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Die Welt · 1906-03-09 · 10 (9.3.1906) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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12 ■No.10 £$R CK§ FEUILLETON §^ &o DIE FLAMMENROLLE AUS DEN LEGENDEN DER ZERSTÖRUNG VON Cü. N. BIALIK Aus dem Hebräischen übersetzt von A. Coralnik. 1 Die ganze Nacht durch lohten Meere von flammen, und es umkreisten Feuerzungen den Berg des Hauses. Am glühenden Himmel schmolzen Sterne und sprühten in Funken nieder zur Erde. Hat Gott seinen Thron hingeschleudert und seine Krone zerschmettert? Und Wolkenfetzen, rotgetränkt und gesättigt von Feuer und Blut, irrten umher in den Weiten der Nacht und erzählten in den fernen Bergen vom Zorne des Gottes der Rache und kündeten seinen Grimm zwischen den Felsen der Wüste. Hat Gott den Purpurmantel zerrissen und seine Fetzen in die Winde gestreut? Und der Schrecken Gottes legte sich auf die fernen Berge, und Beben umfing die düsteren Felsen der Wüste: Ein Gott der Rache ist Gott, der Gott der Rache ist erschienen. Da ist er, der Gott der Rache, er, in seiner Majestät, er selbst. Ruhevoll, furchtbar sitzt er auf dem Throne von Feuer in der Mitte des Meeres von Flammen. Seine Hülle eine Purpurflamme, und sein Fussschemel glühende Kohlen. Ihn umwallen Schwärme von Feuer, ein tobender Tanz lodert um ihn. Um sein Haupt kreist eine Flamme, sehrend in Glut die Sphären des Weltalls. Und er sitzt ruhevoll, furchtbar, verschränkend die Arme über der Brust, Flammen weitet er mit dem Blick seiner Augen, und die Glutherde peitscht er auf mit dem Zucken seiner Lider. Lobpreiset Gott, ihr Schwärme von Feuer, lobpreiset Gott, Stürme von Brand und Tänze von Glut! 11 Und als der A\orgenstern aufblitzte über den Bergen und bleiche Nebel durch die Täler zogen, da sänftigten sich die Meere der Flammen, und es versanken die Feuerzungen in der Asche des Gottestempels auf dem Berge des Hauses. Und die diensttuenden Engel versammelten sich nach ihrer Sitte in den neiligen Chören, das Lied des Morgens zu singen. Und sie öffneten die Fenster des Himmels und streckten die Köpfe entgegen dem Berge des Hauses, zu sehen, ob sich öffneten die Tore des Tempels und aufsteige die Wolke des Weihrauchs. Und sie sahen: Gott, der Herr, Zebaoth, der Uralte an Tagen, sitzt im dämmernden Morgen auf den qualmenden Trümmern, rings um ihn Wolken von Rauch und zu seinen Füssen Asche und Schutt, sein Haupt gesenkt in die Arme, und Berge von Gram auf seinem Kopfe. Schweigend und kummervoll sitzt er und blickt Anm.: Dieses Poem von Bialik ist im letzten Hefte der Zeitschrift „fiaschiloach" veröffentlicht worden. Wir werden in einer der nächsten Mummern eine eingehende Würdigung des Dichters zu geben versuchen. — — auf die Trümmer, das Düster aller Welten beschattet seine Lider, und in seinen Augen erstarrte die grosse Träne. Und noch qualmte Rauch von dem Berge des Hauses. Haufen von Asche, Hügel von glimmendem Brande und rauschende Scheite übereinandergestürzt, Stösse von glühenden Kohlen glänzten wie geschichtete Garben von Krystall, wie Karfunkel und Opal im Dämmern des Morgens. Und der Löwe von Feuer, der auf dem Altar gelagert wrar, immer, bei Tag und bei Nacht, erlosch und war nicht mehr. Nur eine verwaiste Locke von seiner Mähne glomm noch und zitterte und rang mit dem Tode auf einem Haufen verbrannter Steine im Dämmern des Morgens. Und es erkannten die diensttuenden Engel, was ihnen Gott getan, und sie erbebten sehr. Und mit ihnen erbebten alle Sterne des Morgens. Und es hüllten die Engel iiir Antlitz in ihre Flügel, denn sie hatten Furcht zu schauen den Schmerz des Herrn. Und ihr Lied wandelte sich an jenem Morgen in eine lautlose Klage und in ein Wehklagen der stummen Stille. Schweigend gingen sie auseinander und weinten, jeder Engel für sich, jeder Engel für sich, und leise weinte mit ihnen die ganze Welt. Und ein stiller Seufzer, still und tief, stieg auf von einem Ende der Erde und breitete sich aus und zerbrach in der Stille des Weinens ... Es zerbrach das Herz der Welt, und Gott konnte es nicht mehr tragen. Und es erwachte Gott und brüllte mit dem Brüllen eines Löwen und rang die Hände, und die Heiligkeit Gottes hob sich auf von den Ruinen und ging hinein in das Geheimnis ... Und der Stern des Morgens leuchtete in der Keuschheit seines Schmerzes gegen den Berg des Hauses. Von dem azurenen Himmel schaute er nieder auf die Trümmer, und die silbernen Wimpern zitterten in der Stille. Und ein junger Engel mit traurigen Augen und schimmernden Flügeln, der Hüter der Perlen der Träne, die in dem Kelche des stummen Schmerzes geborgen war, sah von dem Morgensterne aus die Locke von Feuer, die übriggebliebene von dem Löwen des Herrn, wie sie glomm und zitterte und rang mit dem Tode auf dem Haufen verbrannter Steine auf dem Berge des Hauses. Und es erschauerte das Herz des Engels, und es bangte ihm sehr. Vielleicht erlischt die letzte Kohle Gottes, und das Feuer des Heiligtums verschwindet von der Erde, und jede Spur wird ausgetilgt von dem Volke Gottes und von seinem Hause.

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