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Die Welt · 1906-03-09 · 10 (9.3.1906) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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N o.lO DIEÄLT 11 Für uns Zionisten ist es noch wichtig zu betonen, dass fast 50°/o der Versammelten zionistisch waren, und dass man, obwohl die Resolutionen der Zionisten meistens nicht angenommen wurden, (was der ünorganisiertheit der Zionisten und dem selbständigen Vorgehen der einzelnen Delegierten auf der Konferenz zuzuschreiben ist), man doch behaupten kann, dass der nationale Geist allmählig alle Schichten des jüdischen Volkes in Russland durchdringt und sie für ein gemeinsames Vorgehen reif macht. E. Sch.-F. DER POGROM VON HÖMEL Die letzte Judenmetzelei in Hornel ist" die neueste und zugleich auch die fürchterlichste Form der von der Regierung veranstalteten Massakres. Früher pflegte die Polizei die Metzeleien geheim zu organisieren, das Militär verhielt sich teilnahmlos und hinderte die Hooligans nicht an ihrer Arbeit. Später blieb die Rolle der Polizei dieselbe, die Hooligans raubten und mordeten wie früher — aber schon mit Hülfe des Militärs. Jetzt aber ist 'ein Wandel in der Rollenverteilung eingetreten: Das Militär hat selbst das Rauben und Morden begonnen: Hooligans waren in Hornel fast gar nicht zu sehen. Soldaten und nur Soldaten haben geplündert, gemordet, ganze Strassenviertel eingeäschert und die Stadt mit Schrecken erfüllt. In der Fesstellung dieser Tatsache stimmen alle überein, die diese Schreckenstage mit erlebt haben. Noch mehr: aus ihren Aussagen lässt sich ohne jeden Zweife1 feststellen, dass das ganze Benehmen des Militärs, mit dem die Stadt überfüllt war, schon einige Tage vor der Metzelei das Schlimmste ahnen Hess. Am 22. Januar war ein allgemeiner Streik anberaumt als Zeichen der Trauer über die Gefallenen in Petersburg; die Läden waren vom frühen Morgen an geschlossen, aber nachher öffneten sie sich, da die Polizei die Inhaber bedrohte, dass widrigenfalls Kosaken die Läden plündern würden. Jeder, der sich abends auf die Strasse hinauswagte, wurde seines Geldes und aller Wertsachen beraubt und unbarmherzig geschlagen. Es sind auch einige Raubanfälle auf Läden vorgefallen, woran Polizei und Kosaken sich beteiligten. Am anderen Tage, dem 23. wieder dasselbe, aber in noch verstärktem Masse: die Raubanfälle häuften sich, in einem geplünderten Laden entstand Feuer, da die Räuber die Waren mit Naphta übergössen und angezündet hatten. Aber diesmal gelang das höllische Machwerk nicht: das Feuer wurde bald gelöscht. Am folgenden Tage 'vurde der Polizeipristaw Ossonow ermordet: das war die Rache für die furchtbaren Misshandlungen, die er den in seine Hände gefallenen Revolutionären widerfahren liess. In der Stadt entstand eine Panik, man ahnte Unheil; und wirklich, auf den Strassen zeigten sich berittene Tscherkessen, welche anfingen, nach rechts und links zu schlagen und zu stechen. Ins Krankenhaus wurden an diesem Tage vier Schwerverwundete gebracht; es gab auch viele Minderverletzte. Die richtige Metzelei begann am 26. Bis dahin war es nur ein „Kinderspiel14 der Tscherkessen gewesen. An diesem Tage, gegen 4 Uhr nachmittags, wurde in einer Kirche geläutet — es war dies ein Signal: gleich darauf erschien auf der Rumjanzewskaja Strasse der Bankbeamte Schwandt (ein Deutscher) mit noch einem Hooligan und begann mit einem Säbel die Scheiben in den benachbarten Läden einzuschlagen, sein Begleiter gab einige 1 Revolverschüsse ab. Der ganze Vorgang war auch früher verabredet, denn auf die Schüsse kamen sofort Tscherkessen herbei und begannen die Strasse entlang zu schiessen. Man hörte weder die üblichen Rufe: „Schlagt die Juden", noch das Pfeifen und Johlen der Strassenjungen, man sah keine