Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316197--47877-3342782- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE2|KELT -No.10 Triumphator" über die Beziehungen der jüdischen Finanzmagnaten, der Herren Dr. Schwabach, Isidor Löwe, J. Simon u. s. w.: tierr Dr. Paul Schwabach ist bekanntlich der eigentliche Chef und Leiter des bekannten Welthauses S. Bleichröder, Herr Isidor Löwe der beliebte Grossindustrielle und Herr James Simon ein Krösus der Baumwolle, die er niemals in den Ohren hat, wenn von massgebender Seite an sein uneigennütziges Mäcenatentum appelliert wird. Erst vor einigen Wochen ist ferner die Tochter eines Berliner Bankdirektors bei der Defiliercour dem Kaiserpaar vorgestellt worden, und auch dieser Finanzier darf sein Geschlecht bis zu einem jüdischen Ahnherrn zurückverfolgen. Endlich aber hat der Kaiser jüngst einem Essen im Kaiserlichen Automobilklub beigewohnt, zu dessen Teilnehmern die Herren Felix Simon, Bodenstein, James von Bleichröder, Dr. Levin-Stölping-Huldschinsky und Fritz Friedender gehörten. Dieses Fest verlief in schönster Harmonie, und der Herr, der alle Etikette zum Trotz aus überquellendem patriotischen Gefühl beim Abschied die keuschen Lippen auf die Hand des Kaisers drückte, war zum Glück ein wackerer und ehrenfester christlicher Mitbürger. So erfreulich auch diese Tatsache, so falsch und übereilt wäre es, sie in philisterischem Sinne zu deuten oder gar anzunehmen, dass nunmehr mit dem Artikel der Verfassung, der die Gleichberechtigung aller preussischen Untertanen gewährleistet, mit bezug auf unsere jüdischen Mitbürger ernst gemacht werden soll. Die geschilderten Vorgänge sind lediglich aus dem heutigen Milieu des Hofes heraus zu erklären, sie sind interessante Begleiterscheinungen des sportlichen Lebens, aber sie bedeuten noch lange nicht einen Wechsel im System der preussischen Regierung. In den ersten Jahren seiner Herrscherlaufbahn widmete sich Wilhelm II. in erster Linie militärischen Angelegenheiten, und die Jagd bildete seine einzige Erholung nach den Lasten der Regierungsgeschäfte. Naturgemäss beschränkte sich hierbei sein persönlicher Verkehr auf die hohe Aristokratie, und er nahm wiederholt an den Jagden der schlesischen und ostpreussischen Magnaten teil. Aber in dem Augenblick, da der Monarch dem Wasser- und Automobilsport sein Interesse zuwandte, wechselte das Bild. Nur wenige unserer Adligen sind materiell in der glücklichen Lage, eine Yacht oder ein Automobil ihr eigen nennen zu können, und da der Monarch an diesen Veranstaltungen nicht nur reges Interesse zeigte, sondern eine aktive Beteiligung nicht verschmähte, so musste er notwendig bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft, der deutschen Plutokratie machen. Da es nun für Neptun ganz gleichgültig ist, ob der Eigentümer einer siegreichen Yacht von den Kreuzzugsrittern oder von den Makkabäern abstammt, so beglückwünschte unser Kaiser auch Herrn Felix Simon oder Herrn Huldschinsky zu ihren Erfolgen auf dem Meere ebenso herzlich, wie wenn er einen authentischen Nachkommen des Herzogs Gottfried von Bouillon vor sich gehabt hätte. Bei näherer Bekanntschaft zeigte es sich dann noch weiter, dass gerade diese Kreise gern erbötig waren, mit ihren reichen Mitteln künstlerische und kulturelle Zwecke zu unterstützen, die unterirdischen Schätze Babels bloszulegen, wohltätige Stiftungen ins Leben zu rufen und Museen mit erlesenen Kostbarkeiten zu füllen. Wilhelm IL begnügte sich nicht damit, durch Titel und Orden seine Dankbarkeit zu beweisen. Er erachtete mit lobenswertem Taktgefühl die Herren, die sich so bereitwilligst in den Dienst der von ihm angestrebten Ziele stellten, eines persönlichen Verkehrs für würdig und öffnete ihnen sein Haus. Aber gerade diese Ehrungen und Auszeichnungen sind geeignet, die Gegensätze, in denen sich unsere heutige Zeit bewegt, noch schärfer hervortreten zu lassen. Der Kaiser ist ein Gönner des Herrn James Simon, aber er ist auch Bonner Borusse und damit steht er auf dem Standpunkt des Kösener S. C, der die Israeliten von dem Eintritt in die Korps ausschliesst. Der Kaiser unterhält sich eingehend und liebenswürdig mit Herrn Dr. Levin- Stölping-Huldschinsky, aber er ist gleichzeitig der oberste Kriegsherr, der noch niemals einem Israeliten gestattet hat, aktiver Offizier zu werden. Für das Judentum im allgemeinen sind also diese Ehrungen einzelner ziemlich bedeutungslos, und die laue Art, mit der erst neulich der Justizminister die Affäre des Vereins christlicher Referendare im Parlament behandelte, ist ein beredtes Zeugnis dafür, dass zunächst alles beim alten bleiben wird. Es ist ausserordentlich