Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No.ll- DIE^ELT 9 Auf Zwischendeck. reich erwachsen könnte. Und um sie zu Vollbürgern zu machen, ,dazu sind die tunesischen Juden zu zahlreich, sie würden zu begabte, zu gefährliche Konkurrenten der Franzosen werden, und die Zahl der Franzosen ist zu gering, als daß sie ein genügendes Gegengewicht bilden könnten. So denkt der politische Franzose, und der Gefühlsmensch kommt dem Politiker zu Hilfe und bemäntelt die kalte ürausamkeit der Politik mit einem Fetzen Humanität. . . . Wie gesagt, es ist eine deutliche Lehre für alle die, die sich z. B. heute von der Okkupation Marokkos durch Frankreich wer weiß was für die Juden versprechen und die auch sonst immer m Afrika, im Orient, die Juden künstlich den Protektorats- oder Missionsmächten aufpfropfen wollen. „Auf allen Meeren ziehen unsere Schiffe, wir könnten fast daran denken, eine jüdische Flotte zu etablieren", sagte einmal in wehmütiger Ironie einer unserer besten jüdischen Schriftsteller. Die jüdische Flotte! Wenn sie so hintereinanderzögen, Schiff für Schiff, mit den jüdischen Auswanderern auf Zwischendeck, welch ein Zug das doch wäre des Jammers, der Verzweiflung! So übermenschlich groß, so unfaßbar selbst durch gigantische Künstlerkraft daß nur das Grauen bliebe vor der überwältigenden Macht des zusammengepferchten Elends. In einem prachtvollen Gemälde hat ein jüdischer Künstler den Zug des Golus dargestellt: Im starren, bleiernen Glanz des Winters wandern Juden aus, Alte, Junge, Weiber, Kinder . . . Die Natur selbst hat für sie kein Erbarmen. Mitleidlos bohrt sich ihnen der Frost in die Leiber und haucht eisigen Atems die Kinder an, daß sie die ängstliche Mutterliebe kaum schützen kann, der Schnee klebt sich an die Füße der Wandernden, flimmert auf weitem Felde vor ihren brennenden Augen, und so ziehen sie aus der Hoffnungslosigkeit, gepeitscht vom unversöhnlichen Schicksal, vorwärts . . . wohin, welcher Hoffnung entgegen? Ein Zug der Unseligen. . . . Das Leben malt solche Bilder täglich, aber die Wirklichkeit ist grausamer als die mitleidige Künstlerhand, die auch das Grauen verklärt. Auf Zwischendeck! Das Wort macht die Aermsten der Armen schaudern. Unglückliche Juden, die, das Herz schwer von den Schrecken, die sie verlassen haben, schwer von Bekümmernis ob der Not, die sie erwartet, sich in die Winkel kauern — sie sind auf Zwischendeck Freiwild für Steward und Schiffsbedienung — schmutziges Gesindel, das den Weg verstellt, Scherereien macht, Zigeunervolk, das eine unverständliche, häßliche Sprache spricht. Bettelpack, aus dem nichts herauszuholen ist, das man am besten mit Schimpfworten, Püffen und Stößen regaliert, damit man sich nicht die Laune verderbe. Es war an der Zeit, daß sich die Philanthropen der Armen anzunehmen begonnen haben, denen schurkische Agenten für Schiffskarten das mühsam zusammengebrachte Geld unter lockenden Vorspiegelungen abnehmen, um sie dann der Rohheit der Schiffsleute preiszugeben. Schon sind bei manchen Schiffahrtsgesellschaften Einrichtungen getroffen worden, die die jüdischen Auswanderer vor den hundert Brutalitäten unterwegs schützen sollen — aber es bleibt noch viel zu tun übrig. Man lese nur die folgende Schilderung:*) „Ich weiß nicht, wie die deutschen and holländischen Schiffahrtsgesellschaften ihre Zwischendeckspassagiere behandeln — in welch roher Weise dies aber auf englischen Schiffen geschieht, will ich hier der Oeffentlichkeit unterbreiten im Interesse Hunderttausender, die alljährlich aus Rußland, Ungarn, Oesterreich und leider auch aus Deutschland ihren Weg nach Amerika über Liverpool nehmen. Ich hatte mich einige Zeit in England aufgehalten. Als ich mich dort Anfang August vorigen Jahres nach Fahrgelegenheiten nach Amerika erkundigte, erhielt ich von allen — deutschen sowohl als auch englischen und holländischen — Gesellschaften die Nachricht, daß die Kajütenplätze auf allen Amerikadampfern bis in den *) Entnommen der Zeitschrift „Export", Organ des Zentralvereins für Handelsgeographie usw. Oktober hinein ausverkauft seien. Ich hatte keine Lust zum Warten und nahm deshalb kurz entschlossen ein Zwischendeckbillett auf dem der Cunard-Linie gehörigen Dampfer „Lucania", der am 26. August von Liverpool absegelte, Pie.s des Billetts £ 6,10, Frauen zahlten dasselbe und erhielten dafür Ohrfeigen von rohen Stewards gratis. