Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No.10 DIE^KELT 9 liehen Behältern besetzt waren, worin der morgenländische Händler seinen ganzen Tag zubringt. Vor jeder Ladenauslage war eine Art Sonnensegel herabgelassen zum Schutz von Händler und Waren gegen die glühende Hitze. Im "schmalen Mittagsschatten krochen einige wenige Juden entlang. Die Hunde lagen auf dem Kehrichthaufenlund Hessen die lechzende Zunge heraushängen; dichte Schwärme von Fliegen und Ungeziefer woben um sie herum, fast das einzige Zeichen von Leben und Tätigkeit in diesem Bilde trostloser Öde und verschlafener Trägheit. Ich fragte meinen Juden, der das andalusische Spanisch als Muttersprache redete, ob unter seinen Glaubensgenossen moch irgendwelche Erinnerungen lebendig seien an die Zeiten der Vät.r in Portugal und Spanien. Aber obwohl er in Südamerika gewesen, wo er ein kleines Vermögen verdient hatte, und wohl mehr von der Welt wusste als sonst jemand am Ort, hatte er keine Ahnung von der wechsclreichen Geschichte seiner Gemeinde, und er meinte, nicht einmal der Rabbiner wisse noch etwas von der Vorgeschichte der Asailaer Juden. Prescott, der Geschichsschreiber der spanischen Conquistadoren, erzählt in feinem Werk „Ferdinand und Isabellaw, wie 1492 die blutige Judenhetze Tausende von armen, heimatlos gewordenen Kindern Israels an die marokkanische Küste getrieben habe, von wo die Flüchtlinge ihre Glaubensgenossen in Fes zu erreichen hofften. Eine grosse Karawane von ihnen, die 'ungezählte Familien mit ihrem ganzen Hab und Gut zur Hauptstadt bringen sollte, wurde unterwegs ausgeplündert und dann, gänzlich nackt und bloss, zur Rückkehr nach Asaila gezwungen. In ihrer christlichen Milde liessen die portugiesischen Mönche, die damals hier die Herrschaft führten, die mittellosen Vertriebenen nicht eher in die schützende Stadt, als bis sich alle zum Obertritt bereit erklärt hatten, ünd so wurde denn mit Hilfe ausreichender Mengen Weihwassers gleich an den Toren der Stadt die Massentaufe vorgenommen. Auch in Marokko beherrschte die portugiesischen Kolonialunternehmungen derselbe engherzige Geist christlicher Unduldsamkeit, der trotz so grosser Männer wie Vasco de Gama und Alfonso d'Albuquerque der portugiesischen Weltherrschaft in Asien und Afrika ein so rasches Ende bereitete. Und das ist der einzige Trost, der dem Beschauer geschwundener Portugiesenherrlichkeit in Asaila wie sonstwo bleibt, wenn er etwa die Fruchtlosigkeit so grosser Anstrengungen zugunsten europäischer Ausbreitung beklagen sollte: was hier verloren gegangen und in die Nacht der Vergessenheit hinabgesunken ist, das ist nicht die Bildung'unserer indogermanischen Welt, deren sieghafte Ausbreitung den Hauptinhalt unserer Zeit bildet, es ist der finstere, enge Kirchengeist des eifernden Pfaffentums, der zwar in Europa mit seinen starken Resten mittelalterlicher Befangenheit noch herrschsüchtig auftreten darf, im neuen Lande aber seine Unfähigkeit, schöpferisch zu wirken, mit seinem Untergang beweisen muss. Die Petersburger Konferenz des „Verbandes der Gleichberechtigung" Unter den denkbar schwersten Bedingungen macht jetzt die russische Judenheit den Versuch, sich zu organisieren und für die Wahlen in die „Gossudarstwennaja Dumau vorzubereiten. Entsprechend der allgemeinen gedrückten Stimmung, der beengenden Unklarheit der politischen Situation sind diese Versuche schwankend, zaghaft und widerspruchsvoll. Die grosse Masse der Juden ist eingeschüchtert, verzweifelt. Die Stärkeren und Aktiveren bemühen sich, das Volk aufzurütteln, es zu einer Tat, zu einer bewussten Mitwirkung im Sinne ihrer Prinzipien zu bewegen, ohne dass sie aber dabei wirklich von der üeberzeugung durchdrungen wären, dass sie mit ihren Bemühungen einen positiven Erfolg