amüsant zu beobachten, wie dieser jüdischen Hofgemeinde, die sich in den Dienst der kaiserlichen Kunstideale stellt eine jüdische Fronde gegenüber steht. Das ist das mosaische Fähnlein, das sich um den Klub der Sezession gruppiert und neuerdings wieder für seine Zwecke die Manen Heinrich Heine's mobilisiert hat. Diese Klique gibt die künstlerische Parole aus für all' die Weiblein, die im Berliner Westen an Halbbildung und Hysterie kranken — aber um den interkonfessionellen Charakter zu wahren, prunkt sie mit den beiden Ehrengojim: Gerhart Hauptmann und Richard Dehmel. Jede neue Ehrung von James Simon oder Geheimrat Koppel führt ihre frische Anhänger zu. Denn der Mann Die Aliens-Act. aus der Viktoriastrasse kann es auf den Tod nicht leiden, wenn der Nachbar aus der Tiergartenstrasse mehr Ehrungen empfängt als er selber. Darum gibt es ganz kluge Leute, die es mit keiner Partei verderben wollen, und sie spenden bereitwillig für das Kaiser Friedrich-Museum und für Herrn Reinhard. *) „Israel Triumphator"! So hätten wahrscheinlich auch die Publizisten des katholischen Spaniens ausgerufen, kurz vor dem Erlasse des Verbannungsediktes, immer und immer hört man diesen Ruf, mit dem die europäischen Nationen ihre Ungerechtigkeit gegenüber dem wirklichen Israel, dem jüdischen Volke, beschönigen wollen. Man mordet Tausende von Juden im Osten Europas, 24 Stunden Reise von Berlin. Man hat Millionen jüdischer Habe in Flammen aufgehen lassen. Juden werden überall drangsaliert, chikaniert — und „Israel Triumphator" — klingt es in aller Munde, sobald irgend ein jüdischer Protz geadelt wird...... Und was das Schlimmste daran ist, die meisten westlichen Juden selbst, die kleinen und grossen, glauben daran, glauben an ihre Macht, glauben an die ausschliessliche Macht des Geldes. Welch' ein kleines Geschlecht! Aber es ist auch ein neues Geschlecht in Israel erstanden, dessen Kult nicht Mammon gilt und auch nicht dem Zopftum und Schranzentum. Mit diesem Israel wird man rechnen — und nur der „Triumph" dieses Israels wird der Triumph des jüdischen Volkes — und auch der wahren Kultur sein. Es war der Racheakt der abziehenden konservativen Partei in England. Als die Partei von Balfour und Chamberlain nichts mehr auszurichten vermochte, als sie sah, dass ihr Ansehen gesunken, ihre Macht zerbröckelt sei, da griff sie zur Demagogie und kündigte die Alien-Bill an. Major Evans-Gordon, der Abgeordnete für Stepney, ist zum Bannerträger dieser Idee geworden. Er hat eine gewaltige Agitation gegen die Einwanderung von Fremden nach England begonnen. Fremde, d. h. Juden. Zu ditsem Zwecke begab er sich sogar nach Russland, Galizien und Rumänien, um die Länder der „Fremden" zu sehen. Und er kehrte nicht als Paulus heim. Im Gegenteil. Der steife, selbstsüchtige, durch und durch bourgeoise Engländer hat das Elend mit seinen Augen gesehen — und erklärte, dass man mit diesen Juden kein „business" machen kann. Er ging in das britische Parlament zurück und trat mit verdoppelter Kraft für die Einführung der Fremdenbill ein. Und er setzte seinen Wunsch durch. Das Kabinett Balfour, das antisemitelnde konservative Ministerium hat mit Hilfe der früheren konservativen faulen Majorität, die nur unter dem Eindrucke des Boerenkrieges zusammengeschmiedet war, die Bill durchgesetzt, sie lu einer Aliens-Act gemacht, zum Gesetz erhoben. Die Zeit der Drangsal für die Einwanderer hat begonnen. Mit der ganzen zynischen Abneigung des Satten gegen den Hungrigen, des Wohlbestellten gegen den Flüchtling, den Deklassierten, des Nichtjuden gegen den Juden, gehen die Beamten der Einwanderungskommission, die über die Zulassung oder Abweisung der Einwanderer zu entscheiden haben, gegen die Fremden, lies Juden, vor. Täglich melden Berichte in jüdischen, wie auch nicht-jüdischen liberalen englischen Blättern von den Ungerechtigkeiten und der Härte der Beamten gegenüber den Fremden, Einlass Begehrenden. Ein Mann, der nach Amerika fahren wollte und seine Familie um einige Tage früher zu Verwandten nach London schickte, mit der Absicht, später mit ihnen zusammenzutreffen, um gemeinsam die Reise anzutreten, wurde von den englischen Behörden abgewiesen, weil er weniger als die vorgeschriebene Summe bei sich hatte. Es kamen herzzerreissende Fälle vor. Aber die Kommission oder der „Board of Immigration" verhandelt heimlich, und die Öffentlichkeit bekommt nur selten davon zu hören. Das neue liberale Parlament ist schon auf diese Frage aufmerksam gemacht geworden durch Mr. Samuel, Mr. Maddison, Sir Düke u. a. Mr. Maddison, der Abgeordnete für Burnley, sagte in der Sitzung vom *) Direktor des „Deutschen Theaters" in Berlin.