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Die Welt · 1906-03-16 · 11 (16.3.1906) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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letzteren* wenigstens werden dip Sozialdemokraten als solche sicherlich nicht außer acht lassen können. Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre, die, ohne Antisemiten vom Fach zu sein,, die Juden als, Ausbeuter der Bauern bekämpfen werden, (ohne daß sie in-Betracht, ziehea werden, daß die Juden durch ganz eigenartige äuß.ere Umstände zu solchen Ausbeutern geworden sind), sind durchaus keine Unmöglichkeit. , Daß die Sozialdemokraten dort gegen die Juden auftreten, wo es sich um nationale Rechte für das jüdische Volk handelt, das hat\uns das Beispiel der polnisch-galizischen Sozialdemokratie gelehrt/ Vielleicht der erbittertste Gegner der national-jüdischen Kurie in Österreich ist kein anderer als der Führer der polnischen Sozialdemokratie Galiziens, Ignaz Daszynski. Der Kampf der sogenannten „Separatisten" um die Anerkennung einer spezifisch-jüdischen Gruppe innerhalb der österreichischen Sozialdemokratie, wirft ein grelles Licht auf;das Verhältnis der Sozialdemokraten zur jüdischen Nation als solcher. Daß der erbittertste Gegner der mindestens teilweise nationalgesinnten jüdischen Sozialdemokratie, wie sie abgeblaßt genug im „Bund" vertreten ist, der Führer der russischen Sozialdemokratie, Georg Rlechanow, ist, ist ja eine allbekannte Tatsache. . Wenn dem so ist, wenn die Sozialisten aller Schattierungen nicht die jüdischen Interessen in der russischen Reichsduma in dem Maße vertreten können, wie diese Interessen bei der Tiefe und Acharniertheit des russischen Antisemitismus vertreten werden sollen,, so liegt kein zureichender Grund vor, weshalb sich die Juden allen Gefahren der Pogrome aussetzen sollen, um den Sozialisten, falls sie ihren Boykott der Reichsdumq. gegenüber aufheben sollten, durch ihre Stimmen im russischen Wahlkampfe zum Siege zu verhelfen. . Einen Fall gibt es jedoch, wo die russischen Juden alles riskieren, alles aufs Spiel setzen, vor nichts zurückschrecken dürfen: dort, wo es gilt, einen Juden als Vertreter des jüdischen Volkes in die Reichsduma durchdringen zu lassen. Wir betonen: „einen Juden als Vertreter des jüdischen Volkes", denn bis jetzt hatten wir in England, Italien, Österreich und Deutschland zwar ziemlich viele Juden als Abgeordnete, aber keine jüdischen Abgeordneten: diese Abgeordneten jüdischer Herkunft waren niemals als Vertreter der englischen, italienischen, österreichischen und deutschen Judenheit gewählt, sondern entweder als Konservative oder als Liberale, entweder als Nationalliberale oder als Sozialdemokraten, entweder als Polen oder als Deutsehe. Ein Jude, der als Vertreter der Judenheit des betreffenden Landes auftritt — davon gibt es meines Wissens bloß ein einziges Beispiel: Dr. St rauch er aus der Bukowina. Und gerade solche nationaljüdischen Vertreter haben die Juden in Rußland besonders nötig. Die Ausnahmslage der Juden als Volk, welches zerstreut ist unter andern Völkern, überall von den Wirtsvölkern abhängig, überall in der Minderheit, hat es bewirkt, daß sehr oft dasjenige, was für alle Völker gut ist,'für das jüdische Volk schlecht ist und umgekehrt., Das haben wir in der letzten Zeit bei den zwei russischen Wahlreglements, dem vom 6./19. August und dem vom 1.1./24. Dezember einmal mehr konstatieren können. Das zweite Reglement, weit davon entfernt, befriedigend zu sein, ist verhältnismäßig viel demokratischer als das erste. Und doch wäre es für die Judeji als solche viel besser gewesen, wenn das erste in Kraft getreten wäre. Denn das erste, auf dem Besitzzensus gegründete Wahlreglement gab ihnen, da sie einen großen Kaufmannsstand besitzen, die Möglichkeit, ungefähr 20 jüdische Abgeordnete zu wählen, d.h. beinahe soviel Vertreter, wie viele sie ihrem prozentualen Verhältnisse zur Gesamtbevölkerung Rußlands gemäß mit Recht beanspruchen dürfen; während das neue, demokratischere Reglement höchstens die Wahl von 5 jüdischen Vertretern ermöglicht. Die Ursache ist klar: da wir sogar in den am meisten von Juden bevölkerten Gouvernements nicht mehr als 18 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, so werden wir, so lange keine nach Nationalitäten eingerichtete Kurien- und Proportionalwahl eingeführt ist, desto weniger Vertreter wählen können, je demokratischer das Wahlsystem sein wird. ... Daraus ergibt sich, daß jede Boykottierung der Reichsduma behufs Erlangung eines wirklich demokratischen Wahlreglements für die Juden als solche von gar keinem Nutzen ist. Durch unsere abnorme inter-territoriale Lage als Volk ohne Land entsteht auch hier, wie oft auf andern Gebieten, ein tragischer Konflikt zwischen dem Allgemein-Menschlichen und dem Spezifisch-Jüdischen. Die Juden werden also ungefähr 5—6 Vertreter in der Reichsduma haben. Es ist leicht einzusehen, daß ein solches Häuflein unter einer Riesenmenge von Feinden schwerlich etwas von Bedeutung für das jüdische Volk wird tun können. Der Gedanke liegt nahe, -daß die russischen Juden auch wegen dieses Häufleins nicht den Gefahren der Pogrome ausgesetzt werden dürfen. Das ist aber nicht zutreffend. Der russische Antisemitismus betätigte sich bis jetzt erstens durch die judenfeindliche autokratische Regierung, zweitens durch die unorganisierte Pogrommasse. Bei einer konstitutionellen Verfassung — und sei sie noch so unvollkommen — wird es anders werden. Die Antisemiten werden sich organisieren und als große politische Partei auftreten. Mit andern Worten: der Antisemitismus wird politisch-organisiert und demagogisch auftreten. Und wenn das deutsche, österreichische oder wenn andere Parlamente judenfeindliche Brandreden zu hören bekommen, so wird die russische Reichsduma von solchen und noch viel geifervolleren Reden vollends überhäuft werden. Diesen antisemitischen Hetzreden muß die gebührende Antwort gegeben werden, sie müssen gebührend gebrandmarkt werden. Keine Verleumdung der Juden und des Judentums darf ohne Er« widerung bleiben, keine falsche Beschuldigung darf von Antisemiten dem jüdischen Volke ins Gesicht geschleudert werden, ohne daß sie Lügen gestraft werde. Und dies nicht bloß deshalb, weil das russische Volk in rebus judaicis so unwissend ist, daß oft sein Judenhaß sich mehr auf Vorurteile als auf Bosheit gründet, so daß jede öffentliche Aufklärung hier von Nutzen sein kann; darauf kommt es uns weniger an, da wir leider zu gut wissen, daß es sehr leicht ist, zu verdächtigen und sehr schwer, sich von Verdächtigungen reinzuwaschen, besonders, wenn es sich um die Verdächtigung der Juden handelt. Aber es kommt uns sehr viel darauf an, daß keine Schmach auf dem jüdischen Volke lasten bleibe, daß die jüdische Natiohalehre rein und makellos bewahrt werde. Sollten unsere Menschen- und Volksrechte trotz unseres mutigen Kampfes verletzt werden, so soll wenigstens derjenige Teil der Menschheit, der dem Gefühle

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