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Die Welt · 1906-03-09 · 10 (9.3.1906) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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6 ------------------------------------------.....-------DIEELT-------------------- ---------------No.lO WISSENSCHAFTLICHE JUDENMISSION Wenn man eine abfällige Kritik des Judentums liest, die sich im ruhigen Tone und in wissenschaftlicher Form gibt, muss man sich immer mit der möglichsten Objektivität wappnen, indem man sich auf den Standpunkt des Gegners zu stellen versucht. Natürlich lässt sich bei geschichtlichen Untersuchungen, soweit es sich nicht um die Ermittelung der Begebenheiten und der Daten handelt, kein absolut objektives Urteil gewinnen; aber wenn man auch nicht für dessen Richtigkeit bürgen kann, so muss man sich wenigstens bestreben, aufrichtig zu sein. Vor uns liegt ein Buch, das dem Inhalte nach geschichtliche Fragen behandelt, und zwar solche, die für uns Juden, oder richtiger, für die ganze gesittete Welt, von der grössten Bedeutung sind. Es handelt sich um die Erörterung des geistigen Lebens im jüdischen Volk und der inneren Vorgänge zur Zeit, als das Christentum entstanden ist.*) Wir besitzen bereits eine umfangreiche Literatur über die Geschichte dieser Epoche, und doch sind wir für jede neue Forschung dankbar, wenn sie zu einem neuen Ergebnis führt, oder selbst wenn sie bereits Bekanntes besser erklärt und unserem Verständnis näher rückt. Emil Schürer sagt in der Einleitung seiner „Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi" sehr zutreffend: „Keine Tatsache der evangelischen Geschichte, kein Wort in der Verkündigung Jesu Christi ist denkbar ohne die Voraussetzung der jüdischen Geschichte und der ganzen Vorstellungswelt des jüdischen Volkes." Indessen müssen wir bei solchen Forschungen als unentbehrliche Bedingung voraussetzen, dass sie keine andere Tendenz haben, als die Ermittelung derWahrheit — voraussetzungslose Wissenschaft im strengsten Sinne des Wortes. M. Friedländer zeigt sich jedoch in seinem Buche in zwiefacher fiinsicht befangen. Er hat sich im voraus die Aufgabe gestellt, in dem weltgeschichtlichen Prozess zwischen Judentum und Christentum das Urteil zu Gunsten der Tochter gegen die Mutter zu formulieren. Das Judentum in der Zeit, als das Christentum aus ihm hervorgegangen ist, betrachtet er als den rückständigen partikularen Nationalismus, der den Kampf gegen das Christentum, d. h. gegen den universellen Hellenismus hartnäckig geführt hat und dabei unterlegen ist. Nachdem die Geschichte ihr Urteil bereits gesprochen hat, müsste man sich ja eigentlich darauf beschränken, die Akten eingehend zu studieren und darüber unparteiisch zu referieren. Aber in Wirklichkeit liegt die Sache nicht so. Das Christentum hat in der Tat einen beispiellosen Erfolg aufzuweisen, indem es alle Völker des Abendlandes beherrscht; aber das Judentum ist keineswegs besiegt. Paralell mit dem Christentum hat auch das Judentum in den letzten achtzehn Jahrhunderten, trotzdem das jüdische Volk in dieser langen Epoche fast keinen einzigen ruhigen Tag verlebt hat, seine Entwicklung erfahren. Es lebt noch jetzt und denkt garnicht daran, sich in die Rumpelkammer werfen zu lassen, soviel es auch in der letzten Zeit angefeindet wurde. Und da kommt M. Friedländer mit seinem letzten Buch, um nachzuweisen, dass die heutigen Juden an derselben Verstocktheit leiden, mit der die Pharisäer vor mehr als achtzehnhundert Jahren das Christentum zurückgewiesen haben. Diese Ausführungen, deren tendenziöse Natur der Verfasser des vorliegenden Buches gar nicht in Abrede stellt, knüpfen sich an wissenschaftliche Untersuchungen, die an sich sehr wichtig sind, mit dem behandelten Thema aber eigentlich in gar keinem Zusammenhang stehen. Friedländer will uns eine Darstellung der geistigen Strömungen im jüdischen Volk geben, die zur Bildung der neuen Religion geführt haben. Er tut das recht einseitig, indem er blos das geistige Leben in Betracht zieht, hingegen die sozialen Bedingungen für die Entstehung des Christentums völlig verkennt. In allen Vorgängen erblickt er blos den Kampf der Geister, die religiösen Gegensätze, wie sie sich im Laufe der Zeit zwischen dem partikularistischen Judentum in Palästina und dem