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Die Welt · 1906-03-09 · 10 (9.3.1906) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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8 DIE^ELT ■No. 10 die Ankunft des Europäers gesehen ..haben mochten und nun den seltnen Gast aus der Nähe betrachten wollten. In ihrem Städtchen gab es keine Europäer, und nun gar einen gänzlich nackten Weissen mochten sie für eine besondere Sehenswürdigkeit halten, zu dessen Besichtigung es sich schon lohnte, in brütender /Wittagsglut einen kleinen Trab hinaus zur Stadt zu machen. Voll neugieriger Scheu standen sie nun da, mich beim Schwimmen beobachtend und leise Bemerkungen unter sich austauschend. Bald fassten sie sich ein Herz und musterten meine im Sande liegenden Sachen, Reitanzug. Stiefel, Reitpeitsche und meine verschiedenen photographischen Apparate, die der Dolmetscher stets bei sich führen und zum Gebrauch bereithalten musste. Sobald aber so ein kleiner, naseweiser Judenbengel kühn seine Hand ausstreckte, um den silbernen Knauf meines Reitstocks zu befühlen, da Hess ihm mein Makhasni, der bis dahin wie teilnahmslos neben meinen Kleidern im Sande gesessen hatte, seinen Gewehrkolben im Schwünge übers Schienbein sausen, sodass der arme Sünder sofort zu Boden stürzte. Natürlich allgemeines Wehgeschrei, Geschimpf eilige Flucht der Jüngern und lebhaftes Fluchen der Altern. Der Soldat fühlt sich nun als Vertreter des Sultans, vielleicht glaubt er sich auch zum fidei defensor berufen und schreitet mit mächtigen Schritten, sein lahmgeschossenes Bein nachziehend und drohend seine lange Flinte schwingend, auf die eingeschüchterten und schon halb zur Flucht gewandten Leute zu. Ich rufe dem Dolmetscher zu, er soll sie ruhig gewähren lassen, aber zu spät, der Soldat waltet seines Amtes und treibt mit Tritten und Kolbenschlägen die armen Kerle völlig in die Flucht. Der Dolmetscher aber, dem ich aus meiner hilflosen Lage im Wasser heraus Vorwürfe mache, hat nur die Antwort: „Son Judios, Senor." Ja, wenn es „nur Juden" sind, läss sich in Marokko nichts mehr sagen. Schon eine Stunde später gabs einen ganz ähnlichen Zwischenfall. Ich war eben in die Stadt eingeritten und hatte mich im Schatten eines alten, zerbröckelnden Torwegs in der Seefestung auf die Erde gesetzt, um ein wenig zu verschnaufen, bis vom Statthalter die Erlaubnis käme, in den alten Befestigungsanlagen ein'wenig herumzuklettern. Wie immer war ich alsbald von Neugierigen umlagert. Fast die ganze Gesellschaft lutschte an Apfelsinen, die so saftig und verlockend aussahen, dass ich einen Jungen aus der Menge der Zuschauer ausschickte mit der Bitte, mir ein Dutzend zu kaufen. Er kam alsbald mit den Früchten wieder, und ich gab ihm eine Silbermünze, die vielleicht den fünffachen Wert der durch ihre Überfülle fast gänzlich wertlosen Apfelsinen darstellte. Kaum machte er Miene, das kleine Geldstück irgendwo in seinem Gürtel zu verbergen, als die im Torwege herumlungernden Festungssoldaten über ihn herfielen und ihm das Geld wegnahmen. Auch er war „nur ein Jude.44 Ich musste es schon einigermassen schlau anstellen, um ihm nachher ungesehen von neidischen Muselmanen noch einmal zuzustecken, was ihm zukam. Während sich dieser kleine Auftritt abspielte, den ich nur zur Beleuchtung des Verhältnisses zwischen Mohammedanern und Juden erzähle, war dicht dabei noch eine weitere kleine Probe von marokkanischer Judenhetze vor sich gegangen, die dritte, die ich im Laufe von einer Stunde mit ansehen musste und deren un schuldige Veranlassung ich geworden. Beim Absitzen hatte ich mein Pferd und dass meiner Diener der mich drängenden Strassenjugend überlassen, die geduldig die Tiere am Zügel zu halten und dafür ein kleines Trinkgeld zu erwarten pflegt. Einige andere Tiere, Pferde und Maulesel von Soldaten oder Reisenden, standen ebenfalls auf dem Hofe umher, sich dicht im Schatten der alten dicken Mauern zusammendrängend. Eines dieser Maultiere suchte freundschaftliche Beziehungen zu meiner Karawane anzuknüpfen und begann mein Pferd sacht und prüfend zu beschnüffeln, und zwar gerade an einer Stelle, wo