zerrissenen Federbetten, es fehlten alle Merkmale der „gewöhnlichen*4 Judenmetzeleien. Als erstes Opfer hatten sich die Tscherkessen die Buchhandlung von Ssyrkin ausersehen : Bücher wurden zerrissen, die Ladeneinrichtung kleingeschlagen, das Ganze mit Naphta übergössen und angezündet. Daselbe Schicksal ereilte noch mehrere Geschäfte, wobei es auch Verwundete und Getötete gab. In derselben Zeit begab sich eine Abteilung Dragoner zum Arzt"Salkind, der weit abseits von der Rumjanzewskajastrasse wohnt und als freiheitlich gesinnter Mann bekannt ist. Die Soldaten begannen sein Haus zu beschiessen und töteten dabei einen dort wohnhaften Schuhmacher Wenn nicht der Befehl eines benachbarten Obersten zum Rückzüge gekommen wäre, so wäre das Haus samt seinen Einwohnern vernichtet worden. Ein anderer Arzt, Dr. Sacharjin, war nicht so glücklich: als er, ungefähr um dieselbe Zeit, eine Abteilung Soldaten mit einem Offizier an der Spitze kommen sah, flüchtete er sich mit seiner Familie zu seinem Nachbar, einem Christen. Die angekommenen Soldaten fanden in der Wohnung des Dr. Sacharjin nur ein christliches Dienstmädchen, das, von den Soldaten mit dem Tode bedroht, ihnen den Zufluchtsort ihres Herrn entdeckte Sofort begab sich der [Offizier mit vier Mann dahin und verhaftete Sacharjin, die übrigen Soldaten plünderten unterdessen seine Wohnung, eigneten sich alles Wertvolle an, das übrige wurde kurz und klein geschlagen. In derselben Zeit begaben sich einige Tscherkessen nach einer kleinen Synagoge, brachen die Türen gewaltsam auf, misshandelten furchtbar einen vierzehnjährigen Jungen, der sich dort versteckt hatte, zertrümmerten alle Lampen, die gerade mit Öl angefüllt waren, zündeten an und begaben sich r ihig weiter an ihre „Arbeit." Der Junge entkam mit Mühe und N3t aus dem brennenden Hause. In der Rumjanzewskaja ging c'as Brennen, Morden und Plündern weiter vor sich; die Einwohner befanden sich in einer schrecklichen Lage: blieb man im Hause, wurde man verbrannt bei lebendigem Leibe, ging man auf die Strasse, wurde man niedergeschossen. Man entkam durch Hintertüren, kletterte auf die Dächer und liess sich von da auf Stricken herunter, man brach Löcher in die Mauern und rettete sich auf diese Weise durch Höfe und Gärten. Auf den Strassen sieht man Soldaten, Tscherkessen, Kosaken mit verschiedensten Waren bepakt, ganze Wagen voll geraubter Sachen werden fortgebracht, ein jeder, der den Plünderern Widerstand entgegensetzt oder sie nur genauer ansieht, um sie sich zu merken, wird niedergeschossen. Der Brand verbreitet sich allmählich auf andere Strassen; die Tscherkessen versuchen den Laden von Ljubin anzuzünden, von da aus konnte das Feuer ins ärmste Stadtviertel hinübergreifen, aber mit Hülfe von sechs Rubeln gelingt es, den Laden zu retten. Nach Mitternacht steht die halbe Stadt in Flammen, die besten Strassen, die reichsten Magazine lodern. Das Löschen ist unmöglich, jeder, der es wagt, wird niedergeschossen; Feuerwehr ist nicht da, die Polizei lässt sie nicht zur Brandstätte heran. Erst gegen Morgen gelingt es den Arbeitern vom Depot der Eisenbahn mit einer Dampfspritze dem Feuer Einhalt zu tun. Am folgenden Tage bietet die Stadt ein trauriges Bild: der beste Stadtteil ist verwüstet; auf den Strassen sieht man nur Kosaken und Soldaten, jeder Eisenbahnzug führt Hunderte von Homeler Einwohnern aus diesem Schreckensorte fort. Um 5 Uhr ist die Stadt wie ausgestorben, niemand wagt sich in die Strassen, der blosse Name des Generals Orloff, der zur „Ruheustiftung in der armen geplünderten und beraubten jüdischen Bevölkerung nach Hornel gekommen ist, erweckt,Schrecken in jedem: man weiss ja, auf welche Weise er in den Baltischen Provinzen „Ruhe" gestiftet hat . .

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