Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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18 DIE3|EELT No. 9 Aus der Bewegung Am Montag und Dienstag hielt in Paris der Präs. des A-C David Wolffsohn mit den Mitgliedern des A. C: L. 3. Greenberg, Jacobus Kann und Dr. Alexander Marmorek eine Beratung ab, bei der eine Reihe aktueller zionistischer Fragen zu eingehender Besprechung gelangte. An der Beratung nahm auch Dr. Max Nordau lebhaften Anteil. Japan In Japan haben bekanntlich jüdische Soldaten, die in Port Arthur gefangen genommen worden waren, einen zionistischen Verein mit dem Namen „Bnei Zion haschwuim bejapan" gegründet. Wir haben schon darüber berichtet, mit welchem Eifer und Erfolg diese Gruppe für die Ausbreitung der zionistischen Idee und für die Sammlung von Schekeln, Nationalfondsbeiträgen etc. arbeitet. Nun wird uns gemeldet, dass es die Kriegsgefangenen zuwege gebracht haben, in Takaissi ein zionistisches Organ in russischer Sprache: „Das jüdische Leben" herauszugeben, das unter allen Kriegsgefangenen Juden in Japan verbreitet wird. Das Blatt wird natürlich nicht in einer Typographie hergestellt, sondern geschrieben und sodann vervielfältigt. Jedes Blatt trägt den Stempel der zionistischen Organisation „Takaissi Japan". Aus dem bisherigen Inhalt des Blattes ist besonders hervorzuheben der Plan d~r Gründung einer auf genossenschaftlicher Basis aufgebauten Kolonie in Palästina. Die Kolonisten sollen aus den Reihen der kriegsgefangenen Zionisten entnommen werden. Eine grössere Zahl, darunter meist Arbeiter, bereitet sich schon für die Durchführung dieses Planes vor. Deutschland Erster zionistischer Distriktstag Posen In Gegenwart von nahezu 30 Delegierten und zahlreichen Mitgliedern der Posener Ortsgruppe trat am 23. Februar der erste Zionistische Distriktstag in Posen zusammen. In der Eröffnungsrede hob der Vorsitzende des Distriktsbureaus mit Genugtuung hervor, däss die Zahl der Plätze im Distrikt, in denen die Gesinnungsgenossen leben, sich seit Konstituierung des Gruppenverbandes verdreifacht, die Zahl der Schekelzahler verdoppelt habe. Das sei nicht allein der Erfolg von 20 Versammlungen, die das Bureau bisher in seinem Bezirk veranstaltet habe, mehr noch das Ergebnis des dauernden engen Kontaktes, den fast alle Glieder des Bezirks mit der Zentrale unterhalten. Alsdann ergriff er das Wort zu seinem Referat über: „Die Lage im Zionismus44; er ging fast ausschliesslich auf die Entwicklung des Territorial-Problems im Zionismus ein und schloss mit der Vorlegung der folgenden Resolution : „Der Zionistische Distriktstag Posen begrüsst mit .lebhafter Befriedigung die Ergebnisse der Brüsseler Konferenz : 1. vom allgemein-jüdischen Standpunkt insofern, als sie zum ersten Male hervorragende jüdische Organisationen auf politischer Grundlage unter Aegide des Zionismus zu gemeinsamen Weiterstreben geeinigt hat; 2. insbesondere vom zionistischen Standpunkt, insoweit sie eine Rückkehr des Zionismus zu .dem Prinzip einleitet, dass der, Zionismus an allen Arbeiten leitenden Anteil nimmt, die der gegenwärtigen Judennot zu steuern und vor der Erlangung von Palästina die Judenschaft auf nationaler, autonomer Basis zu konzentrieren geeignet sind.44 Der Korreferent, Herr Referendar Dr. Auerbach-Posen, beleuchtete dasselbe Problem vom zione-zionistischen Standpunkt und ging dann über zur Beleuchtung des Standes der zionistischen Organisation und des nationalen Gedankens in den verschiedenen Ländern, und zur Erörterung des Verhältnisses des Zionismus zu den anderen jüdischen Organisationen. Er schloss mit dem Antrag, nur den ersten Absatz obiger Resolution anzunehmen, den zweiten jedoch abzulehnen. In der lebhaften Diskussion sprachen die Herren Dr. Kollenscher, Dr. Kassel, Lesser, Scherek, Bendix-Posen, Salinger-Filehne, Cohn- Stralkowo und wiederholt die Referenten. Schliesslich wurde der erste Absatz einstimmig, der zweite mit 55 gegen 5 Summen angenommen. Zu den Nachmittagsverhandlungen waren noch einige auswärtige Nachzügler und zahlreiche Genossen und Gäste aus Posen, im ganzen 90 Personen erschienen. Es hielten die tierren Dr. Kassel-Posen und Bochner vortreffliche Referate über die »Lage