Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Na. 11 ÖIEJ^ELT 13 Nachricht gehen. Wie wirksam das sein werde, zeige das Beispiel von Kiew. Ihm, Witte, sei gemeldet worden, am 4. ds. solle in Kiew eine Judenlietze stattfinden; sofort wurden Maßregeln getroffen, und die Judenlietze unterblieb. Uber diese Audienz lesen wir weiter im jüdischen Tagblatt „Das Leben" („Der Fraincl"): Nachdem die Deputation den Grafen Witte in eindringlicher Weise aufmerksam gemacht hatte, in welcher materiellen Not. und in welch furchtbarer Besorgnis die Juden allerorts leben, daß überall in Rußland ganz öffentlich und frei Agitatoren zu Pogromen aufreizen, indem sie sich dabei auf den Kaiser und die Erlaubnis der Regierung "berufen, daß ferner große Organisationen, sogenannte „Patriotische Ligen", sich zu dem ausgesprochenen Zwecke gründen, die Juden auszurotten, verlangte sie energische Maßregeln der Regierung zur Abhilfe, worauf Graf Witte sagte: „Ich kann versichern, daß nicht die Regierung, daß nicht der Minister, auch nicht die Gouverneure zu den Organisatoren der Pogrome gehören. Für kleinere Beamten, für die Polizeimeister und die Polizei selbst könne er nicht garantieren. Aber die Regierung ist gewiß gegen die Pogrome." Er meint, die Juden könnten ihre Rechte höherenorts einfordern. Graf Witte verbreitete sich dann über die Anteilnahme der jüdischen Jugend, an der Revolution. Die Deputation antwortete ihm, erstens sei im Verhältnisse zur Stadtbevölkerung die Zahl der Judenrevolutionäre nicht so groß, und zweitens sei bei der Rechtlosigkeit der Juden ihre Unzufriedenheit selbstverständlich. Graf Witte erwiderte, es sei natürlich, daß man die Millionen Juden nicht für Tausende Revolutionäre büßen lassen würde. Daun sprach man über die bevorstehenden Dumawahlon. Die Deputation erklärte, vor den Pogromen hätten sich die Juden sehr für die Wahlen interessiert. Nunmehr, nach den furchtbaren Metzeleien, sei das Literesse nur sehr gering. Witte antwortete: Nach seiner Meinung sollten sich die Juden bemühen, nur Juden zu wählen, g leidig iltig welcher Partei sie angehören. Die Juden müssen ihre Politik führen. Können die Juden nicht eigene Kandidaten durchbringen, dann ist es für sie das Beste, sich nicht mit den linken Parteien zu verbinden, sondern mit der Regierung. In der Duma seihst — das wäre am klügsten — mögen sich die jüdischen Abgeordneten bei allen Fragen neutral verhalten, aber wenn die Judenfra ge auf di e Tagesordnung käme, dann sollen sie stark und energisch die Rechte der Juden fordern, und die Regierung wird ihnen dann helfen. Aber wenn die jüdischen Abgeordneten für fremde, nichrjüdische Interessen eintreten werden, werden sie die Wahrung ihrer eigenen Interessen unmöglich machen. Die Juden müssen nur ein durchaus jüdisches Progra,mm haben. „W arum", fragte Graf Witte, „kümmern sich die Finnen und Polen nicht darum, wie es in Rußland zugeht, und interessieren sich nur für ihre eigenen Fragen? Waruni, umgekehrt, denken die Juden nur an andere und nicht an sich selbst? Die Finnen stört, es gar nicht, wenn in Rußland die höchstmonarehische Selbstherrschaft ist, wofern sie nur in Finnland ihre Freiheiten haben. So sollen sich auch die Juden in die innere Politik nicht einmischen. . . ." Sf \i= □□□□□□ FEUILLETON DIE FLAMMENROLLE AUS DEN LEGENDEN DER ZERSTÖRUNG VON CH. N. BIALIK Aus dem Hebräischen übersetzt von A. Coralnik (Fortsetzung) o □ □□□□□ II O ---Jj o V. Und als der Jüngling sich vom Knieen erhoben, da richtete er nach seiner Gewohnheit die Augen gen Himmel, und er sah: Dort an der Spitze des Riffes ihm gegenüber stand eine Jungfrau mit reinem Körper und traurigen Augen, keusch und weiß wie ein Engel der Keuschheit und Unschuld. Ihre Augen leuchteten ihm entgegen, und über ihrem Haupte erglänzte der Stern des Morgens..... Und es pochte das Herz des Jünglings, und er senkte zum ersten Male im Leben seine keuschen Augen zum Boden und versenkte seinen Blick in den Strom, der auf das Bild der Jungfrau fiel, das zugleich mit dem Stern des Morgens darin sich spiegelte. Und zum ersten Male war es, daß der Jüngling in jener Nacht in den Abgrund des Verderbens geschaut hatte. Plötzlich kehrte der Jüngling zurück und kniete wieder vor dem Bilde, das im Wasser sich spiegelte, seine Augen geheftet an den Abgrund mit dem Kummer der Liebe, und seine Lippen flüsterten in bangender Sehnsucht: „Schwester, bist du es? Und es schwieg der Jüngling und konnte nicht mehr reden, denn das Tosen seines Herzens überwältigte ihn, und seine Seele verlor sich in seiner Seele. Aber nach einem Augenblick ermannte er sich und öffnete die Augen, und die waren träumerisch und tief, und eine kranke Seele, wund von Liebe und blutüberströmend, rang in ihren Tiefen. Und es schloß der Jüngling die Augen im Schmerze seines treuen und großen Herzens, und Töne aus dem Verborgenen, die Weisen eines heimlichen und verhüllten Schmerzes wie das Rauschen eines Quells aus dem verborgenen Geheimnis der Gräser im Dämmern des Abends, ergossen sich-von seinen Lippen im Strome des Gebetes: .... „Bist du es, meine Einzige, Licht meines Lebens, Engel meines Herzens vom Beginn meiner Tage, die sich jetzt offenbart hat vor~ meinem Auge an der Spitze des Riffes dieser wüsten Insel unter den Flügeln des Morgens und seines Sternes?.....Und ich, — mit tausend Stimmen rief zu dir empor meine Seele aus den Tiefen meines Lebens alle Tage, und in Tausenden verborgener und geschlängelter Pfade floh sie von mir zu dir. . . . Noch im Dämmern meiner Kindheit sah mein Auge deine Glorie und sehnte sich im Geheimnis der Nächte und der Dämmerung des Morgens nach deinem verborgenen Lichte. In den Bergen von Schomron und unter den Zweigen der Palmen im Garten hat mich meine Mutter in Schmerzen geboren, und meine Wiege wurde ein Geflecht von Ästen und Palmenzweigen, und