Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4---------D|Ej Leider aber fehlt uns der Glaube an die erlösende Tätigkeit der Reichsduma überhaupt und an deren menschlichere Stellung zur-Judenfrage insbesondere. Denn von wem sollten die Juden ihre Menschenrechte erwerben? Ober die konservativen Parteien ist kein Wort zu verlieren; denn diese haben sich bereits klar und deutlich als Antisemiten reinsten Wassers gezeigt. Der Judenhaß ist sogar ein wichtiger Punkt ihres politischen Programms und wird immer betont. Unter den Gemäßigtliberalen gibt es auch Nichtantisemiten; deren Mehrzahl ist antisemitisch angehaucht. Es bleiben also die konstitutionellen Demokraten, die Sozialrevolutionäre und die Sozialdemokraten übrig. Auch erstere stehen jetzt ganz gewiß auf einem judenfreundlichen Standpunkte, und vorläufig werden sie sicherlich die Oleichberechtigung der Juden befürworten. Sollte die Judenfrage gleich nach dem ersten Zusammentreten der Reichsduma (am 27. April — 10. Mai) zur Verhandlung kommen, so würden die konstitutionellen Demokraten zweifelsohne für die Rechtsgleichheit der Juden stimmen. Denn in der ersten Zeit ihrer Existenz wird diese Partei, die von beiden Extremen verfolgt wird, wirklich liberal und wirklich demokratisch sein. Der äußere Druck und der innere junge fortschrittliche Eifer werden dies schon bewirken. Allein die Judenfrage wird sicher nicht in der ersten Session der Reichsduma verhandelt werden; dafür werden schon Durnowo und Genossen sorgen. Und mit der Zeit wird der fortschrittliche Eifer der konstitutionelldemokratischen Partei abgekühlt werden, wie auch der auf ihr jetzt lastende Druck abgeschwächt werden wird. Und dann wird sie entweder ganz „verjudet" werden und als solche nicht mehr den gewünschten Einfluß besitzen, oder aber sie wird sich von den Juden möglichst fernhalten und den jüdischen Interessen kalt gegenüberstehen, um nicht dem Vorwurfe der „Verjudung" ausgesetzt zu sein. Genau so ging es der nationalliberalen Partei in Deutschland und der demokratischen in andern Ländern Westeuropas. Denn eigentlich nehmen die liberalen und sogar demokratischen Parteien in einem konstitutionellen Lande denselben Platz ein, den die Konservativen in einem autokratischen besitzen; besonders wenn an ihrer Seite viel extremere Parteien bestehen, revolutionäre und sozialdemokratische. Schon die Existenz selbst dieser extremeren Parteien macht die liberalen und demokratischen viel zahmer und viel konservativer. Denn die wirklich radikal und revolutionär Gesinnten schließen sich allmählich diesen extremen Parteien an. so daß in den Reihen der weniger extremen nur Halbradikale und Halbkonservative bleiben. Genau so wird es auch der russischen konstitutionell-demokratischen Partei ergehen. Mag sie es jetzt ganz ehrlich mit ihrem Demokratismus meinen, — sie wird es nicht für längere Zeit bleiben. Die wirklich radikaldemokratischen Elemente werden allmählich zu den Sozialrevolutionären und Sozialdemokraten übergehen und die konstitutionell-demokratische Partei wird unversehens, vielleicht auch unbewußt, zu einer gemäßigtliberalen Partei werden müssen. Ist sie ja schon jetzt ganz und gar nicht revolutionär, sondern oppositionell. Und eine solche kann niemals den Antisemitismus entschieden und mit aller Kraft bekämpfen. Sie ist dazu zu wenig radikal. Um ein so tief eingewurzeltes, man kann fast sagen — eingeborenes Sentiment, wie der Antisemitismus eines ist, schonungslos zu begELT-------No.n kämpfen, um den. Judenhaß wenigstens in eigener Mitte mit der Wurzel auszureißen, muß in einer Partei ein wirklich radikaler, revolutionärer Geist herrschen, den die konstitutionell-demokratische Partei weder besitzt noch besitzen kann. Sie wird — das wollen wir hoffen — niemals ausgesprochen antisemitisch auftreten, das tut bis jetzt auch die deutsche nationalliberale Partei nicht. Aber aus Prinzipienreiterei die Parteiinteressen, die immer durch den Ruf der „Verjudung" geschädigt werden, der Beschützung der Juden zum Opfer darbringen — das wäre zu viel sogar für eine demokratische Partei. Denn selbst die revolutionären Parteien sind nicht gern bereit, solche Opfer zu bringen . . . Das Beispiel der westeuropäischen Juden, die jahrzehntelang hindurch alle ihre Hoffnungen in die nationalliberalen und demokratischen Parteien gesetzt haben und so bitter enttäuscht wurden, soll als Warnungszeichen für die russischen Juden dienen. Der Gefahr der entsetzlichsten Pogrome ausgesetzt werden, um der konstitutionell-demokratischen Partei im Wahlkampfe Heeresfolge zu leisten, — das wäre für die schwergeprüfte russische Judenheit ein zu hoher Preis für zu geringe politische Werte. Die revolutionären Parteien Rußlands haben beschlossen, die Reichsduma zu boykottieren, und bis jetzt haben sie tatsächlich nicht bloß nicht selbst an den Wahlen teilgenommen, sondern letztere sogar gewaltsam gestört. Sie kommen also für die ersten russischen Wahlen gar nicht in Betracht. Aber auch wenn sie jetzt, in der zwölften Stunde, ihren Beschluß ändern und an den Wahlen teilnehmen sollten, so könnten wir uns auf sie — wir müssen unsere Ketzerei bis zu Ende führen — nicht sonderlich verlassen. Wir wollen weder ihren Gleichheitsdrang verdächtigen, noch sie des Antisemitismus beschuldigen. (Wir gehören gar nicht zu denjenigen, die überall Antisemitismus wittern und den Zionismus auf der Ewigkeit und Allgegenwart des Judenhasses gründen.) Die Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre sind keine Antisemiten. Aber was sie zu ungeeigneten Verteidigern der jüdischen Menschen- und Volksrechte macht, ist folgenderUmstand: sie sehen nicht, und wollen auch nicht sehen, daß die Judenfrage etwas Eigenartiges, Ausnahmsweises ist, weshalb auch ein spezifisches, ausnahmsweises Verhalten zu ihr und zu ihren Folgen erforderlich ist. Deshalb — nicht etwa aus Antisemitismus — haben sie die Pogrome so hingenommen, wie sie eine so einzige in ihrer entsetzlichen Art spezifische Erscheinung nicht hinnehmen sollten. Es genügte ihnen die Phrase „Kontrerevolution", obwohl antijüdische Pogrome auch in von Revolutionen gar nicht berührten Zeiten und Ländern vorkamen, und obwohl Kontrerevolutionen mit harmlosen Weibern und Greisen und mit zweijährigen Kindern nichts zu tun haben. Es genügte ihnen, zu proklamieren, daß die Juden volle Freiheit und Gleichheit mit allen andern Völkerschaften Rußlands erlangen werden, obwohl sie doch sehen sollten, daß, während alle andern Völkerschaften Rußlands schon bis jetzt untereinander in ihren Rechten oder in ihrer Rechtlosigkeit ziemlich gleich waren, das jüdische Volk bis jetzt in einem völligen Ausnahmezustande hinsichtlich seiner Rechte oder Rechtlosigkeit mitten unter allen diesen Völkern dastand. Dadurch erklärt sich auch ihr verhältnismäßiger Indifferentismus wrährend der Pogrome und nach denselben. Die Odessaer organi-