erzielen werden. Im Zeichen dieser halbresignierten, halb erbitterten Stimmung versammelte sich am 23. Februar zu Petersburg der „Verband zur Erreichung der Gleichberechtigung f.ir die russischen Juden.u Es war die dritte Versammlung seit Gründung des Veibandes. Den Hauptgegenstand der Beratung bildete die „Gossudarstwennaja Duma", d. h. die prinzipielle Stellungnahme der Juden zur Durna und zu den bevorstehenden Wahlen. Die Frage hat, seitdem sich die russischen Juden ein wenig von den Schrecken der furchtbaren Oktobertage aufgerichtet haben, die gesammte jüdische öffentliche Meinung in vielen Zeitungsartikeln und Versammlungsreden — beschäftigt, sie war von allen Seiten angefasst worden, lange Debatten pro und contra wurden geführt — und doch musste sich die dritte Versammlung des „Verbandes für die Gleichberechtigung" gestehen, dass die leitenden russisch-jüdischen Persönlichkeiten sich noch immer in Unklarheit darüber befinden, ob die Juden unter den obwaltenden Umständen überhaupt zum Wählen kommen werden, und wenn sie dazu kommen werden, ob sie das Wahlrecht ausüben sollen, ob sie es ausüben dürfen . . . . Wenn man die Berichte liest, die namentlich aus den Provinzstädten unter besonderer Rücksichtnahme auf die Frage der Wahlbeteiligung erstattet wurden, wird man unwillkürlich an die dunkle griechische Weissagung erinnert: „Wenn du über diesen Fluss gehst, wird ein grosses Reich zerstört werden." Werden die russischen Juden durch ihre Anteilnahme an der Wahl das Regime der Reaktion brechen helfen oder werden sie selbst dadurch noch mehr ins Verderben geraten? Noch verzweifelter: Werden die Juden nicht auch gefährdet werden, wenn sie die Dumaboykottieren, sich ganz indifferent ihr gegenüberstellen? Die Einen hoffen, die Andern fürchten, die Dritten zweifeln. Der Delegierte aus Odessa berichtet, dass dort die sogenannte Partei der Rechtsordnung die Juden mit einem Pogrom bedroht, falls sie versuchen werden, ihre Kandidaten durchzubringen. Der Delegierte von Hornel wiederum erklärt, dass dort den Juden mit einem Pogrom gedroht wurde, falls sie keinen Anteil an den Wahlen nehmen werde. Andere wieder berichten, dass es in ihren Städten gar nicht einmal zur Aufstellung von Kandidaten kommen könne, weil jede Nominierung sofort die Verhaftung der betreffenden Person nach sich ziehe. So und in ähnlichen Variationen sind die Berichte aus all den 62 Orten gehalten, die ihre Delegierten entsandt haben. Dennoch fasste die Versammlung den Besch!uss, dass man sich auch fernerhin für die Wahlen vorbereiten solle. Denn — wer weiss? — vielleicht ist es so besser, vielleicht werden doch Juden in die Duma gelangen, vielleicht werden doch diese Juden in der Duma etwas für ihre Volksgenossen erreichen, vielleicht . . . Nachdem dieser Beschluss gefasst worden war, wandte man sich einer anderen nicht weniger schwierigen Frage zu : Dem Verhältnis des Verbandes zu anderen russischen Parteien. Einen tiefen Eindruck machte die Rede von Achad-Haam, obwohl sie in krassestem Widerspruch zur Meinung der überragenden Mehrzahl der Delegierten stand. Er führte aus: Der Verband sollte sich zum Ziel setzen: die Erreichung der Gleichberechtigung für die Juden als Menschen und die Erlangung der Vollberechtigung für das Judentum als Nation. Zu diesem nationalen Zwecke hätte man keine politischen Momente hinzufügen sollen, da sie in keinem logischen Zusammenhang damit stünden. Vor allem müssen wir die Wände niederreissen, die uns von anderen Nationen trennen, und in diesem Sinne hatte der Verein vollständig Recht, als er statt des Wortes „Gleichberechtigung" „Vollberechtigung" auf seine Fahne schrieb. Wir müssen das ganze jüdische Volk unter unserem nationalen Banner vereinigen und uns von keinem politischen Prin-