Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 9 - DIE^ELT 17 der von Ihnen unterstellte, sondern ging dahin, der A. I. ü. in Deutschland,, und damit dem Solidaiitätsgefühl innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft, eine erweiterte und besser vorbereitete Grundlage zu geben. Politische Rücksichten und Erwägungen sind nicht in Frage gekommen, weder beider Deutschen Konferenzgemeinschaft noch be; dem Pariser Zentral-Komitee der A. I. U, Ich selbst habe in lleantwortung des von Ihnen erwähnten aus Tanger datierten Artikels der „Kölnischen Zeitung" vom 17. Januar in demselben Blatt (No. 84 vom 24. Januar) betont: „Wir werden uns zu Dienern eines einseitigen französischen Interesses niemals machen und unsere französischen Glaubensgenossen werden uns das niemals zumuten," und „Für ein deutsch-nationales Hilfswerk sind die deutschen Juden gleich ihren christlichen Mitbürgern jederzeit opferwillig bereit; die „Alliance Israelite Universelle* darf dafür weder von Paris noch von Tanger aus in Anspruch genommen werden." — Unsere Tätigkeit bewegt sich in Frankreich wie in Deutschland auf dem Boden, den Interessen der Judenheit in der ganzen Welt zu dienen. Hochachtungsvoll Goldb erger Geheimer Kommerzienrat. NACHRICHTEN Von den Leiden der marokkanischen Juden (Aus einem Schreiben des Direktors der Allianceschule, Herrn Gtieron, in Casablama). A. Die Juden von M ' z a b . Vier Tagemärsche nordöstlich von Casablanca liegt der Flecken AVzab, auch „Stadt des Riti Izon Amaelu genannt, rings umgeben von Beduinendörfern wie z. B. Beni Hof Ouardiga, wo zahlreiche Juden leben, zumeist Hausierer oder Schuhfli<:ker, welche von den Märkten und Messen, die in diesen Küstengegenden häufig sind, hierher gezogen wurden. Das Ausbleiben der Ernte hat die Araber in diesem Jahre besonders anspruchsvoll gemacht, der Hunger peitscht alle ihre räuberischen Instinkte auf, sodass sie die armen Juden ohne Gnade misshandeln. Der Maghzen, wegen der Rivalitäten der Mächte an keine Rücksicht gebunden, setzt seine Drangsalierungen fort; unaufhörlich werden die Juden durch neue Schreckensnachrichten beunruhigt. Viele, die die Angriffe der Araber auf Leben und Habe nicht länger ertragen können, verlassen ihre Dörfer, um sich in den Städten an der Küste zu zerstreuen, wo sie bei ihren Brüdern Zuflucht zu finden hoffen. Ein trauriger Exodus hat begonnen. Meist werden die Unglücklichen auf dem Wege all ihrer Habseligkeiten beraubt und gelangen in schauderhaftem Zustande am Ziel ihrer Reise an. So ging es einigen Unglücklichen, aus deren Munde ich das Folgende vernahm : Die Schuhflickerfamilie Zenou bewohnte seit langem M'zab. Da sie keine Arbeit mehr fand, so entschloss sie sich, nach Casablanca zu gehen. Der Vater, drei Söhne, ihre Frauen, zwei Schwestern und zwei kleine Kinder machten sich auf die Reise. Kaum hatten sie M'zab verlassen, als eine Räujerbande sich auf sie stürzte und sie ausplünderte. In Ouardiga stossen sie auf einen Araber, dem sie eine Geldsumme schulden und der nun die Schuld von ihnen einfordert. Umsonst erzählen die Flüchtlinge ihr Abenteuer. Der Araber verhindert die Beerdigung des auf dem Wege vor Schreck gestorbenen Familienvaters und behält als Geisel eine der Frauen zurück, die im 8. Monat schwanger ist; er droht, sie zwangsweise dem Islam zuzuführen, wenn man ihm nicht seine 40 Duros gibt. Jetzt hat sich der Trupp in unserer Schule eingefunden. Ein und einen halben Monat hatte er für die Reise von M'zab nach Casablanca gebraucht. Ich gab den Unglücklichen Kost und schrieb dem englischen Konsul, er möge sich bei dem Kaid verwenden, damit man die Frau zurückgebe. Konsul Mac Lean schickte mir einen seiner persönlichen Freunde, die