Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No.10 DIE M ELT — 7 liehe Kirche diesen Entwickelungsgang des Christentums (den Namen Christen nahmen erst die bekehrten Heiden an) nicht mitmachen wollte, so kam es zu den bekannten Kämpfen innerhalb der neuen Glaubensgemeinschaft, aus denen die heidenchristliche Richtung als Siegerin hervorging. Den Juden-Christen, die auf dem halben Wege stehen geblieben waren, erging es seitens der siegenden Partei nicht besser als den Juden selbst. Es wurde ihnen jeder Anteil an dem Erbe Jesu abgesprochen; ja, auch die Bibel, auch das jüdische Erbe gehörte ihnen nicht mehr. Adolf fiarnack. der diesen geschichtlichen Prozess recht anschaulich schildert, äussert sich darüber: „Eine solche Ungerechtigkeit, wie die der Heidenkirche gegenüber dem Judentum, ist in der Geschichte fast unerhört. Die tieidenkirche streitet ihm alles ab, nimmt ihm sein heiliges Buch, und, während sie selbst nichts anderes ist als transformiertes Judentum, durchschneidet sie jeden Zusammenhang mit demselben: die Tochter verstösst die Mutter, nachdem sie sie ausgeplündert!" Freilich der protestantische Theologe fiarnack, dessen abfällige Beurteilung des Judentums bekannt ist, weiss sich auf einen „höheren" Standpunkt zu stellen, und diese „fast unerhörte44 Ungerechtigkeit doch zu rechtfertigen. Das jüdische Volk habe sein Schicksal verdient, denn es habe „durch die Verwerfung Jesu seinen Beruf verläugnet und sich selbst den Todesstoss versetzt." Das ist eigentlich auch der Standpunkt Friedländers in seinem Buche, nur fehlt ihm die glänzende Rhetorik, die fesselnde Darstellungsweise, und man möchte beinahe sagen, der Brustton der inneren Ueberzeugung, mit dem fiarnack glänzt. Es ist keine Jugendliebe, die Friedländer dem Christentum entgegenbringt. Er hat sich, wie er selbst im Vorwort schildert, mühsam von dem Pharisäischen Judentum losges^hält, und er glaubt, dass er sich nunmehr dem Christentum zuwenden müsse. Auf die Fr^ge, ob er denn die Taufe empfehle, antwortet er: „Allerdings, wenn man unter der Taufe das Symbol der inneren Umwandlung und der Wiedergeburt versteht, dann predige ich diese Taufe aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele; da eine solche allein uns aus tausendjähriger innerer Blindheit und äusserer Schmach erlösen kann." Friedländer verwahrt sich wohl dagegen, dass er den Uebertritt zur Kirche ohne innere Wandlung predige, denn da würden ja die Juden die „pharisäische Verblendung44 in den neuen Glauben mitnehmen. Aber dann ist es unverständlich, warum er sich gerade an die Juden wendet. Wieviti Christen gehören mehr äusserlich dem Christentum an? Geradezu komisch wirkt es, wenn er die Meinung der Juden verwirft, die darin ihr Genüge finden, dass wir nicht schlechter sind als die Andern. Nach seiner Meinung hätte das jüdische Volk seine Daseinsberechtigung verloren, wrenn es nicht besser ist als die andern. Soviel Friedländer uns auch versichern mag, dass er den alten Adam bereits ausgezogen und das talmudische Judentum überwunden habe, so steckt er noch tief in der Spitzfindigkeit der alten Talmudschule. Wenn er mit dem Gefühle dem Christentum nahesteht, so lässt sich mit ihm darüber nicht rechten.. Er muss aber dabei stets bedenken, dass der gläubige Jude ebenso innig am Judentum hängt. Wenn er andererseits den gebildeten ungläubigen Juden überzeugen will, so gehört dazu eine grosse Naivität, anzunehmen, dass eine geschichtliche Darstellung der christlichen Epoche, die dazu noch wissenschaftlich sehr anfechtbar