Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No.10 DIE^ELT - 5 5. ds. Mts. im Parlament, der „Staatssekretär fürs Innere44 (/V\r. Gladstone) möge immer im Auge behalten, dass die „Aliens- Act* eine der verlogensten Massnahmen sei, für die die frühere Regierung verantwortlich sei. Sie wäre nur erträglich, wenn sie im Sinne der liberalen Prinzipien durchgeführt wäre, die eher zur Zulassung als zur Ausschliessung geneigt wären. Das Parlament müsse die Einwanderungsbeamten kontrollieren, damit sie nicht eine Gefahr für den Staat werden." Natürlich klammern sich die Konservativen an dieses Gesetz und möchten eher eine Verschärfung der Massregeln als eine Linderung durchsetzen. In diesem Sinne agitiert der berüchtigte Major Evans-Gordon, der leider mit Unterstützung der jüdischen Stimmen von Stepney (wie er nach der Wahl selbst erklärt hat) ins Parlament wiedergewählt worden ist. Mr. Chamberlain hat neulich eine treffende Bemerkung über die Aliens-Act geäussert. „Es sei unlogisch und unkonsequent," meinte er, „fremde Einwanderer auszuschliessen und fremde Waren einzulassen". Entweder — oder. Entweder England bleibt bei seinen alten Prinzipien der wirtschaftlichen Freiheit ohne jede Einschränkung — und dann ist die Aliens-Act, eine Ungerechtigkeit, und angesichts der dominierenden Anzahl von jüdischen Einwanderern, eine antisemitische Handlung, oder England wird protektionistisch und verändert radikal seine Staatspolitik. Chamberlain n öchte das letztere verwirklicht sehen. Wenigstens wäre es eine offene Politik. Mr. Gladstone hat versprochen, die „Aliens-Acttt soweit als möglich milde handhaben zu lassen. Er meinte aber, es sei noch nicht die Zeit gekommen, das Gesetz dem Parlament zur Revision vorzulegen. Der „radikale" Ministerpräsident und das radikale Ministerium scheinen keine Lust zu haben, in dieser Frage „radikal" vorzugehen. Die Zeiten des moralischen Enthusiasmus der Gladstonischen Zeit sind in England offenbar vorbei. Und Gladstone der Sohn wird kaum eine so tiefe Sympathie mit den Bedrängten und Verfolgten empfinden wie Gladstone der Vater. Aus schmachvollen Tagen. Am 23. Februar d. J. ist in Charlottenburg tierr Sani et Markus im Alter von 64 Jahren gestorben. Er war eine interessante Persönlichkeit, die im politischen Leben Rumäniens vor etwa 30 Jahren eine ziemlich bedeutende Rolle spielte. Saniel Markus hat insbesondere lebhaften Anteil genommen an dem Kampf um die bürgerliche Emanzipation der rumänischen Juden. Es war Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. In Rumänien gingen die Wogen des Judenhasses sehr hoch, und in verschiedenen Orten kam es auch zu tätlichen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Die rumänische Regierung arbeitete damals zielbewusst auf die Befreiung des Landes hin, das bekanntlich in jener Zeit noch unter türkischer Oberhoheit stand. Rumänien war somit auf die öffentliche Meinung in Europa angewiesen, und diese war in jenen Tagen viel empfindlicher gegen judenfeindliche Exzesse als jetzt. Aus den Aufzeichnungen des Königs Karol von Rumänien, die vor etwa zehn Jahren erschienen sind, ersehen wir, dass auch der alte Kaiser Wilhelm der Erste beim rumänischen Herrscher wessen der Vorgänge, die im zivilisierten Europa einen so peinlichen Eindruck hervorgerufen hatten, vorstellig wurde. Karol von fiorunzollern, der an sich garnicht judenfeindlich war, aber der volkstümlichen Strömung im Lande Rechnung tragen zu müssen glaubte, entschuldigte sich beim deutschen Kaiser damit, dass man die rumänischen Juden nicht etwa mit ihren westeuropäischen Glaubensgenossen auf eine Stufe stellen dürfe — als ob die Rumänen selbst einen Vergleich mit den zivilisierten westeuropäischen Völkern aushalten würden. Kaiser Wilhelm erwiderte seinerzeit darauf, es wäre doch besser, wenn die rumänische Regierung gegen ihre jüdischen Untertanen Milde obwalten Hesse. Unterdessen kam der Sommer 1878 heran. Auf dem Berliner Kongress sollte das Schicksal Rumäniens entschieden werden. In Berlin war ein