der Juden in der Ostmark". Nach langen Diskussionen, an denen sich die tierren Dr Kollenscher. Assesor Wiltschek, Berg-Posen, fieinr. Loewe-Berlin, Salinger- Filehne, Dr. Rothschild-Wongrowitz, Dr. Königsberger-Pieschen, sowie Frl. Landsberger und Frl. Hirschfeld beteiligten, gelangte folgende Resolution zur einstimmigen Annahme: „Die Judenschaft de« Ostmark leidet schwer unter dem Druck der nationalen Kämpfe im Osten und schwebt in der ernsten Gefahr, zwischen deutschem und polnischem Antisemitismus zerrieben zu werden. Abhilfe kann nur geschaffen werden durch straffe Organisation der gesamten Judenheit auf jüdisch-nationaler Basis unter Ausschaltung alles politischen und religiösen Parteihaders. Die treue Erfüllung unserer staatsbürgerlichen Pflichten, soweit sie uns nicht durch die bestehenden Verhältnisse unmöglich gemacht ist, verträgt sich sehr wohl mit der Geltendmachung, spezifischjüdischer Interessen in Staat und Kommune, auf gesellschaftlichem, wirtschaftlichem und geistigem Gebiet.44 Zum dritten Punkt der Tagesordnung: „Agitation und Propaganda im Distrikt** lieferten die tierren Lehrer Auerbach-Posen und Salinger-Filehne ausgezeichnete Referate. An der Diskussion beteiligten sich die Herren Balt, Bendix, David, Lesser u. a. Der Vorsitzende erörterte, an der Hand eines vor Jahresfrist ausgegebenen Zirkulars, nochmals cie wichtigsten Punkte für die Arbeit in den kleineren Gruppen; selbst die kleinsten fänden in regelmässigen Zusammenkünften und Aussprachen, sowie in der Arbeit für den N.-F. ein befriedigendes Betätigungsfeld. Zum Schlüsse appellierte er an die Gesinnungsgenossen aus der Provinz, die reichen Eindrücke und Anregungen der Tagung in ihre Bezirke hinauszutragen und dort in fruchtbringender Kleinarbeit und in immer wachsenden Erfolgen für das grosse Ganze fortwirken zu lassen. Nachdem auf Antrag des Herrn Rabb. Dr. Koenigsberger- Plescher die Versammlung durch Erheben von den Plätzen dem Bureau ihren Dank ausgedrückt hatte, wurde die Tagung um 8 Uhr abends geschlossen. Ihren imposanten Abschluss fand sie in der auf Abends 9 ühr einberufenen öffentlichen Versammlung, zu der leider nur 350 Personen Einlass fanden, während wohl ebensoviele umkehren mussten — leider war ein grösserer Saal nicht zu haben .gewesen. Mit bekannter Meisterschaft entwarf Herr Dr. Heinrich Loewe ein lebensvolles Bild seiner „Streifzüge durch Palästina" und riss alle Anwesenden zum Enthusiasmus für unsere ewige Heimat und für die daran geknüpften Hoffnungen hin. Ein gemütliches Beisammensein, bei dem nationale Lieder und begeisterte Reden wechselten, verkürzten den Rest der Zeit bis zum Abgang der Nachtzüge. Dann war der erste Posener Distriktstag schön und harmonisch verklungen. Mit Bezugnahme auf den Posener Distriktstag hielt die Breslauer Zionistische Vereinigung eine Versammlung ab, über die uns folgender Bericht zugeht: In der Versammlung vom 21. d. Mts. fasste die Breslauer Zionistische Vereinigung folgenden Beschluss: Die „Breslauer Zionistische Vereinigung44 erklärt die die Brüsseler Konferenz betreffende Resolution des „Posener Distriktstages44 für deplaziert und ihre Einbringung und Annahme für einen taktischen Fehler. In der dem Beschluss vorangehenden Diskussion wurde für denselben geltend gemacht, dass die Posener Resolution zum Teil unrichtige Behauptungen enthalte, im ganzen aber nur geeignet sei, die Kooperation der zionistischen mit anderen Organisationen wieder zu stören und auch innerhalb des Zionismus nur friedensstörend zu wirken. Berlin. Eine Versammlung am Donnerstag Abend, in der Herr Matthias Acher (Dr. Nathan Birnbaum) aus Wien über „Die nationale Autonomie der Juden in Oesterreich14 einen Vortrag hielt, konnte erst nach langen Schwierigkeiten eröffnet werden, da der Saal sich für die grosse Anzahl der Besucher als viel zu klein erwies. Der Redner beleuchtete zunächst die Autonomiebestrebungen in Oesterreich im allgemeinen und ging dann auf die der Juden näher ein. Im cisleithanischen Oesterreich gäbe es 8, sogar 9, wenn man die jüdische mitzähle, 10 Nationen, die nicht reinlich gesondert, sondern durcheinander wohnen. Es herrsche ein Kampf der Nationen, der im besonderen in dem