Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10- ■DIE-3^5E'LT- No. 11 Es. ist jüngst der Vorschlag gemacht worden, daß die überaus dankenswerten > Institutionen der jüdischen Auswanderungsämter, die insbesondere der „Hilfsverein", unterstützt von vielen zionistischen Mitarbeitern geschaffen hat, deren vollkommene Ausgestaltung aber eine Sache aller jüdischen Organisationen sein sollte, jedem größeien Transport einen Führer mitgeben, der sich der Hilflosen annimmt. Zumindest aber müßte man dafür sorgen, daß vorden Schiffsgesellschaften, deren Personal sich solche Rohheiten zuschulden kommen läßt, in der Oeffentlichkeit gewarnt wird. Vielleicht wird es durch diese Maßregeln ermöglicht werden, den-Emigranten die Fahrt weniger leidensvoll zu gestalten, diesen Armen, die ja auch sonst mit ihren Millionen Brüdern und Schwestern immer sozusagen auf Zwischendeck sind, mit ihrem Bündel Elend in die dunkelsten Winkel gepreßt und auch dort noch gestoßen und getreten von-Haß und Rohheit. . Wenn Stewards oder Schiffs- Herr Perlmanri aus Königsberg. knechte die Juden aufe ß,ut quälen, dann, meinten wir, sind die Hilfskomitees für die Auswanderung berufen,- Abhilfe zu schaffen. Wen aber soll man anrufen* wenn ein Schutzkoniitee sich an den Emigranten vergeht durch Akte, die hundertmal empörender, unverzeihlicher sind 'als die' Ausbrüche roher Schiffsgesellen? Wäre es nicht schwarz auf weiß zu lesen, wäre es nicht durch alle Blätter geflogen, man würde es nicht glauben, daß ein jüdisches Schutzkomitee folgendes . Rundschreiben erlassen kann: '„Der Auswandererstrom von jungen Leuten, welche verschiedentlich . sogar mit jungen Mädchen, angeblich Frauen, erscheinen, nimmt täglich stärkere Dimensionen an. Nach unserer Sichtung gehpren die Ankömmlinge durchweg dem „Bund" an und sind ganz gewissen- und charakterlose Leute, von welchen unsere russischen . Glaubensgenossen über alle Maßen zu leiden haben. Die Beförderung derartiger Leute bedeutet nichts anderes, als eine Seuche überallhin zu verbreiten und unsere Glaubensgenossen anderer Länder in Gefahr zu bringen. Wir haben daher beschlossen,; die Unterstützung und Beförderung derartiger Elemente gänzlich auszuschließen, und hoffen wir, daß Sie in gleicherweise verfahren. Mit Achtung M. Perlmann." , Diese unqualifizierbare Tat des Königsberger Schutzkomitees verdient-es, daß sie von der ganzen jüdischen Presse an den Pranger gestellt wird. Die Angegriffenen sind „Bundisten", also unsere politischen Gegner, aber,es fällt uns selbstverständlich nicht einen Augenblick ein, unsere Empörung darum, zurückzudämmen, weil es sich um politische Gegner handelt, sogar um solche, die uns Zionisten gegenüber durchaus nieht frei sind von Böswilligkeit. Es gibt für Herrn Perlmann nur einen mildernden Umstand, — den wir, um ihm Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, nicht außer Betracht lassen wollen,, — daß er dieses Zirkular vielleicht nur für private Kreise bestimmt gehabt und darum seine skrupellosen Pauschalbeschuldigungen nicht zu schwer genommen hat und daß es gegen seinen Willen in die Oeffentlichkeit kam. Ist das der Fall — und wir möchten es um der Ehre der deutschen Juden willen hoffen, — dann bleibt .sein Elaborat noch immer schlecht, aber mehr nach der Seite des Unvernünftigen, Philisterhaft-Beschränkten. Sollte es aber doch ein Zirkular .für alle Welt gewesen sein, dann gibt es keine Entschuldigung dafür. In einer Zeit, wo die unglücklichen jüdischen Flüchtlinge in dem Deutschland der „Schnorrer und Verschwörer" ohnehin weder< in der Presse noch in der Gesellschaft auf Liebe stoßen, wo man sie möglichst schnell und ohne Aufsehen abzuschieben sucht und von vornherein geneigt ist, ihnen Unmoral und Ver^erbtheit aller Art zuzumuten, bedeutet die Stimme eines Juden, eines scheinbar zur Nachsicht geneigten Juden, der diese Unmoral und Verderbttyeit ausdrücklich bestätigt, ,mehr als sozusagen einen offiziellen. Sukkurs für die den russischen Juden feindliche Stimmung in Deutschland. Wahrhaftig, wir wären die letzten, die davor zurückschrecken würden, Wahrheiten zu sagen, auch wenn sie