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Die Welt · 1906-03-16 · 11 (16.3.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 11--- Dt EÄELT---—---—------ 11 Beteiligung an den Wahlen rät, weil er eben die Duma, die er für seine Zwecke braucht, konstituiert sehen möchte, wenn man auch gewiß versteht, warum er den Juden empfiehlt, sich lieber an die Regierung als an die linken Parteien, anzulehnen, — was er über die Hauptfunktion jüdischer Abgeordneter gesagt h&t, das war verständig und richtig. Und es ist jedenfalls wertvoll, wenn von vornherein eine bewußt-jüdische Politik in Rußland an den sonst sehr wenig für die Juden voreingenommenen oberen Stellen Verständnis findet. EUGEN RICHTER Von Dr. Adolf Friedemann Der letzte der großen Parteiführer aus der Zeit der Roichsgründung ist nicht mehr. Waldeck, Simson, Miquel,' Lasker, Windthorst, Bamberger, Bennigsen, Virchow, Forckenbeck ist nun auch Eugen Richter gefolgt und dahingegangen in das Land der Schatten. Der große Sparer des Reichs, der mächtige Redner, von dessen Worten so oft das alte Haus der Mendelssohns in der Leipziger Straße erdröhnte, ist heimgegangen zu den großen Feinden, deren er so viele im Lehen hatte, und er wandelt schweigend mit dem alten Recken aus dem Sachsenwalde Uber die Asphodelöswiese. Auch denen, die seinem Wirken keinen Beifall zollten, die ihm die Gegnerschaft gegen Bismarck nie verzeihen konnten oder ihm den Niedergang des Liberalismus zuschrieben, ist er doch stets als eine achtungheischende Persönlichkeit, als ein Mann im wahren Sinne des Wortes erschienen, und er hatte das verdient. Er war kein Kompromißler und kein Hetzer, wahrheitsstolz und voll redlicher Kampflust, reich an Wissen und Fähigkeiten und bis zum Sterben erfüllt von Liebe zu den Ideen, die für ihn den Fortschritt der Dinge bedeuteten. Er hat die hinter ihm standen um Haupteslänge überragt und sie mit eisernem Willen geleitet, und unvergessen sind noch die Worte Bülows: wenn er glaubte, Richter würde das Amt eines Schatzsekretärs annehmen, so hätte er ihn längst dem Kaiser als den geeignetsten Bewerber für dieses, wichtige Amt in Vorschlag gebracht. War doch der trotzige Barde des Freisinns der beste Kenner des Etats und ein Nationalökonom von großer Bedeutung — freilich aus der fast vergessenen Schule Manchesters. Eugen Richter hat seinen Ruhm überlebt wie seine Freunde. Es hat eine Zeit gegeben, in der ganz Berlin auf den Beinen war, wenn man wußte, daß er sprach. Dann war der Reichstag belagert von ganzen Scharen von Neugierigen, und jeden Hieb den er mit dem großen Gegner auf dem Kanzlersessel tauschte, begleitete der Jubel der oppositionellen und damals noch liberalen Hauptstadt. Bis in die Schulen drang das Waffengeklirr, iind Gruppen hoffnungsvoller Politiker sammelten sich in Sekunda und Prima, um den Streit der Meinungen auszutragen. Das war die große Zeit des deutschen Parlamentarismus, die längst vorüber ist', und mit ihrem Schwinden ist Mie Zeit des Sports und der Streber gekommen. Manche, halten auch das für Fortschritt. Wenn 'man so dem Toten Gerechtigkeit widerfahren läßt, darf man auch nicht vergessen, daß er kein schöpferischer Kopf war. Er war wirklich groß nur in der Kritik, und er wußte das wohl selbst. Nie hat er darum ein Amt, positive Macht erstrebt. Er wuchs nur an der Größe anderer. Solange er mit Bismarck die Klinge kreuzen konnte, war er ein Held. Mit dem Sturz des Riesen fiel auch er ins Bodenlose. Was er später noch leistete, war Kleinarbeit, und nur einen Moment erhob er sich noch überlebensgroß über die Kleinen der Linken, als er bei der Beratung des Zolltarifs