltest du zwischen den Beeten seiner Gewürze wie eine Tochter Gottes, lichtumsponnen und glanz- . durchschimmert. Auf deinen Lippen ein lebenspendendes Lächeln, und ich,,wie eine Liebestaube, bebend und wehmütig, ruhte auf deiner weißen Schulter . . . Und an jenem Tage war ich noch rein und keusch und schamhaft. Meine Seele war lauter in mir wie der Tropfen des Taus im Halse der Rose, und mein Herz war klar wie die Perle des stillen Quells am Rande des Kelchs von Kristall. An meinem Gewände haftete noch nicht der Blütenstaub des Weibes, und ich kannte noch nicht seinen Duft. Aber in meinem Herzen sprudelten tausend Lebensquellen, und mein Herz verlangte eine Fülle von Liebe, eine Fülle von Liebe. Und deine Gestalt erblühte vor mir aus meinen Träumen heraus, und du stiegest hervor plötzlich aus meiner Seele wie die Gestalt einer Frau oder einer Tochter Gottes. Und ich wußte nicht, wie und wann in meiner Seele diese Gestalt gebildet wurde . . . Manchmal schien es mir, daß Gott sich in mein Herz vor allen Ewigkeiten her gepflanzt hat und daß ich vor uralten Tagen auf einem der Sterne oder in einem Traume der Vorzeit an dir vorübergegangen bin und du mich beim Namen riefest. Dein Andenken war in weißer Flammenschrift gemeißelt vor meinen Augen, und ich sog deinen Wohlgeruch aus den Rätseln meiner fernen Kindheit, aus ihren stummen Träumen vernahm ich deinen Widerhall. Als ich des Tages ging mit zum Himmel erhobenen Augen, da tastete ich wie ein Blinder nach deinem Schatten und in schlaflosen Nächten suchte ich dich auf meinem Lager . . . Manchmal erhob sich der Greis des Nachts und weckte den Morgen. Am offenen Fenster stand er, zum Osten gewendet, die Augen zur Höhe gerichtet, und seine Lippen sangen zusammen mit den Sternen des Morgens das heilige Gebet zum Gott seines Lebens. Und ich lag damals ihm gegenüber auf meinem Lager, im Dunkel, brennend am ganzen Leibe vor Liebesfeuer, und ich wälzte mich in Schmerzen verborgenen Gelüstes, und meine Seele zitterte und wand sich wie ein zappelndes Lämmlein zwischen den Zähnen eines hungrigen Löwen. Und mein Auge weinte, und meine Zähne knirschten, und meine Lippen flüsterten in zitternder Wollust das Lied der Sünde zum Gott meines Lebens . . . Und es kam der Sang des Greises in mich wie eine reine sprudelnde Quelle in das stürmische Meer. Ich schien mir so gering in meinen Augen und ich quälte mich sehr und gelobte Weihgeschenke in der dunklen Nacht meiner Seele. Vor dem Greise fürchteteJch mich: vielleicht findet er meine Seele entweiht und verbrennt sie mit den Kohlen seiner Augen. Ich wagte nicht mehr, meine Augen zum Himmel zu erheben und senkte sie in den Abgrund meiner düsteren Seele und zog mich zusammen wie ein Wurm an einem stürmischen Tage . . . Und du erbarmtest dich meiner, du Reine, Keusche und Gnadenvolle, und verschmähtest nicht mein Elend. Von oben durch das