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Die Welt · 1906-03-09 · 10 (9.3.1906) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2 DIE^ELT No.10 auf den Altar der fremden Nation dasselbe, ja noch mehr niederzulegen, als sie von den nationalen Stammesgenossen fordert. Wieviel das ist, das wird jeder ermessen können, der auch nur oberflächlich die phantastischen Ausgeburten derösterreichischen Nationalitätenpolitik kennt, jene krankhaften Produkte demagogischer Verhetzung, der es nicht darauf ankommt, um einer Strassentafel oder eines Bezirksämtchens willen die Bevölkerungsteile bis zu Tätlichkeiten, zu Boykott, jedenfalls zu unversöhnlichem Hasse gegen einander aufzureizen. Mitgefangen — mitgehangen! Der assimilatorische Jude, der jetzt in die nationalen Kataster im Mähren eingetragen werden wird und der sein Wahlrecht ausnützen will, wird so ungefragt ein Glied, ein Werkzeug jenes fieberhaft outrierten Chauvinismus, — er wird eine deutsche oder tschechische Einheit, die nach dein Willen der Führer sich gebrauchen, sich missbrauchen lassen muss, ohne dass den individuellen Bedürfnissen, irgendwelchen Separatwünschen mehr Rechnung getragen werden müsste. Und darin, in dieser durchaus passiven Rolle, die die mährischen Juden durch das neue Wahlgesetz zu spielen gezwungen sein werden, liegt die gewaltige Einbusse, die auch die assimilatorischesten unter ihnen erlitten haben. Früher, als noch die Juden politisch eine wenn auch nicht organisirte, so doch durch ihre Besonderheiten mehr oder minder von den beiden anderen Volksstätnmen unterschiedene Gruppe darstellten, als die „israelitische Kultusgemeinde" im Streite der Völker das „Zünglein an der Wage" bildete, konnten sogar die assimilatorischen Juden eine halbwegs selbständige Politik betreiben. Sie konnten den Liberalen gegen den Antisemiten stützen, sie konnten sogar dann und wann eine leidliche (aber aktive) Neutralität beobachten. Wenn sie jetzt von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen werden, so werden sie einfach vom Strudel der kompakten Majorität mitgeschleppt werden. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass das, was das Deutschtum oder Tschechentum des mährischen Juden ausmacht, nur in politischer Hinsicht ein volles Mass, sogar ein Übermass an Hingabe darstellt — sonst aber trennt die Juden in ihrer Mehrheit von den anderen zwei Nationen ihre ganze kulturelle Anschauung, ihre ganze ökonomische und gesellschaftliche Situation. So sind sie hüben und drüben nicht nur nicht heimisch, sondern zumeist als lästige Eindringlinge angesehen, die — man weiss eigentlich nicht warum — sich nach vorne ins politische Getümmel stellen wollen. Deutscher und tschechischer Antisemitismus, Boykott schlimmster Sorte, wüten im Lande, und die Juden der Provinz verarmen in erschreckender Weise, erwiesenermassen oft aus dem Grunde, weil der politische Hass auf das wirtschaftliche Leben hinübergreift. Wenn nun jetzt die Juden sich nicht nur beim Wahlakt selbst, sondern permanent durch die Eintragung in die nationalen Kataster noch mehr nach einer Seite exponieren, so wird zweifellos dadurch die Feindseligkeit auf der anderen Seite ganz unverhältnismässig geschürt werden. Das hat die Regierung gewiss nicht gewollt, wofern sie überhaupt einen Augenblick an die Juden gedacht hat, aber das ist die unvermeidliche Folge ihrer neuen Wahlordnung, dass sie die verblendeten assimilatorischen Juden zum Mitmachen einer Politik direkt auffordert, die sie, die alle Juden Mährens vollends einflusslos macht, noch mehr der Willkür des Antisemitismus preisgibt. Gegen die assimilatorischen Juden in Maehren sind die Nationaljuden schon vor einem Jahrzehnt aufgestanden, indem sie eine jüdische Interessenpolitik und eine solche der Neutralität zwischen den zwei Volksstämmen des Landes forderten. Man darf nicht glauben, dass die Tätigkeit der Nationaljuden erfolglos war. Ihre Aufklärungsarbeit war zunächst nicht leicht, weil sie nur die Jugend hinter sich hatten, aber die Entwicklung der Dinge tat das Ihrige. Viele, insbesondere in der Provinz, fühlten am eigenen Leibe die Schrecken der fremdnationalen Politik und verlernten es von Grund aus, den gewissenlosen und ehrgeizigen Strebern aus den grösseren Städten zu vertrauen, die sie bald fürs Deutschtum, bald fürs Tschechentum einfangen wollten. Ja, man kann sogar sagen, dass in recht naher Zeit die Mehrheit der mährischen Juden für eine gesunde Neutralität, ein grosser Teil für den jüdischen Nationalismus gewonnen worden wäre. Jetzt kommt die Wahlreform als eine grosse Störung dazwischen, als eine Störung, weil die Juden für eine einheitliche Politik noch nicht organisiert sind und weil für die Juden, die die Politik des fremdnationalen Katasters nicht mitmachen wollen, nichts übrig bleibt als die Demonstration der Passivität, d. h. dass sie sich entweder nicht in die Kataster eintragen lassen oder wenn sie von behördlicher Seite eingetragen werden, die Eintragung ignorieren und von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen. Auf diese Weise können sie allerdings keinerlei jüdische Rechte vertreten, aber sie können wenigstens der ungeheuren durch die Verhetzung der Nationalitäten entstehenden Gefahr durch Neutralität begegnen, und etwas von den Sünden, die die jüdische Assimitation begeht, dadurch paralysieren. Was aber an der ganzen Sache den Beobachter vor allem traurig stimmt, das ist die Tatsache, wie die Entwicklung der Dinge der nationalen Konsolidierung der Juden so sehr entgegengekommen ist und wie sie, statt den Strom zu nutzen, ihm entgegenschwimmen, — bis sie auffahren. F. POLITISCHE REVUE Israel Triutnphator. Vor einigen Tagen ist in Israel Grosses geschehen : Herr Caro und Herr Fritz Friedender sind vom deutschen Kaiser in den Adelstand erhoben worden. Zwar ist Herr Friedländer, jetzt von Friedländer, schon seit langem in den Schoss der alleinseligmachenden römischkatholischen Kirche übergegangen und hat offiziell mit dem Judentum nichts zu tun. Aber Blut ist dicker als Wasser, selbst als das der Taufe. Wer als Friedländer geboren ist, wird auch als strenger Katholik zu Israel gezählt werden. Nur einen Friedländer hat die Geschichte zu verzeichnen, der kein Jude ist — Wallenstein. Der aber hat schlecht geendet. Kurzum, Herr Friedländer und Herr Caro sind geadelt worden. Warum auch nicht? Sie geben und geben, sobald man an s:e herantritt. Sie gaben, als Graf Mirbach sich an sie um Kirchenbauspenden wandte, sie gaben dem Zentrum, dem Staate. Sie teilten Lächeln und Spenden nach links und nach rechts — und sie erreichten,

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