mannhaft der Versuchung, die Obstruktion zu unterstützen, widerstand. Er wußte wohl, daß politische Richtungen, Erfolge von Parteien und Zolltarife vergänglich sind, die Obstruktion aber stets dem Parlamentarismus unheilbare Wunden schlägt und den konstitutionellen, liberalen Gedanken einer Regierung durch die Mehrheit vernichtet. Und so bezwang er sich, grollend, finster, verbittert, aber er blieb sich treu. Es ist schwer, diesen prinzipienstarren Verfechter einer Weltanschauung' an dem Interessestandpunkt jüdischer Politik zu messen. Aber wir sind ja leider dazu gezwungen. Sind wir doch, wie die Dinge einmal liegen, nicht in der Lage, 'die deutsche Politik schlechthin als deutsche Bürger mitzumachen, dafür haben eben die deutschen Politiker gesorgt. Also müssen wir Richters Wirken auch von unserm Sonderstandpunkt-aus-beurteilen. Und da muß man ehrlich gestehen: er ist uns kein guter Freund gewesen. Freilich hat er auch in der Judenfrage nie seine liberalen Ideen veiTäugnet. Er war ein Mann der Gerechtigkeit und verlangte die Gleichberechtigung aller Bürger, also auch die unsrige. Aber gerne tat er es schwerlich. Und die Juden waren schließlich noch seine beste Gefolgschaft — tragisches Verhängnis.' - Es ist schwer zu sagen, wie das Märchen aufgekommen ist, der extreme deutsche Liberalismus habe 'die Juden emanzipiert. Die Stein und Hardenberg können doch schwerlich als Fortschrittler angesehen werden. Sie waren und blieben konservative Eclelleute und folgten einfach Zeitbedürfnissen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Auch die bedeutenderen Männer von 1848 sind nur zum geringen Teil liberal im Sinne des modernen Freisinns gewesen. Selbst die ersten Parlamentarier, Simson, Lasker, waren nationalliberal. Trotzdem machte die überwiegende Mehrzahl der Juden zu Ende der 70er Jahre die Sezession mit und ging zu den Freisinnigen über. Schuld war wohl neben oben erwähnter Fabel vor allem die schwächliche Haltung der Nationalliberalen gegenüber Lasker. Uber seine Person war heftiger Streit zwischen dem damals liberal regierenden Bismarck und der Regierungspartei entbrannt. Lasker sollte nach dem Wunsch der letzteren ins Ministerium aufgenommen werden, das Bismarck rekonstruierte. Dieser wollte den Juden entweder selbst nicht oder konnte den Widerstand an höherer Stelle nicht überwinden, brach über diese und andere Fragen mit den Nationalliberalen, warf einen grimmigen Haß auf Lasker und verbot sogar den Beamten dem bald Versterbenden die letzte Enre zu erweisen. Das alles, weil Lasker nicht einfach verschwinden wollte und nach dem Grundsatz: c'est un animal m^chant, il' se defend quand on l'attaque. Und die um ihre Macht besorgten Nationalliberalen ließen den totkranken Führer schmählich im Stiehl So blieb den Juden kaum eine Möglichkeit, anderswo unterzukommen, als bei der Opposition. Damals begann der Antisemitismus seinen Siegeslauf. Die jüdischen Parlamentarier hätten wohl ihm entgegentreten können, die Löwe, Bamberger, Hirsch waren keine eifrigen Juden, aber doch Männer mit starkem Ehrgefühl. Richter aber paßte es keineswegs, daß seine Gefolgschaft die Rolle der Judehverteidigung übernahm, und so mußten sie schweigen. Der gutherzige und wohlwollende Rickert gründete den Abwehrverein. Richter blieb der Leitung fern. Er erinnerte sich der Juden zwar bei den Wahlen, und die stets geldbedürftige Parteileitung kargte dann nicht mit Forderungen, wohl aber mit Mandaten. Als die deutschfreisinnige Partei sich wiederum schied, wurde das noch schlimmer. Die freisinnige Vereinigung hatte ja kaum einen

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