Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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- Tunis 1× ep/1048155
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für Wahrheit und Gerechtigkeit noch zugänglich ist, so sollen wenigstens unsere eigenen Kinder, die mehr und mehr an das Antisemitengerede sich gewöhnen und bewußt und unbewußt sich die antisemitische Denk- und Redensart aneignen (jüdische Antisemiten sind ■;*tzt leider keine Seltenheit mehr), aus berufenem Munde erfahren, daß die Rechtsverletzung uns gegenüber eine (iewalttat ist, die durchaus nicht durch irgend welche jüdische Rassenfehler" zu rechtfertigen sei. Sollten wir als Volk falschen Beschuldigungen ausgesetzt werden, so sollen wenigstens die niederträchtigen Verleumdungen, durch die man uns als eine minderwertige und daher der Gleichberechtigung nicht würdige Rasse hinstellen will, an unserer nationalen Ehre nicht haften bleiben. Jede Entstellung soll als solche gekennzeichnet, jede^ Schmälerung unserer Rechte soll an den Pranger gestellt werden, jede Gewalttat soll flammenden Protest hervorrufen. Und sollten wir mit dem Kampfe um unsere Menschen- und Volksrechte nicht viel erreichen, so sollen wenigstens die blutigen Spuren dieses ungleichen Kämpfes für uns selbst und für die besser empfindende Menschheit als Zeichen der Vergewaltigung dienen. Nur so und nicht anders kann unsere nationale Würde bewahrt werden. Und nur so und nicht anders können auch unsere nationalen Interessen geschützt, unsere allgemein-menschlichen und nationalen Rechte wenigstens teilweise erkämpft werden. Ein christlicher Abgeordneter, und mag er noch so liberal» und human sein, kann als Nichtjude nicht oloß unsere nationale Würde nicht schützen, sondern uch nicht unsere nationalen Interessen. Denn erstens kennt er diese Interessen nicht gut genug und zweitens handelt es sich in der Politik nicht um Altruismus und Humanität. Ein mittelmäßiger Nationaljude wird noch immer die Interessen seines Volkes besser verteidigen als ein hervorragender (im besten Siune des Wortes) liberaler Nichtjude. 'Denn ersterer verteidigt seine eigenen blutigen Interessen, indem er für die seines Volkes kämpft, während letzterer fremde Interessen bloß aus logisch-prinzipiellen Gründen unter seinen Schutz nimmt, in seinem innersten Inneren aber ziemlich kalt bleibt. Es pflegt immer die Gewohnheit der assimjlatorischiüdischen Abgeordneten in Deutschland und Österreich yx\ sein, auf antisemitische Hetzreden nicht selbst zu erwidern, sondern liberale christliche Abgeordnete erwidern zu lassen, da'diese weniger der Apologie verdächtig seien und daher mehr wirken können. Wie wenig heilsam diese Vogel-Strauß-Politik gewesen ist, das ist jetzt ersichtlich; was noch nicht alle klar' ein-' sehen, ist, welches enorme Quantum von nationaler Würde bei einer solchen Handlungsweise verloren gegangen ist. Und diese Würde kann bloß durch jüdische1 Vertreter bewahrt werden, wie auch!bloß solchen Vertretern die Wahrung jüdischer Interessen, die 'ihrie'n wohlbekannter sind als den Fremden, anvertraut werden1 kann. Selbsthilfe muß auch in der Gegenwartspolitik die Losung der Juden sein: :' '' J Darum ist die Erwählung nationaljüdischer Vertreter,' und mögen sie noch so gering an Zahl sein, von ktf eminenter Bedeutung, daß kein Preis: für deren Durchbringung zu kostspielig ist. Wo solche gewählt werden können, dürfen die so schwergeprüften russischen Jtideii sich von keiner Drohung zurückschrecken lassen: gerade die jüdischen Vertreter in der Reichsduma, zu einem jüdisch-politischen Klub vereinigt, sind es, die auch in bezug auf die Verhinderung der Pogrome Hervorragendes werden leisten können. Wo aber jede Möglichkeit, einen jüdischen Abgeordneten zu wählen, fehlt, dürfen die Juden nur dann für einen liberalen Kandidaten, der die jüdische Gleichberechtigung! in sein politisches Programm ausdrücklich aufnehmen wird,; stimmen, wenn dadurch nicht das Leben und der Wohlstand der Juden des betreffenden Wahlbezirks gefährdet werden können. Sonst —und natürlich ist ebenso zu verfahren, wenn es vorauszusehen ist, daß ein judenfeindlicher Kandidat so wie so durchdringen'wird —~ gibt es für die Juden einen einzigen Ausweg: Wahlenthaltung. Denn niemand hat das Recht, für den zweifelhaften Nutzen, den ein nichtjüdischer Abgeordneter der jüdischen Sache bei seinem besten Willen bringen kann, ganz gewisse Opfer an jüdischem Blut und Gut darbringen zu lassen. Genug des jüdischen Blutes, das ein ganzes Jahrhundert hindurch für Feinde und Freunde des jüdischen Volkes geflossen ist! Wenn es wirklich ohne jüdische Opfer keine Freiheit geben kann, so sollen durch (das jüdische Blut dem jüdischen Volke eigene nationale Kämpfer erstehen, die seine Ehre retten, seine Würde bewahren und seine Interessen schützen werden! %^ POLITISCHE REVUE Aus Tunis. Es gilt als eine beinahe selbstverständliche Tatsache, (daß das Eindringen europäischer Völker, besonders iber vorgeschrittener, in zurückgebliebene Länder außerhalb Europas notwendigerweise den allgemeinen Fortschritt bedinge. Besonders großes Gewicht legen auf diese politische Umbildung gewisse Kreise üdischer Philanthropen und Politiker, die das einzige Heil für die luden in deren Franzpsierting oder Anglisierung sehen. Von diesem Standpunkte aus, wenn auch vielleicht nicht nur von diesem, hat die „Alliance" ihre bekannte Marokkopolitik betrieben. Die Wirklichkeit aber will den Wünschen und Träumen der Juden nicht immer Rechnung tragen. Es ist sehr wahrscheinlich: wenn die politische Konstellation es auch mit sich gebracht hätte, daß Marokko in die Sphäre des ausschließlichen Einflusses der französischen Republik geraten oder, wie der stehende Ausdruck lautet, „tunisiert" worden wäre, die Lage der marokkanischen Juden hätte doch eine kaum erhebliche Aenderung erfahren. Das Beispiel von Tunis:ist uns Zeuge dafür. In einer angesehenen französischen Zeitschrift „La Quinzaine Coloniale", die eine Politik der kolonialen Expansion vertritt und mit einflußreichen Kreisen Frankreichs in .inniger Verbindung steht, lesen wir eine bedeutsame, beinahe im offizieller* Tone gehaltene Auslassung über die Ansprüche, der tunesischen Juden, die wir im folgenden fast unverkürzt wiedergeben: ■ j , „Die tunesischen Juden, die gewissermaßen gegenüber., den Europäern und Mohammedanern der Regentschaft (von ,Tünisj den dritten Stand bilden, beginnen nunmehr ihre Klagen vorzubringen,' und zwar in der Form von Reklamationen -bei der beratenden. Kon-1 ferenz, durch Propaganda-Broschüren, Gesuche an das Parlament und Vorstellungen bei den Berichterstattern über das tunesische Budget. Sehen wir zu, worin diese Klagen bestehen und, falls sie begründet sind, in welchem Maße die Regierung des Protektorats ihnen Genüge leisten könnte. Es ist hervorzuheben, daß, abgesehen von' den Angelegenheiten des Personenrechts, die der Gerichts-