ist, die von ihm gewünschte Wirkung haben könnte. * * Wie immer — obwohl wir die judenmissionarische Tendenz des besprochenen Buches zurückweisen, würde uns dies nicht daran hindern, dessen wissenschaftliche Ergebnisse anzunehmen — wenn sie richtig wären. Sie sind es aber nicht in den Hauptpunkten, von kleinen Einzelfragen abgesehen. Denn noch falscher als Friedländers Darstellung von den Kämpfen zwischen Pharisäern und Sadduzäern und dem „Landvolk" ist seine Auffassung von den „Minäern" und der im talmudischen Schrifttum mit dem Namen „Minuth" bezeichneten Häresie. Dass damit die Juden-Christen und das ältere Juden-Christentum gemeint ist, daran wird keine Dialektik der Welt etwas ändern können- Die Etymologie des Wortes „Minu ist unklar und wird es wohl bleiben. Das beweist aber nur, dass eine alte Bezeichnung für eine neue Sache beibehalten wurde. Fast alle Stellen, die uns bekannt sind, passen nur als Reminiscenzen der älteren juden-christlichen Bewegung. Die wenigen Ausnahmen sind dahin zu erklären, dass entweder die Bezeichnung „Min" auch für andere Häretiker gebraucht wurde, oder dass wir nicht alle Nuancen des ursprünglichen Juden- Christentums kennen. B. AUS MAROKKO Von Dr. Siegfried Genthe Der erste grössere Ort, den ich mir, von dem üblichen Reisewege abweichend, zu besuchen vorgenommen hatte, war die Stadt Asaila. Nachdem ich einen Tag lang über die im schönsten Frühlingsschmuck grünenden und blühenden Ausläufer des Dschebbel Habib gezogen war, stieg ich am Morgen des dritten Reisetages, nach Westen zur Küste abbiegend, hinab in die Strandebene, auf der die langen Wellen des Atlantischen Ozeans den Sandboden zu einem prächtig glatten Spazierweg umgeformt Anm. Wir bringen hiermit einen Auszug aus zwei Kapiteln des geistvollen und interessanten Buches des bekannten deutschen Reisenden Dr. Siegfiied Genthe über „Marokko44. (Verl.: Allg. Verein für deutsche Litteratur, Berlin, 1906.) Der Verfasser ist seiner Forscherleidenschaft zum Opfer gefallen. Er fand in Marokko seinen Tod von mörderischer Hand- Wiewohl die hier abgedruckten Kapitel nicht speziell der Judenfrage gewidmet sind, so sind die in der lebensvollen Erzählung eingeflochtenen Episoden und Schilderungen der Juden in Asaila, einer der typischsten maurischen Ortschaften, ein wertvoller Beitrag zur Kenntnis der Lage der Juden in Marokko. Die Red. hatten. Da erschien mir mit einenimal die endlose schmale Sandebene wie abgeschnitten; ein breites festungsähnliches Mauerwerk füllte den schmalen Streifen aus, der zwischen dem hügeligen Dünenvorland und dem Ebbestrand lag, und Zinnen, Türme und Wälle erheben sich, fast farblos oder schwarz aussehend, in dem grellen, steil herabkommenden Licht. Das ist Asaila, vielleicht die älteste und an wechselvollem Geschick reichste Stadt Marokkos. Ehe ich meine Reise zum Genüsse dieses geschichtlichen Leckerbissens unterbrach, wollte ich Körper und Geist gebührend darauf vorbereiten und rasch ein kleines Seebad nehmen. Ich schickte also meine Maultiertreiber voraus mit der Weisung, die Zelte gegen Sonnenuntergang an einem etwa 30 km weiter südlich an der Küste gelegenen Ort aufzuschlagen, den ich mit Hilfe meiner französischen Karten ausfindig machte. Nur Dolmetscher und Soldat blieben bei mir, um während meines Bades meine Sachen zu behüten. Kaum war ich im Wasser, das trotz seiner Wärme von 20 Grad C. ausserordentlich erfrischend und belebend wirkte, als von der Stadt her eiligen Laufs Gruppen von Männern und Kindern herankamen. Es waren Juden, die von weitem schon