Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-03-16 · 11 (16.3.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316198--47901-3342807
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

DIE ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIERRING 23 — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — REDAKTION: BERTHOLD FEIWEL, A. CORALNIK - X. JAHRG. Köln, 16. März 1906 q-nrf? rbnn"« nn"ü"' No. 11. ZWISCHEN HAMMER UND AMBOSS Von Dr. Joseph Klausner (Lausanne) Auf der ersten Sitzung der jüngst abgehaltenen dritten Konferenz des „Verbandes zur Erreichung der Vollberechtigung der russischen Juden" wurde eine lange Reihe von Berichten aus zahlreichen russischjüdischen Groß- und Kleinstädten damit begonnen, daß folgende Tatsache festgestellt worden ist: die Juden dieser zahlreichen Städte werden von den russischen reaktionären Parteien mit Pogromen bedroht, falls sie sich entschließen würden, irgend einer liberalen Partei ihre Stimmen zu geben. Die russische Judenheit steht also vor einem äußerst schwer zu entscheidenden Dilemma: entweder sich des Votums gänzlich zu enthalten und so eines der wichtigsten Bürgerrechte verlustig zu werden (von einer Votierung zugunsten der reaktionären Parteien kann natürlich gar keine Rede sein, das hieße einen nationalen Selbstmord begehen) und — was viel schlimmer ist — den Reaktionären zum Siege zu verhelfen, da in vielen Städten die Juden zwar keine Mehrheit bilden und daher einen eigenen Kandidaten zu wählen nicht imstande sind, wohl aber die Wagschale auf die Seite der einen oder der andern Partei zu neigen vermögen, oder aber den liberalen Parteien Hilfe zu leisten und dabei einen Pogrom mit allen seinen furchtbaren Begleiterscheinungen ruhig abzuwarten. Denn wenn die Wahlkämpfe sogar in Westeuropa sehr oft von Zusammenstößen und Schlägereien begleitet werden, so ist es klar, daß diese Zusammenstöße im blutdurchströmten Rußland in grauenerregende Massenmördereien ausarten werden. Und die Juden werden natürlich der erste Sündenbock sein. Man kann sich die Lage der russischen Judenheit leicht denken: einerseits der Verlust einer jeden Hoffnung auf eine liberale Lösung der Gleichberechtigungsfrage, die der Reichsduma unterbreitet werden wird; denn sollten die reaktionären Parteien im Wahlkampfe über alle andern Parteien den Sieg davontragen, so würde die Gleichberechtigung der Juden sicherlich nieht votiert werden; und anderseits — die Juden haben so rasch die Schreckenstage von Kischinew, Odessa, Kiew, Hornel und Jekaterinoslaw noch nicht vergessen können . . . Was tun? Hätten wir ebenso wie viele andere Juden in Rußland glauben können, daß die Votierung der Juden zu gunsten der liberalen Parteien wirklich unsere Gleichberechtigung herbeiführen würde, so wären wir auch vor noch so großen Gefahren nicht zurückgeschreckt. Denn, wie wir es bereits im vorigen Artikel*) ausgesprochen haben, für ein Volk, das die russischen Oktober- und Novembertage durchgemacht hat, gibt es nichts Schreckliches mehr auf Erden. Und wir denken so, nicht weil wir, wie manche jüdische Revolutionäre, die grauenerregenden Massacres leicht hinnehmen, sondern eben deshalb, weil wir deren ganze Grauenhaftigkeit erkennen, zu gleicher Zeit aber auch überzeugt sind, daß, solange die russischen Juden in einem Ausnahmezustand der Rechtlosigkeit verkümmern werden, die Pogrome bei einem freieren Regime häufiger und brutaler sein müssen. Um also deren Häufigkeit und Brutalität wenigstens zu verringern, müssen die Juden vor allem Gleichberechtigung, Menschenrechte, erlangen. Und wenn es sich wirklich darum handelte, diese zu erreichen, so wäre kein Opfer der Welt zu groß und zu kostspielig. „Das Leben ist der Güter höchstes nicht", sagt Schiller. Die Juden in Rußland führten bis jetzt im staatsbürgerlichen Sinne ein menschenunwürdiges Leben; wenn sie sich sogar durch'Metzeleien, denen sie doch auch ohnedies ausgesetzt sind, ein menschenwürdiges Dasein in naher Zukunft erkaufen könnten, so wäre der schreckliche Preis nicht zu hoch. Menschenrechte und Volksglück werden immer durch Menschenbltit und Volkselend erworben. *) „Die Welt" Nr. 9, S. 3: „Der Ernst der Lage." ■f

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.