Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 DIEMKELf No. 11 sicheren Sitz zu vergeben, aber die Kichtersche Volkspartei war wohl in der Lage, einen zielbewußten Juden wenigstens in den Landtag zu bringen. Eichter wollte nicht. In seinem Blatte fielen gelegentlich antisemitelnde Bemerkungen wie im sozialistischen „Vorwärts", und die entsprechenden Bemühungen jüdischer Notabein blieben erfolglos. Jahrelang hat kein einziger Jude im preußischen Abgeordnetenhaus gesessen, obwohl das pluto kratische Wahlrecht .Preußens ihnen ermöglichte, z. B. im I. Berliner Wahlkreis hunderte von jüdischen Wahlmännern zu ernennen. Schließlich riß auch den ewig Geduldigen der Faden der Langmut. Sie gaben kein Geld mehr, — und da wurde plötzlich das Unmögliche möglich, ein Berliner Mandat fiel dem alternden Max Hirsch zu, und so brach der Bann. Der Himmel weiß, welche Kämpfe das gekostet hat und wie hart es hinter den Kulissen hergegangen ist. Schreibt doch selbst die altkonservative Schlesiaclie Zeitung: Seine Haltung in der Judenfrage brachte ihm auch im eigenen wie im benachbarten Lager der Freisinnigen Vereinigung stille aber erbitterte Gegner. Wir wollen nicht einmal sagen, daß der Erfolg ein Glück war. Es ist geradezu tragisch, daß uns stets Leute öffentlich vertreten, die von jüdischen Angelegenheiten nichts verstehen und nichts wissen wollen. Wir erwähnen das alles, um der historischen Wahrheit willen und weil diese Dinge so deutlich zeigen, daß auch die Volksmänner uns nicht lieben. Das kann nicht eindringlich genug gesagt werden, weil wir politische Kinder noch immer denken, alles Unheil sei von uns genommen. wenn der Liberalismus das Ziel seiner Wünsche erreicht. Frommer Wahn, den eben wieder unsere russischen Brüder so teuer bezahlen! Jahrzehntelang war unsere Anhänglichkeit an den Freisinn unser Verderben. Der irrige Glaube an die Hülfe „unserer christlichen Freunde" hat uns entmannt, in der Selbsthilfe behindert, unsere Organisation verhindert, unsern Willen gelähmt. Bei der Eegierung, von deren Wohlwollen wir doch tatsächlich abhängen, hat uns unser Verhalten diskreditiert und wir waren dann naiv genug, von derselben Eegierung, die wir bekämpften, Entgegenkommen zu fordern. Wir haben Geld, Zeit und Kraft verschwendet, um den politischen Leichnam der Eadikalen zu galvanisieren und uns gewundert, daß wir mit den Sterbenden politisch starben. Nicht Prinzipien und nicht Konstitutionen schützen uns; denn was die Juden angeht, „ist die Konstitution nur ein Monolog des Gesetzgebers". Selbsthülfe, Organisation, mannhaftes Auftreten und eine würdevolle, zielbewußte Politik jüdischer Interessen — das allein kann in einer Zeit wirtschaftlicher Probleme und nationaler Instinkte zum Erfolg führen. Dem alten Kämpfer, der uns nicht gemocht hat, zürnen wir nicht. Er war ein ehrlicher Mann auch uns gegenüber und hat nie unvornehm gehandelt. Er hat sein Land geliebt, für große Gedanken glücklos gestritten und sein Leben dafür eingesetzt. Aber wir sollten bei der Betrachtung seines Verhältnisses zu uns endlich lernen! — EINE JUDISCHE DEPUTATION BEI WITTE Die Furcht vor neuen Judenhetzen im Ansiedelungsgebiet hat die Vertreter einer Eeihe von Städten dazu veranlaßt, nach Petersburg; zu kommen und den Grafen Witte auf die Gefahr auf- •merksam zu machen, welche für die Juden durch eine ununterbrochen geführte und von Petersburg aus geleitete Propaganda entstehen kann. Vor einigen Tagen wurde diese Deputation, an deren Spitze der Petershurger Eechtsanwalt Herr B. G. Schliosberg stand, und die sich