mich zum Kaid begleitete. Wir erhielten ein Schreiben an den Kaid von Ouardiga und veranstalteten eine kleine Sammlung. Die Flüchtlinge marschierten zurück, um die junge Frau zurückzuholen, und ich erfahre soeben, dass sie ihren Angehörigen übergeben worden ist. B. Gefangene Juden in Casablanca. Im April 1905 setzte folgender Vorfall die jüdische Gemeinde von Casablanca in Bewegung: Ein arabischer Trunkenbold hatte die Gewohnheit, täglich im Laden eines unserer Glaubensgenossen zu betteln. Eines Abends, voller noch als gewöhnlich und erbittert durch die Abweisung, die er erfuhr, wollte er aus dem Laden eine Flasche Getränk gewaltsam wegnehmen. Der jüdische Budiker entriss sie ihm. Ein Handgemenge folgte. Die Einen sagen, dass der Budiker den Trunkenbold stiess, sodass er rücklings hinfiel und auf der Stelle einem Schlaganfall erlag Andere meinen, dass der Jude ihn auf den Kopf schlug und der Araber an den Folgen dieser Schläge starb Wie dem auch sei, die Bevölkerung fand darin eine schöne Gelegenheit, auf die Juden loszugehen. Mehrere wurden schwer, andere leichter verwundet. Während einiger Tage herrschte Panik. Auf meine Anregung schritt der französische Konsul energisch ein. Die Unruhen legten sich allmählich, aber der Kaid sperrte den angeblich Schuldigen, um den Forderungen der Menge ein wenig entgegenzukommen, ein. Die Zeugen, auf welche dieser sich berief, wurden festgenommen und ebenfalls ohne irgend ein Prozessverfahren auf brutalste Weise eingekerkert. Von dieser Zeit an verblieben die Acrmsten im Gefängnis trotz aller zu ihren Gunsten unternommenen Schritte. Erst vor wenigen Tagen wurden sie in Freiheit gesetzt, dank dem neuerlichen Eingreifen des französischen Konsularsekretärs, der sich auf mein Betreiben beim Gouverneur für sie verwendete. Einer der bisher gefangen Gehaltenen verfiel soeben in schwere Krankheit. Der Konsularsekretär begab sich darauf zum Gouverneur und erklärte ihm, dass er ihn persönlich verantwortlich mache, wenn der Kranke sterben sollte. Darauf befahl der Gouverneur, dass man für die Wiederherstellung der Gefangenen Sorge trage. Hungernde Emigranten in Wien Ein Zwischenfall im Wiener Leopoldstädter Tempel. Während des heutigen Vormittagsgottesdienstes kam es um etwa halb Ii Uhr im Leopoldstädter Tempel zu einem aufregenden Zwischenfall. Eine Schar russischer Emigranten begann plötzlich laute Rufe auszustossen und zu schreien : „Gebt uns Brot, gebt uns zu essen!" Auf der Frauengalerie entstand hierüber grosse Unruhe, da die Frauen glaubten, dass etwas geschehen sei. Als dann auf dieser Galerie weibliche russische Flüchtlinge gleichfalls zu schreien begannen, flüchteten die übrigen Frauen erschreckt dem Ausgange zu. Oberrabbiner Schmidl beruhigte aber die Tempelbesucher, und es gelang ihm, die Furcht zu bannen und die Frauen zu beschwichtigen. Unter den Anwesenden wurde für die russischen Flüchtlinge, welche sich beschwerten, dass sie hier keine Unterstützung finden und dem Elend und Hunger preisgegeben sind, eine Sammlung eingeleitet. Die Emigranten wurden aber aus dem Tempel gewiesen und lärmten noch auf der Gasse fort, bis dann Wache einschritt und sie zum Verlassen des Platzes veranlasste. Die russischen Juden und die Reichsduma Auf dem in Petersburg tagenden Kongress für Gleichberechtigung der Juden sind im ganzen 82 Delegierte anwesend, die sich alle für regste Beteiligung der jüdischen Bevölkerung an der Wahlkampagne aussprachen. Ganz reaktionär dagegen lautete die Resolution des in Moskau tagenden .Agrarierkongresses, welcher bei der Regierung um stärkere rechtliche Beschränkung der Juden und Ausschliessung sämtlicher Juden von den russischen Hochschulen zu petitionieren hesdiloss.