sog. rumänisches Komitee gebildet, dem sozialhochgestellte Juden angehörten. Dies Komitee arbeitete zusammen mit den Vertretern der Alliance im Interesse der rumänischen Juden. Der Zeitpunkt schien um so günstiger gewählt zu sein, als Bismarck von den Rumänen keine allzu gute Meinung hatte. Bekanntlich wurde auch auf dem Berliner Kongress beschlossen, die Unabhängigkeit der Balkanstaaten nur unter der Bedingung anzuerkennen, dass in ihnen jeder Unterschied in der Behandlung der verschiedenen Glaubensgemeinschaften aufhöre. In Rumänien rief dieser Beschluss einen wahren Sturm der Entrüstung hervor. Es begann ein niederträchtiges Intriguenspiel, um ihn illusorisch zu machen. Ein jüdischer Bankier übernahm leider die traurige Rolle der Vermittlung bei Bismarck, der zur Nachgiebigkeit gegen dfe Missachtung des europäischen Machtgebotes gewonnen werden sollte. Der betreffende Herr nahm dabei ein recht zweideutiges Verhalten an. In dem bereits genannten rumänischen Komitee deutete er an, dass man den Nationalstolz der Rumänen schonen müsse; die bürgerliche Gleichstellung der rumänischen Juden würde erreicht werden, wenn auch in einer andern die Eigenliebe der Rumänen weniger verletzenden Form. Andererseits erklärte er dem Fürsten Bismarck, dass die rumänische Regierung für den Fall, dass ihr die Judenemanzipation aufgedrängt werden sollte, den Staatsbankerott erklären würde. Deutsche Bürger würden Hunderte von Millionen verlieren. Die rumänischen Anleihetitres befanden sich damals zumeist in christlichen Händen; namentlich schlesische Magnaten waren an der Sache stark interessiert. Sie steckten sich hinter eine sehr hohe Persönlichkeit, so dass Bismarck schliesslich doch nachgeben musste. Als die Wortführer der rumänischen Juden ihn wegen seiner Stellungnahme zu dieser Frage interpellierten, erwiderte er ganz offenherzig, dass er diesmal nichts tun könnte, da das Interesse der Deutschen dem der rumänischen Juden voranginge. Aufgeschoben sei aber nicht aufgehoben. Er habe die Sache vorläufig zurückstellen müssen, er würde sie aber bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder aufnehmen. Die Herren merkten gleich, woher der Wind wehte, und als der bezeichnete Bankier, der in dieser Angelegenheit die Rolle des „ehrlichen Maklers" so eigennützig gespielt hatte, in der nächsten Sitzung des Rumänienkoinitees erschien, bekam er Dinge zu hören, die zwar parlamentarisch unzulässig, aber in diesem Falle gut angebracht waren. Mit der Emanzipation der rumänischen Juden war es aber leider nichts. Saniel Markus ging bald darauf nach Wien und Budapest, um da für die Sache der rumänischen Juden zu wirken. Er hoffte, dass die österreichisch-ungarischen Delegationen den von der österreichischen Diplomatie angebahnten Handelsvertrag nicht genehmigen und somit die Anerkennung der rumänischen Unabhängigkeit nicht aussprechen würden, wenn die rumänische Regierung nicht zuvor dem Beschluss des Berliner Kongresses hinsichtlich der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden würde nachgekommen sein. Dass diese Hoffnung falsch war, wissen wir bereits. Bei dieser Gelegenheit bemühte sich Saniel Markus, Ignaz Kuranda, den damaligen, so einflussreichen jüdischen Reichratsabgeordneten, zur Intervention in der rumänischen Sache zu bewegen. Kuranda gab sich auch redlich Mühe, aber vergebens. Die Sache der Juden wurde dem schnöden Eigennutz geopfert. Als Kuranda Herrn Markus diese traurige Mitteilung machen musste, fügte er noch die prophetischen Worte hinzu: „Ich sehe leider ein, dass wir für unsere rumänischen Gluubensgenossen auch in der Zukunft nichts erlangen werden. In nicht allzu langer Zeit wird auch unsere eigene bürgerliche Stellung sehr erschüttert sein, und wir werden uns selbst nicht helfen können. Die Emanzipation der österreichischen Juden entbehrt jedes Stützpunkts und wird nicht von langer Dauer sein." Dass diese Prophezeiung buchstäblich in Erfüllung gegangen ist (was Kuranda zum Teil noch selbst erlebt hat), ist zur Genüge bekannt.