Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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E&fflSSSSSSBm DIE ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIERRING 23 — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — ---—=--REDAKTION: B E RT H O L D F E I W E L, A. C O R A L N I K. ====r=^==== X. JAHRG. KÖLN, 9. März 1906 rminS i*?nn"a vik" h Nr. 10 ENTNATIONALISIERTE JUDEN Mit den mährischen Juden hat sich etwas Seltsames ereignet. Die neue österreichische Wahlrechtsvorlage, die in vielen Hinsichten ein Kompromiss darstellt zwischen gewünschter Reform und augenblicklicher Möglichkeit, hat für ein Land beinahe die ideale Lösung gefunden, für die Markgrafschaft Mähren. Dort ist der Boden bereits soweit vorbereitet, dass die Regierung." die Einführung nationaler Kurien für das Land vorschlägt, durch die künftighin der unleidliche Sprachen- Hader zum Schweigen gebracht und eine gesunde Entwicklung der verschiedenen nationalen Gruppen ermöglicht werden soll. Ist die Regierung schuld daran, dass selbst die Perle der Wahlreform unrein ist? Kann man es ihr zum Vorwurf machen, dass sie in Mähren, wo die Juden einen bedeutenden Prozentsatz der Bevölkerung bilden, eine deutsche und eine tschechische Wahlkurie einführt und die Juden gar nicht bemerkt? Es ist für die mährischen Juden zu spät, darüber nachzudenken, wer der Schuldtragende ist, ob sie oder die Regierung. Sie haben sich wohl oder übel mit einer Situation abzufinden, von der es vielen von ihi.en vielleicht nicht einmal klar ist, wie lächerlich-traurig sie ist. Das, was sich in Mähren ereignet hat, ist mehr als eine Episode, mehr als eine politische Angelegenheit der Juden dieses Landes. Wäre es nur das, es würde sich für den jüdischen Politiker nicht lohnen, bei der Sache länger zu verweilen. Es ist vielmehr ein bedeutsames, symptomatisches Ereignis, ein Ereignis freilich durchaus negativer Natur, ein klassisches Beispiel, aus dem Leben herausgegriffen, wie inmitten der weitgreifenden nationalen Expansionen die jüdische Assimilationspolitik endlich auf eine Sandbank auffahren muss. Die mährischen Juden werden sich, wenn die neue Wahlreform Gesetz wird, in den deutschen oder tschechischen Wahlkataster einzutragen haben, d. h. wenn sie ihr primitives Wahlrecht ausüben wollen, müssen sie sich entweder als Deutsche oder Tschechen erklären. Und wenn einer, was häufig vorkommt, beide Sprachen spricht und sich nicht für eine der beiden Nationen engagieren möchte, und wenn einer aus wirtschaftlichen Gründen sich nicht Deutsche oder Tschechen durch den Wahlakt zu Feinden machen will, und wenn einer gar sich als Nationaljude fühlt und mit den fremdnationalen Katastern nichts zu tun haben will — so bleibt er einfach vom Wahlrecht ausgeschlossen, ist er politisch in einem Staate, der die allgemeine, gleiche und direkte W7ahl einführen will, zum Rechtlosen degradiert. Es ist nicht sicher, ob bereits die Mehrheit der mährischen Juden die ungeheure Demütigung fühlt, die darin liegt, dass sie als nichts mehr denn als ein Appendix der beiden anderen mährischen Völker behandelt werden, dass sie so fraglos-selbstverständlich als Knochen zum Fleisch geworfen werden. Nun scheint es ja allerdings auf den ersten Blick, dass durch diese völlige Ausschaltung des jüdischen Elements, dem man nicht einmal eine konfessionelle Interessenvertretung zuerkennen zu müssen glaubte, nur der Teil der Juden moralisch und materiell sich beleidigt und geschädigt erachten muss, der eine bewusstjüdische oder eine neutrale Position vertreten will. Für die Juden aber, die auch früher nationaldeutsche oder nationaltschechische Politik mitmachten, hätten sich, sollte man meinen, die Situation'^höchstens formell verändert. Aber das scheint nur so. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob sich etwa ein reichsdeutscher Jude oder ein mährischer Jude als Deutscher schlechthin erklärt. In Deutschland ist für den Assimilationsjuden die Möglichkeit gegeben, sein Deutschtum in den Formen zu bekunden, die er für angezeigt hält, er kann es in allen Abstufungen zwischen chauvinistischer Germanomanie und rein kultureller Anlehnung an das Deutschtum betätigen, er kann dabei, je nach seiner Veranlagung, mehr oder weniger unaufdringlich sein, mehr oder weniger die politischen von den kulturellen und ökonomischen Momententrennen. In jenen gemischtsprachigen Ländern aber, zu denen Mähren gehört, wo der nationale Kampf bis zur Siedehitze entflammt ist, heisst es für den Juden, der als Deutscher oder Tscheche gelten will, p