Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-03-09 · 10 (9.3.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316197--47876-3342781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No.10 DIE3$EELT 3 was sie wollten : sie wurden geadelt. Es ist ja im deutschen Reiche keine so überraschende Erscheinung. Man mochte vielleicht staunen, als Königin Victoria den Juden Benjamin Disraeli zum Earl of Beaconsfield, Peer of England, erhoben hatte, man wäre vielleicht überrascht, einen Juden in Deutschland zu einem angesehenen Staatsamte berufen zu sehen. Aber das kleinliche, annselige „Von" — wer würde es den armen Herren Friedländer und Caro nicht gönnen? „Vor die Tugend haben die Götter den Schweiss gesetzt," heisst es bei Hesiod. Aber nicht so urteilt Deutschlands Öffentlichkeit, sobald es sich um „Israel" handelt. Da wird alles aufgebauscht — nach dieser oder jener Seite, im Geiste von Mosse oder von Pückler und Liebermann von Sonnenberg. Die „Berliner Morgenpost", das Blatt des typischen Kleinbürgertums und Krämertunis, jubelt aus Anlass der Adelung der beiden „israelitischen" Granden. Der „Handelsmann" fühlt sich dadurch geschmeichelt. Die B. M. schreibt: „Herrn Ballin selbst strahlt zwar, wie man erzählt, die Gnadensonne nicht mehr ganz so hell wie ehedem, dafür aber freut sich Herr Wiegand von der Bremer Konkurrenz, ihres ungetrübten Scheines. Herr James Simon und Herr Jakob sind häufig des Kaisers Tischgäste, Herr Rathenau und Herr Schwabach finden stets eine offene Tür im Schlosse, Herr Mendelssohn und Herr Koppel wrerden mit hohen und höchsten Ordensauszeichnungen bedacht, und jüngsthin gar hat der Kaiser die Herren Caro und Friedländer für würdig erachtet, in die Reihen der Edelsten und der Besten des Volkes aufgenommen zu werden. Es ist wohl zu begreifen, dass angesichts aller dieser Tatsachen der Zorn der „erb- und schlossgesessenen" Geschlechter steigt, dass ihre Unruhe zunimmt. Was die missvergnügten Granden „Ballinismus" nennen, das ist nichts anderes als ein Symptom eines Entwicklungsprozesses, vermöge dessen Deutschland aus einem reinen Agrarstaat immer mehr und mehr zu einem Handels- und Indrustriestaate wird, und dieser Entwickelungsprozess hat bereits um die Mitte des vorigen Jahrhunderts eingesetzt. Im Zeitalter des Welthandeis, des Weltverkehrs, der Weltpolitik muss der ostelbische Krautjunker wie eine vorsintflutliche Erscheinung wirken, wie ein Fossil in der Welt des Lebens. Man stelle ihn einmal neben einen der Industriekapitäne oder neben einen der Grossen im Handel und vergleiche die beiden. Aufs engste begrenzt ist der Horizont des einen, über die Grenzen des Kreises, in welchen die von den Vätern ererbte Scholle liegt, geht kaum sein Blick, im besten Falle bis zur Stadt, da der Junker in jungen Jahren einmal in Garnison gestanden hat. Und nun der andere, der Grosse in der Welt von Handel und Wandel: von Yokohama bis London, von Liverpool bis Neuyork, von Bergen bis zum Kap und von San Franzisko bis Sidney reicht sein Blick, die ganze Welt kennt er, den ganzen Erdball umspannt er mit seinen Interessen, gleich dem vielgewandten Odysseus sah er vieler Menschen Städte und erkannte ihren Sinn. Was muss er in der modernen Welt gelten neben dem Ritter aus Ostelbien! Der Kaiser wird als ein moderner Mensch gerühmt, und jedenfalls: er, der Mann der Weltpolitik und der Seegewalt muss die Industriekapitäne und die Finanzgewaltigen ganz anders einschätzen, als es die Barone neben seinem Throne tun, denen die Weltpolitik im Grund ihres Herzens eben so grässlich ist wie die Flotte. Er muss sie anders einschätzen, und er schätzt sie anders ein: seine freundschaftliche Neigung für Simon und Jakob, und die Aufnahme Caros und Friedländers in die Reihen seines Adels beweisen das. Unseren Erb- und Schlossgesessenen sollte das Eindringen der alttestarnentarischen Aristokratie in ihre Reihen doch zu denken geben als ein Symptom der modernen wissenschaftlichen Entwicklung. Mit Grollen und Schmollen halten sie den Strom nicht auf, und es nützt ihnen gar nichts, dass sie sich in die Muschelschalen ihrer aristokratischen Unnahbarkeit zurückziehen. Entweder sie schwimmen mit dem Strom, oder der Strom geht über sie hinweg, und viele verkrachte Leutnants, die Kognak-Reisende und Versicherungsagenten werden müssen, zeigen's ihnen noch alle Tage: wenn der Junker erst gelernt hat, im Handel und Wandel die Ellenbogen zu rühren, dann kommt niemand so gut vorwärts wie er, denn das rücksichtslose Draufgehen, das auch sonst seiner Kaste eigentümlich;; ist, kommt ihm hier trefflich zustatten. Mögen also unsere Junker auf den Ballinismus nicht länger schelten, sondern mögen sie es ihm nachtun. Sie sollten die Herren Caro und Friedländer mit offenen Armen bei sich aufnehmen, denn sie können viel von ihnen lernen. Caro und Friedländer