den Antisemiten als Handhabe dienen könnten. Aber was Herr Perlmann sagte und tat, präsentiert sich in seiner ungeschickten Form als eine Pauschal Verleumdung. Und mögen selbst alle, die über die Grenze kommen, „Bundisten" sein und ihre Gefolgschaft, wie der Tugendwächter fürchtet, nur „angebliche Frauen" — auf deutschem Boden sind es jedenfalls hilflose Flüchtlinge, die des Schutzes bedürfen. Das Völkerrecht gewährt Deserteuren Asyl, Englands Aliens-Akt findet auf den politisch Verfolgten keine Anwendung — aber der Obmann eines jüdischen Schutzkomitees bringt die Seelengröße auf, flüchtige Juden durch öffentlichen Hinweis der Not preiszugeben, vielleicht sogar manche dem Tod, wenn sie wieder über die Grenze zurückgeschafft werden. Schon stürzen sich die deutschen Blätter schadenfroh auf das „historische" Dokument. Nur eine Blätterstimme von vielen. Die „Kons. Korr." schreibt: Die Verbreitung dieser russischen Seuche — wie hier die offenbar systematisch betriebene Einwanderung jüdischer Revolutionäre über die russische Grenze zutreffend genannt wird — muß schon einen sehr bedeutenden Umfang angenommen haben, um das Schutzkomitee zu dieser scharfen Maßnahme zu zwingen. „Genosse" Bernstein hat erst kürzlich gerade den obenerwähnten „Bund" als den aktivsten Revolutionsfaktor in Rußland bezeichnet. Einen solchen Faktor fernzuhalten, hat jedes ruhige Nachbarland Rußlands nicht nur ein Interesse, sondern die Pflicht. Man wird erwarten dürfen, daß die Regierung der Masseneinwanderung russischer Juden, die heute schon in unglaublich hoher Zahl manche deutschen Universitäten bevölkern, Einhalt tun werde. Die jüdische Oeffentlichkeit, die auf die- Ehre im Innern der Gemeinde hält, ist sicher mit ihrem Urteil über Herrn Perlmann fertig — aber die nichtjüdische Oeffentlichkeit muß auch erfahren, daß die deutschen Juden nicht so schmählich tief gesunken sind, die jüdischen Flüchtlinge als „Schnorrer und Verschwörer" von sich zu stoßen. Wir glauben bestimmt, daß der „Hilfsverein" als Zentrale für die Auswanderungsangelegenheiten Herrn Perlmann in der gebührenden Form desavouieren wird — wenn er es nicht schon getan hat. An andererStelle unseres Blattes bringen wir den Bericht Graf Witte * über eine Unterredung, die eine jüdische Deputation mit Graf Witte hatte. Es ist darüber gestritten worden und läßt sich auch darüber streiten, ob es notwendig, lohnend, würdig'war, diese Deputation zu entsenden. Graf Witte hatte mehrmals Gelegenheit, mit Juden über die russische Judenfrage zu sprechen, seine Erklärungen waren immer aalglatt, gewandt, — aber praktisch kam dabei nichts heraus. Nach den großen Pogromen intervenierte man öfters bei ihm,, er sprach viel von seinem Bedauern, seinem Mitgefühl,, schöne Worte, die nichts kosteten, — und die nächsten Wochen brachten neue Pogrome. Man darf Seinen neuesten Erklärungen nicht optimistischer gegenüberstehen. Wenn er als Hilfe gegen die Pogrome den Juden vorschlägt, selbst die Organe der Polizei zu überwachen, — bezeichnend genug für den Rechtsstand Rußlands, diese Aeußerung der Premiers! — so heißt das, zumal die Selbstwehr aufs strengste verboten wird, nichts anderes ..als den Schutz der jüdischen Interessen ,den Winden . preisgeben. Angenommen aber selbst den abenteuerlichen Zustand, daß 'der Bürger sich gegen den Hüter der öffentlichen Ordnung schützt angenommen sogar, daß ein Polizist mit Revolver und Säbel nicht stärker wäre als zehn unbewaffnete Juden, wer schützt die Juden gegen das Militär, wenn es, wie z. B. in Hornel, Pogrome inszeniert? Aber es ist darüber nicht viel zu reden. Es ist ja sehr zweifelhaft, ob Witte die Sache ernst gemeint hat. Und es wird so zunächst alles beim alten bleiben: Witte .wird die Regierung immer dagegen in Schutz nehmen, daß sie Pogrome organisiere, und die Regierung wird den „patriotischen Ligen" und den Kruschewans auch fernerhin den freiesten Spielraum gewähren. .. Interessant waren Wittes Aeußerungen zur Frage der Dumawahlen, Wenn man sich auch vor Augen halten muß, daß hinter jedem Wort Wittes eine versteckte Absicht liegen mag, wenn er auch den Juden zur lebhaften