Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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10 DIE^ELT No.10 zipe binden lassen, das eventuell ein Hindernis für die Erreichung unserer nationalen Zwecke werden kann. Es sei kein logisches Postulat, dass jeder Monarchist ein Gegner unserer Gleichberechtigung sein und alle linken Parteien Judenfreunde sein müssen." In Wirklichkeit fänden wir im „Verband vom 17. Oktober" Leute, die für die Gleichberechtigung der Juden sind, während es andererseits in den liberalen und progressiven Parteien nicht wenig Antisemiten gibt. Deswegen dürften wir uns auf keine einzige Partei verlassen, sondern nur auf diejenigen Kandidaten stützen, die für die Judenrechte eintreten, ohne uns dadurch] beirren zu lassen, dass dieser oder jener Kandidat zum „Verband vom 17. Oktober44 gehört, welcher rechts von der russischen konstitutionell-demokratischen Partei steht. Wenn das ganze jüdische Volk unter unserer nationalen Fahne vereinigt sein wird, werden sich auch die Mittel ergeben, die zur Erreichung unserer Vollberechtigung führen werden . . . Die Rede Achad-tiaams, die vom nationalen Standpunkte ausgehend, ein rücksichtsloses Misstrauensvotum allen liberalen Parteien Russlands gegenüber in sich barg, hat, wie gesagt, einen lebhaften Widerspruch in der Versammlung erzeugt, der aber bei der tiefen Achtung, die der Redner trotz allem einzuflössen versteht, in den nötigen Grenzen blieb. Man muss zugeben, dass, wenn Achad-fiaam logisch Recht hatte, es faktisch doch nicht zutreffend ist, dass es für die Juden ganz gleichgültig ist, welche Partei in der Duma die Mehrheit erhalten wird, und mit Recht erwiderten viele Delegierte, dass man den Mitgliedern des „Verbandes vom 17. Oktober", der so viele reaktionäre und offen-judenfeindliche Elemente in sich vereinigt, nicht trauen dürfe. Die russische Regierung und alle reaktionären mit ihr verbündeten Parteien haben genügend bewiesen, wie sie sich den Juden gegenüber verhalten — und welche Garantien ciaben die Juden dass ein Mitglied einer solchen Partei, das nicht ausgesprochen judenfeindlich ist, später, wenn man zur Judenfrage kommen wird, gegen die antisemitische Mehrheit seiner Partei sich wenden wird? Allerdings — wie sich die liberalen und demokratischen Parteien Russlands zur Judenfrage stellen werden, welche liberalen und demokratischen Elemente in die russische Duma überhaupt gelangen werden, das ist nicht ohne weiteres zu beantworten. Recht hatten diejenigen Delegierten, die behaupteten, dass die Judenheit als solche wenig Beweise dafür erhalten hat, dass die russischen liberalen Parteien bereit sind, aktiv für sie einzutreten. Gegenbeweise hat man genügend. Die Mehrheit der Delegierten beschloss auch, an keine einzige der bestehenden Parteien sich direkt anzuschliessen. Die angenommene Resolution lautet folgendermassen : „Die Konferenz findet es für notwendig, dass man sich während des Wahlkampfes nur mit solchen Parteien vereinigen soll, deren Programm und Tätigkeit in allen Punkten dem Programm des „Vereines zur Erreichung der Gleichberechtigung der Juden" entspricht und die in Bezug auf die allgemeine Politik eine demokratische Organisation Russlands auf der Grundlage des allgemeinen, gleichen,'! direkten und geheimen Wahlrechtes erstreben. Anmerkung: „Wenn es sich als unmöglich erweist, einen Kandidaten entsprechend den Wünschen des Verbandes durchzubringen, stimmen die Mitglieder des Verbandes für denjenigen Delegierten, der zu einer progressiven Partei gehört." „Von den Kandidaten soll man verlangen: A) Von jüdischen Kandidaten: 1. In ihrer Tätigkeit in der Duma müssen sie sich an die Beschlüsse und das Programm des Verbandes halten. 