universellhellenistischen in der Diaspora ausgebildet haben. Dabei übersieht *) M. Friedländer, die religiösen Bewegungen innerhalb des Judentums im Zeitalter Jesu. er ganz und gar die politischen und sozialen Gegensätze, die, wenn sie auch nicht die innere Gärung im jüdischen Volke ausschliesslich allein hervorgerufen, doch gewiss viel dazu beigetragen haben. Wir glauben sogar, dass gerade in dieser Beziehung noch manches in der Forschung nachzuholen wäre, selbst nachdem Schürer sein umfangreiches und wegen seiner Objektivität grundlegendes Buch über die Geschichte dieser Epoche veröffentlicht hat. Friedländers Buch hingegen bedeutet einen Rückschritt, indem es selbst die Aufklärung verwirft, die uns Abraham Geiger über die politische Seite des Kampfes zwischen Pharisäern und Sadduzäern gibt. Für Friedländer ist auch diese Kontroverse lediglich auf religiöse Meinungsverschiedenheiten zurückzuführen. Noch unrichtiger ist seine Darstellung über die Klasse des „Landvolkes", das sog. „Am haarez", aus dem er eine religiöse Partei macht. In der Geschichte des Judentums ist freilich dieser wichtige Punkt nicht genügend aufgeklärt. Der Hauptfehler liegt darin, dass wir dieses „Landvolk1*, das zu den herrschenden Parteien stets in Widerspruch stand, nur aus den Schilderungen seiner Gegner kennen. Ausserdem übersehen es die meisten Forscher, dass man bei der Behandlung solcher Geschichtsquellen, die uns aus dem umfangreichen sopherischen und talmudischen Schrifttum zufliessen, sehr vorsichtig sein muss. In diesem Schrifttum wird nämlich oft eine Bezeichnung beibehalten, obwohl sie im Laufe der Jahre längst ihren Inhalt gewechselt hat. Der „Am haarez44 in der Zeitepoche Esras und Nehemias ist etwas ganz anderes als der mit diesem Namen bezeichnete Landmann um die Zeit des letzten unglücklichen Krieges gegen die Römer. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels und nachdem auch der letzte Versuch unter Bar- Kochba, das harte Römerjoch abzuschütteln, misslungen war, gab es im jüdischen Volk keine Sadduzäer mehr, d. h. keine bevorrechtete Adelspartei, und auch kein „Landvolk44, d. h. keine bäuerliche Bevölkerung, die zwar an den Vorrechten des alten Adels keinen Anteil hatte, aber immerhin aus alter Anhänglichkeit dieser Partei viel näher stand als den bürgerlichen Demokraten, den Pharisäern. Die Abneigung zwischen Pharisäern und „Landvolk" war eine gegenseitige und nahm zu verschiedenen Zeiten auch verschiedene Formen an. Religiöse Fragen kamen bei diesen Parteikämpfen insofern in Betracht, als überhaupt das ganze geistige Leben des jüdischen Volkes in jener Zeit von der Religion beherrscht war und in ihr zum grossen Teil seinen Ausdruck fand. Es würde das Mass einer Besprechung überschreiten, wollten wir hier eine Schilderung der Parteikämpfe geben. Jedenfalls aber muss man die Darstellung Friedländers durchaus für verfehlt erklären. Wenn in späterer Zeit darüber diskutiert wurde, wer als „Am haarez" zu gelten habe, und dabei die Meinung ausgesprochen wurde, ein „Am haarez44 sei der Jude, welcher das „Schemah14 zu lesen unterlasse oder das Gebot der „Tefilim" und der „Zizit" missachte, so wird kein Taimudkundiger diesem harmlosen Zitat viel Gewicht beilegen, um daraufhin aus dem „Landvolk", wie es in früheren Zeiten im politischen Leben von so grosser Bedeutung war, eine religiöse Partei zu machen. Es ist auch durchaus unwahr, dass die ersten Christen in Palästina sich aus der Reihe der das Gesetz missachtenden und dem Hellenismus zuneigenden Juden rekrutierten. Den Kampf gegen das Gesetz hat erst Paulus in das Christentum hineingetragen, und auch er war seiner Erziehung und seinem Bildungsgange nach durchaus Pharisäer. Dem flellenismus, der erst im vierten Evangelium (Johannis) seinen Ausdruck findet, stand Paulus vollständig fern. Dass es Paulus gelungen ist, mit seiner gesetzesfeindlichen Richtung im Christentum die Oberhand zu gewinnen, war nicht der Sieg des fiellenismus über das Judentum, sondern die Folge der paulinischen Propaganda, die viele heidnische^Elemente der neuen Religion zuführte. Die Beseitigung des jüdischen Gesetzes und die Aufhebung der nationalen Idee im Judentum ergab sich dann von selbst. Da die ältere juden-christ-

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