als Erzieher — das sei ihre Parole: Sie werden es zu etwas bringen, wenn sie ihr folgen." Also früher hiess es in Deutschland: „Rembrandt als Erzieher, Göthe als Erzieher" — jetzt hallt der Ruf: Caro und Friedländer als Erzieher. Wir müssen bei aller unserer Sympathie für unsere Stammesgenossen gestehen, dass diese neue Parole nicht besonders kulturfördernd wäre. Eine scharfe, geharnischte Entgegnung finden wir in der Junkerzeitung, im Organ des altpreussischen Adels, der „Deutschen Tageszeitung.44 Sie schreibt: „Der Kaiser ist frei in Willen und Tat. Frei ist aber auch der Untertan, und er darf in Ehrerbietung sagen, was er denkt. Und seine Gedanken sind nicht erfreulich. Er sieht eine neue Zeit gekommen, die anders geartet ist, als die Zeit des ersten Kaisers, als diese Zeit der schlichten Sitten und der grossen Erfolge. „Jachten und Automobile ihr Eigen zu nennen, sind nur wenige unserer Adligen in der Lage", so schmettert in freudigen Tönen der Künder der neuen Zeit. In der Tat, es treten andere das Erbe der Vergangenheit an. Sie werden freilich nicht an der Veroneserklause für ihren Kaiser bluten und vor Fehrbellin nicht den Tod Emanuel Frobens sterben. Weil der Boden, auf dem sie leben, nicht von ihrem Blut und auch nicht von ihrem Schweiss gedüngt ist, deshalb drohen sie schon in das Ausland zu wandern, wenn eine Börsensteuer ihre Millionen berührt. Ubi bene ibi patria. Hier heissen sie Jakob, dort James oder Jacques; hier auch Heinrich und dort Henri oder Harry. Wer über die Grenzen geht, der braucht nicht einmal die Merkzeichen in der Wäsche und auch nicht die Gesinnung zu wechseln. Auch das Haus Rothschild hat Jachten und Automobile, seine Gründer waren auf deutschem Boden geboren. Sie zogen fort über die Grenze, hierhin und dorthin, nach Frankreich, nach Oesterreich und nach England. Und sie wurden behende Franzosen, Oesterreicher und Engländer, denn ihre Gesinnung klebte nicht in ihrer Seele, sondern klebte an ihrem Kapital. Die Quitzows, die Köckeritz und Lüderitz, die Krachten und die Itzcnplitz haben wohl einmal das Schwert gegen ihren Landesherrn erhoben, weil sie in ihm den Verderber ihrer Freiheiten und Rechten erblickten; aber deutsch sind sie alle geblieben, und deutsch sind auch ihre Enkel, die jetzt auf verschuldeten Gütern sitzen oder ihrem Kriegsherrn im Heere dienen, die aber nicht durch Jachten und Automobile und durch Millionenschenkungen für Museen und Liebhabereien sich Gunst zu erwerben vermögen. Ein anderes Geschlecht dringt heran: „Die Kinder, sie hörens nicht gerne." Und sie glauben, was Goethe sagt: „Man leugnete •stets und man leugnet mit Recht, dass je sich der Adel erlerne." Auch Rothschild, auch Bleichröder, auch Königswarter sind die Staffel emporgeklommen, die über den schlichten, bürgerlichen Namen hinausführt. Sind sie darum adelig geworden? Wird aus ihnen und ihrem Samen ein Freiherr von Stein, ein Marschall Blücher, ein Otto von Bismarck erstehen? Wer von ihnen mag jeder Stimmung leben, die froh von den Taten der Väter und ihrer Grösse den Hörer unterhält und still sich freuend ans Ende dieser Reihe sich geschlossen sieht? Helden werden nur von Heiden gezeugt, sagt Horaz. Der neue Adel wurde nicht von Helden geboien. Nun mag auch im deutschen Lande das Denkmal Heines erstehen. Wozu noch es hindern? Wozu noch sich sträuben? Die Zeiten haben sich gewandelt, der Mammonismus und der Amerikanismus hat den Deutschen das Blut verdorben, die Ueberschätzung des Goldes dringt durch alle Klassen und macht uns materialistisch. So mag Herr Harry Heine sein Monument erhalten, und möge es dort stehen, wo jetzt der alte deutsche Roland sich erhebt. Denn an diesem Platz fahren sie alle vorüber, die Herren der Tiergartenstrasse und des Börsen Westens, wenn sie zum Kaiserschloss wollen. Und dann mögen sie getrost und dankbar aufblicken zu dem Denkmal des Dichters, der wie kein anderer die Hohenzollern und das Preussenland schmähte, und sie mögen glücklich lächelnd mit Deborah und Barak dem Sohne Abinoams singen: „Lobet den Herrn, Ihr von Israel! Höret zu, Ihr Könige und merket auf, Ihr Fürsten." Soviel Lärm um nichts! Ein paar Juden werden geadelt, und die ganze deutsche Kultur kommt in Gefahr! Wie schwach müsste eine solche Kultur sein, wenn sie nur dank der Rassenreinheit der märkischen Junker, der Herren von Itzenplitz und Lüderitz, der Germanen auf „itz" und „ow", erhalten werden kann. Aber wir wollen nicht die Anwälte der deutschen Kultur werden, wiewohl wir von ihr eine höhere Meinung haben, als die „Deutsche Tagesztg." Uns interessiert vor allem die jüdische Seite der Frage. Und in dieser Beziehung ist ein Artikel des Berliner Wochenblattes „Roland von Berlin" von bezeichnender Schärfe. Der „Roland" schreibt unter der Spitzmarke „Israel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.