auch die geduldigsten Geschöpfe etwas kitzlicli sind. Mein wackerer Berberhengst wiehert denn auch sofort entrüstet und keilt kräftig nach hinten aus und trifft nicht nur das neugierige Maultier, sondern auch einen Araber, der unter den Müssiggängern dicht hinter ihm gestanden hatte. Der Unglücksmensch bekommt ein paar gewaltige Huftritte vor den Bauch, fällt ächzend zu Boden und lässt sich dabei noch einen dumpfdröhnenden Schlag auf den Rücken versetzen. Meine erste Bewegung war, sobald das Schreien des ausschlagenden Pferdes und die vielstimmigen Rufe der Zuschauer mich aus meiner apfelsinenvertilgenden Ruhe aufgescheucht hatten, nach dem Mann zu sehen, der sich nun wimmernd und stöhnend am Boden wälzte. Die Araber aber hatten nichts Eiligeres zu tun, als auf den Pferdejungen zuzustürzen und ihn roh zu misshandeln, obwohl er an der ganzen Sache gänzlich unschuldig war. Aber auch er war ein Jude und musste nun seinen eifrigen Erwerbssinn, womit er im Wettstreit um die Pferdezügel über die faulern Araber den Sieg davongetragen hatte, schwer büsscn und zu seinem kleinen Trinkgeld noch Stösse und Püffe und unzählige Flüche mit in Kauf nehmen. Dem geschlagenen Mann schien übrigens nichts Ernstliches zugestossen zu sein, und als ich ihm als Schmerzensgeld den üblichen Silberiing in die Hand drückte, der für einen Mauren ein rascher lindernder Balsam fürs zerrissene Herz ist als Bacchus wundervolle Gabe, da verstummte sein Wehgestön und einmal übers andere sagte er „la bäss, la bäss!tt (Es ist gut, hat nichts zti bedeuten.) Dieses nützliche Wort „la bäss" spielt hierzulande eine grosse Rolle, es ist eine der häufigsten Redensarten, die man hören kann, und die auch der Fremde gut tut, sich rasch anzueignen und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit anzuwenden. Sie ersetzt dem Anfänger im maghrebinischen Arabisch ein ganzes Wörterbuch. Eigentlich heissen die beiden Worte „kein Unglück44, aber in den westlichen Mundarten des heutigen volkstümlichen Arabischen hat sich diese Bedeutung sehr abge schwächt zu dem Sinne „nicht übel, ganz gut". Erkundigt man sich nach jemandes Befinden als Antwort auf die erste Begrüssung am Morgen, so sagt man einfach „la bäss al!k?u Sagt mir einer, er sei sterbenskrank, antworte ich ihm ebenfalls „la bäss, la bäss in schäliah", und meine damit, „es wird nicht so schlimm werden, nur nicht den Mut verlieren". Und will ich einem versichern, es ginge mir ausgezeichnet, dann sage ich wiederum „el hamdu lilläh la bässtt, „gepriesen sei Gott, nicht übel"............ ... Es hat etwas Wehmühtiges, dieses Bild des heutigen. Asailas, etwas, was an gestorbene Städte wie Ravenna erinnert, oder Brügge, oder, um im Bereich portugiesischer Erinnerungen zu bleiben, an Goa und Damaon in Indien. Eine gewaltige Stadtmauer mit mächtigen Toren, an deren einem noch das Wappen von Portugal und Algarve (el Gharbder Westen) prangt, und massige Mauerreste königlicher Festungsbauten schliessen den Ort ein, der nach seiner heutigen Einwohnerzahl nichts als ein Dorf ist, und seinem Handel nach sogar nur ein bescheidenes. Zwei starke Türme ragen aus den verlassenen Trümmern auf, der eine augenscheinlich das Minarett einer verschwundenen grossen Moschee, der andere der Glockenturm einer ebenso spurlos verschwundenen christlichen Kirche. Heute nisten die Störche auf ihren Zinnen, und in den Spalten und Löchern ihres überwachsenen Gemäuers hausen Eidechse, Fledermäuse, Schwalben und Turmfalken in friedlichem Verein. Von den frühern Hafenanlagen ist nichts mehr zu sehen, die Mündung des kleinen Flüsschens, das dicht nördlich der Stadt in die See geht, ist hoffnungslos versandet, und die Brandung des Ozeans flutet in langen, öden Wellen gegen ein ausgestorbenes Gestade. Und innen sieht es nicht Jebendiger aus. Ich stieg auf das Dach des höchsten Hauses, dessen Eigentümer, Amram Roif, für den wohlhabendsten Juden der Stadt galt. Von der geräumigen Terasse seines Daches sah man hinab in die enge schmutzige Hauptstrasse, die zu beiden Seiten mit jenen kleinen kastenähn-

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