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ein Engländer sich soweit vergessen kann, daß er sich an armen, hilflosen Frauen tätlich vergreift. Aber es waren ja Zwischendeckspassagiere, in schmutzigen Ställen untergebracht, 20 und mehr Personen in einer „Kajüte". — Die konnten wie das liebe Vieh behandelt werden, besonders arme Weiber, die sich nicht mit den Stewards verständigen konnten. Weinend kamen sie zu mir, als sie hörten, daß ich der englischen Sprache mächtig war, erzählten mir von der traurigen Behandlung, die ihnen zuteil wurde und baten mich flehentlich um Intervention. Ich stellte den betreffenden Steward energisch zur Rede, was den prompten Erfolg hatte, daß dieser saubere Patron eine Stunde später eine alte Frau mit dem ersten besten Kücheninstrument derartig mißhandelte, daß sie ohnmächtig wurde. Ich verlangte sofort Zutritt zum Kapitän des Schiffes, der indessen unnahbar wie der türkische Sultan war und für den es offenbar nur Passagiere erster, eventuell auch noch zweiter, aber keine dritter Klasse gab. Statt seiner geruhte mich ein Offizier zu empfangen, dieser wieder ließ den Chefsteward dritter Klasse kommen, und dieser erst verbot dem rohen Patron, die Frauen zu schlagen. Das war die ganze Genugtuung, die gewährt wurde. Einer jungen Russin gab ich den Rat, sich selbst eine bessere zu verschaffen, und das hat sie auch redlich getan. Sie hat dem rohen Steward mit einer eklatanten Ohrfeige geantwortet, als dieser sich auch an ihr vergreifen wollte. Dann erst ward Ruhe auf dem Schiff. „Zwischendecksvieh" wurde nicht mehr geschlagen. Die Schlafstätten der dritten Klasse waren entsetzlich schmutzig. Angeblich sollten sie täglich gereinigt werden — aber wahrscheinlich nur auf dem Papier. Wo ist die Behörde? Gibt es keine Seepolizei in England, und kann diese dulden, daß 20 und mehr Menschen in einer „Kajüte" schlafen, die nur ein Stall oder eine Abfallküche ist? Und wenn man bedenkt, daß die Hunderttausende jährlicher Zwischendeckspassagiere der Europa-Amerika-Linien ein Hauptfaktor der guten Geschäftslage dieser Gesellschaften sind, dann kann man beinahe behaupten, daß die Gesellschaften, die diese ihre besten Kunden so traurig behandeln, wie es von Seiten der Cunard-Linie geschieht, sich einer schamlosen Ausnützung armer Menschen schuldig machen. Freilich, sie sind alle stumm, diese Auswanderer, und wenn sie erst einmal in Amerika sind, dann verdrängen die Existenzsorgen bald die Erinnerung an ihre traurige Amerikafahrt. Was für den Reisenden erster und zweiter Klasse eine Erholungsreise, das ist für den armen Zwischendecksmenschen eine Qual und eine Pein. Und wirklich, ich habe mich für England, dieses freie Land, das ich Lieben gelernt habe, geschämt, als mir arme russische Frauen sagten: „Ist das die englische Sauberkeit, ist das der Engländer? Unsere Leute sind auch nicht roher — und wir kommen aus Kischinew und Minsk ..." Eine Menge jüdischer Auswanderer aus Rußland und Oesterreich-Ungarn befand sich an Bord. Sie wären alle über Hamburg oder Bremen gefahren, wenn ihnen die Agenten der . Cunard-Linie nicht rituelles Essen an Bord des Schiffes zugesagt hätten. Diese Leute zeigten mir diesbezügliche Inserate der Cunard-Linie und sagten mir, sie machten nur deshalb den Umweg über Liverpool. Natürlich war von rituellem Essen keine Rede. Das ist zumindest nicht „fair" und heißt in Deutschland Vorspiegelung falscher Tatsachen!" Man kann es unterlassen, dieser Schilderung noch Aeußerungen der Entrüstung hinzuzufügen. Sie zeigt, daß es noch eine Fülle dringender Tätigkeiten gibt für alle, denen die Sorge für unsere Emigranten am Herzen liegt