Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No.10- DIE^ELT 13 Und hastig flog er von dem Sterne des Morgens hinunter, eine Feuerpfanne in seiner Hand, und er Hess sich nieder auf den Trümmern des Hauses, eilte bebenden Schrittes zu dem Orte des Altars, scharrte Gottes Flamme hinein in seine Pfanne, breitete die Flügel aus und flog von dannen. Und eine Perlenträne fiel aus dem Auge des Engels und.versank zischend in dem Haufen der glimmenden Kohlen. Es war die einzige Träne, die der Engel aus dem Kelche des stummen Schmerzes entnommen, die Träne von Hilfe und Erbarmen für die Rettung des Restes vom Feuer Gottes. Und es flog der Engel zwischen den Wolken des reinen Azurs, in der Hand die heilige Flamme, an sein Herz presste er sie, an seine Lippen führte er sie, vor ihm hüpft mit Frohlocken der Stern des Morgens, und in seinem Herzen sprudelt ein Quell von Hoffnung und Trost. Und er brachte sie auf eine öde Insel und legte sie dort auf die Spitze eines steilen Felsens, er hob auf seine traurigen Augen zum Himmel, und leise flüsterten seine Lippen: Gott des Erbarmens und der Hilfe, möge Deine letzte Kohle nicht für alle Ewigkeiten erlöschen! Und Gott sah in das Herz des reinbeflügelten Engels und belebte die Flamme. Und befahl dem Sterne des Morgens; sie zu hüten und sagte: Hüte, meine Tochter, meine Kohle, dass sie nicht verlösche. Denn wie mein Augapfel sei sie Dir, steh und sieh zu, was mit ihr geschieht, Und es stellte sich der Stern des Morgens am Himmel gegenüber der kleinen Flamme und winkte ihr von der Höhe hinunter in stummer ferner Liebe und in keuscher Sehnsucht Und er hütete sie auf der öden Insel, jeden Morgen bestrahlte er sie mit den Strahlen seines Herzens und schickte ihr den Glanz von Gnade und Trost. Aber der junge Engel mit den traurigen Augen flog auf seinen Platz zurück, zu hüten die Träne, die in dem Kelche des stummen Schmerzes geborgen war, wie er sie früher gehütet. Doch seine Augen wurden noch tiefer und trauriger, als sie gewesen waren. Auf seinem Herzen und seinen Lippen lag eine sengende Glut, eine Brandwunde, die nie geheilt wird. Denn es berührte sie das Feuer des Heiligtums — und es gibt kein Heil mehr. IV Und in jener Zeit führte der Feind auf Schiffen aus der Gefangenschaft von Jerusalem zweihundert Jünglinge und zweihundert Jungfrauen, alle reine Kinder von Reinen, Blumenbeete von den Bergen Judas, der Tau der Jugend nächtigt noch in ihren Locken, und der Schimmer des Himmels von Zion flutet aus ihren Augen, ihr Vater ist der Hirsch von Israel, ihre Mutter die Hindin des Feldes. Und es war nicht genug dem Feinde, dass er sie höhnte und für immer verderbte den Liebreiz ihres frischen Lebens, er wollte noch ihre Seele in der Wüste ertöten und sie sterben lassen eines langsamen Todes durch Hunger und Durst. Und erzog sie aus und Hess sie nackend aussetzen auf der wüsten Insel, abseits die Jünglinge an das eine Ende der Insel und abseits die Jungfrauen an das andere Ende der Insel, Und so Hess er sie da. Denn es dachte der ruchlose Feind: Mögen sie sich teilen, und die Bürde ihres Unglücks wird verdoppelt werden. Mögen sie umherirren auf der wüsten Insel, diese für sich und jene für sich, und einander nicht sehen und einander nicht finden, bis ihre Seele verdorre und ihr Herz vergehe und das Licht ihrer Augen erlösche. Und wenn sie nur ein Schritt scheiden wird und sie die Hände ausstrecken werden gegen einander, da wird sich ihr Antlitz plötzlich verkrümmen, ihre Knie werden straucheln, und sie werden zu Boden fallen und sterben eines schrecklichen Todes auf eisernem Boden unter einem Himmel von Erz sonder Trost und sonder Gnade. Und es irrten umher die Jünglinge auf der wüsten Insel drei Tage und fanden keine Nahrung und kein Wasser. Traurig, schweigend gingen sie, und keiner sprach ein Wort, ihre Augen geheftet auf den brennenden Sand und ihr Haupt gebeugt unter der Glut der Sonne. Wie Feuerruten stechen sie die felsigen Spitzen, und die Skorpione des Gesteins spotten ihres Wehs. Denn es fluchte Gott dieser Insel von aller Ewigkeit her, und sie war kahl und öde. Und sie zeugte nichts als Gestein und Skorpione, und kein Zeichen von Gras war auf ihr. Und kein Zoll von Schatten und kein Flimmern von Leben, nur eine sehrende Stille und der Brand von glühenden Kohlen ringsumher. Und ihr Auge ermattete vor der Kahlheit der Insel, ihr Herz zuckte zusammen, und ihre Seele erschlaffte. Ihr Odem waren Feuerfäden, und der Hauch ihres Mundes der Brand einer Seele. Auch das Echo ihrer Schritte erstarb in sich, einsam, wie es war, und ihr Schatten, wie er fiel, so verbrannte er zugleich. Und es schlummerte ein die Quelle ihres Lebens in ihnen und schwieg. Und ihre Seele zog sich zurück in eine dunkle Ecke, und die Reize versiegten, und die Kraft erschlaffte, und das Auge ermattete, und sie wussten nicht, dass sie gingen. Aber als alles in ihnen verdunkelt war und alles verstummte, da hallte aus der Stille der Laut eines sicheren und gemessenen Schrittes, wie der Hall des Schrittes eines sicheren Fusses und wie das Pochen eines sicheren und ruhigen Herzens. Und keiner wusste, woher der Schritt kam und wessen er sei. Denn aus ihrem Herzen heraus hörten sie ihn, und aus der M tte aller ging er heraus. Und sie wussten, dass ein Wunderbarer unter ihnen schritt, bergend in seinem Herzen die Herzen aller. Und sie zogen hinter den Schritten des Wunderbaren, und ihre Augen blieben geschlossen, wie sie waren, ihre Seele gebunden an seine Tritte, und in dem Raum seiner Schritte schlängelte sie sich. Und manchmal fasste einer von ihnen Mut und blickte hervor unter den Wimpern seiner Augen, und seine Augen nahmen wahr in der Schar zwei Jünglinge gleich an Wuchs und Stärke, beide um eine Kopflänge höher als alle Jünglinge, beide gehüllt in Geheimnis, mit grossen und weitgeöffneten Augen. Aber der Eine war ein zarter, helläugiger Jüngling, und er blickte zum Himmel, als suchte er den Stern seines Lebens, der Zweite aber ein furchtbarer Mann mit grimmigen Augen, und er blickte zu Boden, als suchte er den Verlust seiner Seele. . . . Und es konnte der Blickende nicht erkennen, wer von Beiden der Wunderbare sei, der ihre Schritte lenkte, ob es der zarte, helläugige Jüngling sei, ob: der furchtbare Mann mit den grimmigen Augen.