aus Vertretern der Städte Kiew, Kischinew, Kowno und Hömel zusammensetzte, von Witte empfangen. Die Deputation brachte ihre sehr begründeten Befürchtungen vor und fügte hinzu, daß sowohl viele jüdische Kaufleute aus Furcht vor neuen Hetzen ihre Geschäfte zu liquidieren beginnen, sodann aber durch die drohende Lage für die Juden jede Wahlbeteiligung ausgeschlossen erscheint. Infolgedessen forderte die Deputation die Veröffentlichung einer Eegierungskundgebung, welche die Judenhetzen aufs schärfste verurteilt, damit die jüdische Bevölkerung für die Zukunft wirklich vor derartigen Hetzen geschützt werde. Graf Witte hörte die Forderungen und Klagen der Deputation ruhig an, ließ sich manche wichtige Einzelheit aus den letzten Judenhetzen berichten und gab den Vertretern alsdann die Versicherung, daß ihre Befürchtungen zurzeit wirklich grundlos wären, da kein Generalgouverneur oder Gouverneur eine J,udenhetze zulassen würde, weil sie über die Meinung des Grafen über solche Hetzen im klaren seien. Gleichzeitig sprach Graf Witte sein Bedauern über die gegenwärtige rechtlose Lage der Juden aus und äußerte die Uberzeugung, daß die Eeichsduma diese Lage vollkommen begreifen und den Juden aus Gerechtigkeitsgefühl Gleichberechtigung zuerkennen werde. Hierzu muß bemerkt werden, daß wenige Tage vorher Graf Witte mit einem Vertreter der Großindustrie ein Gespräch gehabt hat, in welchem er genau der entgegengesetzten Ansicht war: nämlich daß er bei dem überwiegend konservativen Bestände der Eeichsduma, den er wohl nicht ohne Grund zu erhalten hofft. auf eine ungünstige Entscheidung der Judenfrage in der Eeichsduma rechnet. Aber selbst wenn die Eeichsduma in dieser Frage eine menschliche Entscheidung treffen sollte, so ist ja noch der Eeichsrat und schließlich die höchste Sanktion nötig, um eine derartige Gleichberechtigung zum Gesetz zu machen. Graf Witte gab den Delegierten außerdem die Versicherung, daß er inbezug. auf die Judenhetzen die Senatorenrevisionen besonders sorgfältig prüfen und die Hetze von Hornel im Ministerrat zur Sprache bringen werde. Im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen zur Eeichsduma gab Witte den Delegierten den Rat, sich in ausgiebigster Weise an den Wahlen zu beteiligen, damit durch die Ortschaften mit überwiegend jüdischer Bevölkerung möglichst viele Vertreter der Juden in die Eeichsduma gelangen. Die ganze Darlegung der letzten Hetzen und die Forcierung der Deputation über die Veröffentlichung einer Regierungserklärung versprach Graf Witte dem Ministerkabinett zur Kenntnis zu bringen. Der „Peterburgskija Gazeta" zufolge hat Witte am 6. ds. der Judendeputation geraten, eine Audienz beim Zaren zu erbitten, da er überzeugt sei, daß die Juden nur gnädige Worte vom Herrscher hören würden, der es wisse, daß nicht alle Juden Revolutionäre seien. Seit 12 Jahren sei keine Judendeputation beim Zaren gewesen. Eabbiner Aronson erwiderte, der Talmud verbiete, in Sack und Asche vor dem Herrscher zu erscheinen, jetzt aber befänden sich die Juden in solcher Stimmung, daß sie nicht einmal wüßten, was sie mit dem Zaren reden sollten. Witte antwortete, der Zar betrachte die Juden als seine Kinder, sorge für sie ebenso wie für andere Nationalitäten. Hinsichtlich der Judenhetzen sagte Witte, er selbst, Durnowo, die Generalgouverneure und die Gouverneure würden alles tun, um den Ausbruch von Judenbetzen zu verhindern. Die Juden müßten die kleinen Beamten, Pristaws und Isprawniks selbst überwachen und bei dem geringsten Verdacht, daß eine Judenhetze vorbereitet werde, ihm