2. Sie müssen fordern, dass die Judenfrage in der Duma bei Festsetzung der Grundlagen der Konstitution und der allgemeinen bürgerlichen Freiheiten mitgelöst werden soll. B) Von nichtjüdischen Kandidaten, welche durch jüdische Stimmen unterstützt werden sollen, muss man verlangen, dass sie sich an Punkt II halten sollen und die jüdischen Forderungen nach gleichen bürgerlichen, politischen und nationalen Rechten unterstützen sollen." Noch bei einem Punkte prallen die Meinungen stark aneinander, und es zeigte sich, wie viele Schichten auch der russischen Judenheit noch vor dem national-jüdischen Gedanken scheu zurücktreten. Es handelte sich um die Frage der Bildung einer jüdischen F raktion im zukünftigen russischen Parlamente. Von zionistischer Seite wurde der Vorschlag gemacht, dem auch Dubnow beistimmte, dass die jüdischen Abgeordneten in der Duma eine besondere Fraktion zu bilden hätten, die den jüdischen Namen tragen solle, dass sie alle Beschlüsse gemeinsam fassen und vereint auftreten in allen Fällen, wo es sich um die Judenfrage handelt. Die Motive, die dafür sprechen und die in Petersburg vorgebracht wurden, brauchen wir Zionisten gegenüber nicht erst ausführlich auseinanderzulegen. Wohl aber würde es von Interesse sein, die Gegenargumente kennen zu lernen, — wenn sie neuartig wären. Einige Delegierten schreckten aus assimilatorischen Gründen vor dem Gedanken zurück, eine offen-jüdische Politik in der russischen Duma zu führen. Die anderen, die prinzipiell nichts gegen eine jüdische Fraktion einzuwenden hatten, behaupteten dass dafür die Zeit noch nicht gekommen sei, da die Juden in Russland sich selbstdarübernichtklarsindjwelchenationalen Rechte sie verlangen sollen. Es wurden auch solche Meinungen laut, dass die jüdischen Delegierten viel mehr werden ausrichten können, wenn sie in verschiedenen Parteien verteilt sein werden, weil sie dann ihren Einfluss in allen Parteien werden zur Geltung kommen lassen können. Vielleicht haben die Juden in Russland noch das Recht, so naiv zu sein! Zum Schluss standen sich zwei Resolutionen gegenüber: Die eine (von der Gruppe Zionisten-DubnowJeingebracht) lautet: „Die Juden-Deputierten bilden in der Duma eine besondere Fraktion, die sich jüdisch nennt, und gehen zusammen in allen Fragen der jüdischen Politik, die zur jüdischen Gleichberechtigung führen. In den allgemeinen Fragen treten die Juden für diejenigen Parteien ein, die in ihrem Programm auch die jüdische Gleichberechtigung verlangen. Wenn ein Delegierter in eine andere Partei eintritt, muss er sich die Freiheit ausbedingen, in der Jüdischen Frage unabhängig stimmen zu können. In anders-nationale Fraktionen dürfen die Juden nicht eintreten." Die zweite Resolution (Ratner), die mit der Mehrheit von 10 Stimmen angenommen wurde, lautete folgendermassen: „Die Konferenz erklärt es für notwendig, dass sich angesichts des festen Bewusstseins ihrer nationalen Einigkeit die jüdischen Deputierten vereinigen müssen, unbeschadet ihrer allgemeinen Parteiprogramme. Bei allen Fragen, die die Rechte des jüdischen Volkes berühren, müssen sie zusammentreten, um darüber zu beraten, und wenn es möglich ist, zusammenzugehen, um^die Volksberechtigung für die Juden Russlands zu erreichen. Zugleich findet es die Konferenz für gut, dass jüdische Deputierte in nichtjüdische nationale Gruppen nicht eintreten." Das waren die wichtigsten Punkte, die die Konferenz zu erledigen hatte. Was den praktischen Wert aller dieser Resolutionen betrifft, so ist er unter den gegenwärtigen Verhältnissen vielfach ein zweifelhafter. Wir haben ja gesehen, wie skeptisch und unentschlossen die Berichte ausjfden verschiedenen Gebieten des Ansiecllungsrayons lauteten. Die Entscheidung selbst aber steht der allernächsten Zukunft bevor, da die Duma schon im Frühjahr zusammentreten soll.