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Die Welt · 1906-03-16 · 11 (16.3.1906) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No.U---------------------------------------DIE3 siefteri Arbeiter haben ihre Untätigkeit während der Pogrome offen bekannt und — bereut. In Jusowka haben die russischen Arbeiter das Unerhörteste getan, sie haben die jüdischen Freiheitskämpfer, die ihnen freudigen Herzens die frohe Botschaft vorn Manifeste des 30. Oktober gebracht, in den Feueroferi geworfen; ob organisierte oder nicht organisierte Arbeiter diese verruchte Greueltat begangen haben, werden wTir wohl niemals erfahren; jedenfalls haben die organisierten Arbeiter weder dieses brutale Verfahren verhindert noch während des nachfolgenden Pogroms den Juden von Jusowka beigestanden. Ein Sturm der Entrüstung sollte in der Mitte der revolutionären Organisationen entstehen; feurige Proteste, begleitet Vüri Massenstreiks, mindestens wie sie von den Sozialisten geplant wurden, um die Entrüstung über das im Prozesse der Kronstadter Matrosen bevorstehende Todesurteil und den über Polen verhängten Kriegszustand auszudrücken, haben die Juden mit Recht von diesen, auf jüdischen Leichen aufgebauten Organisationen erwartet. In Wirklichkeit glaubten die Sozialisten mit einer an Witte übersandten Resolution über die jüdische Gleichberechtigung (als ob -es die Zeit Swjatopolk-Mirskys wäre und als ob sich revolutionäre Parteien jemals mit Resolutionen allein begnügt hätten!) und mit ein paar Aufsätzen über die „Kontrerevolution" ihre Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben. . . . Das kam nicht, wie viele meinen, aus bewußtem oder unbewußtem Antisemitismiis» Das kam hauptsächlich aus Mangel an Verständnis in bezug auf den eigenartigen Zustand deä Einzigartigen Volkes, das zwar seine nationale Einheit bewahrt, aber seine territoriale Einheit eingebüßt hat. — Und bei diesem Mangel an Verständnis der spezifisch-jüdischen Geschicke ist es fast eine Sache der Unmöglichkeit, daß die Sozialisten aller Schattierungen für die Juden so eintreten, wie sie eintreten müßten, wenn sie das Spezifische und Ausnahmsweise in der Judenfrage begriffen hätten. Wohl werden sie in der Reichsduma für die jüdische Gleichberechtigung stimmen; das unterliegt keinem Zweifel. Aber erstens werden sie mehr für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden als für die nationale Gleichberechtigung plädieren, da sie die Juden nicht als Nation anerkennen und den Juden Assimilation predigen (siehe Daszynski und den Kampf um die jüdische Autonomie in Österreich, Plechanow und dessen Kampf mit dem „Bund" usw.); zweitens werden sie die jüdischen Widersacher nicht so bekämpfen, wie man eine eigenartige, ich möchte fast sagen, elementare Erscheinung bekämpfen muß, sondern sie werden gegen den Antisemitismus so auftreten, wie man gegen ein oberflächliches Vorurteil auftritt, das man einfach und leicht zu beseitigen sucht. Sie werden den Judenhaß zu leicht hinnehmen und die Schwierigkeit der Lösung der Judenfrage unterschätzen. Und dadurch werden sie ersteren nicht zu entwurzeln, letztere nicht zu erleichtern vermögen. Aber dazu kommt noch etwas sehr Wichtiges: Wie bekannt unterscheiden sich die Sozialrevolutionäre von den Sozialdemokraten unter anderm auch dadurch, daß erstere viel mehr Gewicht auf die Bauern legen als auf die Fabrikarbeiter. Und sie haben insofern recht, als Rußland ein ackerbautreibendes Land xax' £?oxyjv ist und die Landbauern fast 80 Prozent der Gesamt.bevölkerung ausmachen, während die Zahl der [ELT----■---5 Fabrikarbeiter verhältnismäßig gering ist. Das sehen aberdieSozialdemokratenallmählich ein, und Plechanow hat jüngst die Bemerkung gemacht, daß es auch den Sozialdemokraten nicht einfällt, die Hilfe der Bauern behufs Durchführung ihres Minimumprogramms als entbehrlich zu betrachten. Allein die Kluft zwischen Bauern und Juden ist so tief und so weit, daß der Haß der ersteren den letzteren gegenüber viel stärker sein muß, als der der andern russischen Stände: denn, obwohl die Klassendifferenzierung des jüdischen Volkes noch lange nicht zum Abschluß gekommen ist, — sie hat vielmehr erst jetzt begonnen — hat das jüdische Volk immerhin schon jetzt einen bedeutenden Stand der Groß-Bourgeoisie und einen noch bedeutenderen Stand der Klein-Bourgeoisie, ein zwar nicht sehr bedeutendes Arbeiterproletariat und ein enormes Lumpenproletariat. Diese jüdischen ökonomischen Klassen, obwohl sie unter dem nationalen Kampf mit den ihnen entsprechenden christlichen Klassen leiden, haben immerhin .auch gewisse Berührungspunkte mit den letzteren, weshalb der nationale Haß ihnen gegenüber sich nicht so schroff offenbart. Was die russische Judenheit ganz und gar nicht besitzt, ist ein Bauernstand; die einigen Tausend Kolonisten der armseligen jüdisch-russischen Kolonien in den Chersoner und Jekaterinoslawer Gouvernements können doch wahrlich nicht als solche betrachtet werden. Und neue, großangelegte jüdische Kolonien können in Rußland niemals entstehen; das ist den österreichischen Juden auch bei voller papierener Gleichberechtigung nicht gelungen, und jeder Acker Erde, den ein galizischer Jude ankauft, ruft ein Zetergeschrei hervor, sowohl von Seiten der polnischen Schlachta, als des ruthenischen Bauernstandes. Es ist nicht einzusehen, weshalb es in Rußland in dieser Beziehung besser sein sollte, besonders wenn man den großen Mangel an Erde in Betracht zieht, der in Rußland von jeher herrscht und unaufhörliche Agrarunruhen verursacht. Die Juden werden also in Rußland zu Ackerbauern in irgendwelcher beträchtlicher Anzahl nicht werden können. Trotzdem werden sie sich, nachdem die Ausnahmegesetze sich etwas gemildert haben werden, in den größeren Dörfern ansiedeln, wo es noch Gelegenheit gibt für Händler- und Vermittlertätigkeit. Auf diese Weise werden die Juden auch in den Dörfern denjenigen Platz einnehmen, den sie bis jetzt in den Städten eingenommen haben, sie werden die Vermittler zwischen den Produzenten und den Konsumenten sein, d. h. sie werden diejenige Rolle spielen, die dem Bauernstand, als dem am meisten produktiven, am meisten verhaßt ist. Wir erinnern bloß an die „Kölka rolnicza" in Galizien, die gegen die Juden als Vermittler zwischen den Bauern und den städtischen Konsumenten direkt gerichtet ist. Daß dadurch der Judenhaß, der auch ohnedies unter den Bauern stark und gefährlich genug ist, in hohem Grade gesteigert werden wird, das unterliegt gar keinem Zweifel. Und da die Vertreter der Sozialdemokratie (von denen der Sozialrevolutionäre gar nicht zu reden) in der Reichsduma, wie gesagt, auf den Beistand des russischen Bauernstandes nicht verzichten können, so werden sie zweifellos einer so starken Emotion, wie dem bäuerlichen Judenhaß, schon deshalb Rechnung tragen müssen, weil dieser Haß bei den neuen Verhältnissen nicht bloß aus religiösen Vorurteilen oder nationaler Antipathie seine Nahrung ziehen, sondern auch ernsten ökonomischen Ursachen entspringen wird; und diese

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