Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-03-02 · 9 (2.3.1906) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316196--47863-3342767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No.9 müsste wirklich gar kein seelischer Austausch zwischen den Angehörigen verschiedener Völker walten, die Rückwirkung der Sprache auf das Gemüt müsste unbedingt gleich Null sein, — wenn von Heines Saiten nicht auch einige deutsche Töne geklungen hätten. Aber sie sind Ausnahmen. In der Regel ich schreibe es mit ruhiger Überlegung nieder, — sind die Heine'schen Lieder Lieder eines Juden, jüdisch-nationale Spezifika, trotz des deutschen Sprachgewandes. Schon die Weibanbetung, die in fast allen seinen Gedichten so riesengross, so wehe und so opfernd zärtlich lebt, dass sie mit dem Genialischen seiner Natur allein nicht erklärt werden kann, ist nicht deutsch, auch nicht griechisch, sondern jüdisch; strömt aus den gewaltigen Lebensüberflüssen, die im jüdischen Volke für Jahrtausende hinaus aufgespeichert sind. Und jüdisch ist die Art, wie Stimmung und Gefühl, Glaube und Liebe, Leidenschaft und Wille im weissen Lichte des Scheinwerfers Verstand gebadet werden, ohne an Ernst und Tiefe, an Innigkeit und Hingebung, an Stärke und Entschiedenheit zu verlieren. Jüdisch ist endlich die Form, — und dies gilt auch für die deutschesten Gedichte Heines — diese von ihm geschaffene und so viel, glücklich und unglücklich, nachgeahmte Form: die morgenländische Weichheit seiner metrischen Dichtung und die gigantische altisraelitische Pracht seiner freien Rythmen. Allerdings, es wird Leute geben, die gerade die paar deutschen Gedichte Heine's für seine besten halten. Und sicherlich ist es richtig, dass sie mit unter die besten gehören. Doch es sind auch noch andere beste vorhanden, die just wieder welche von seinen jüdischesten sind. Daraus folgt, dass man nicht alles, was dazwischen liegt, die grosse Zahl guter und glänzender Poeme insoferne sie nicht an jene besten, nicht an den Rang Goethes hinanragen, dem Judentum in's Schuldbuch schreiben darf. Sie sind nicht die Sünden des Judentums, des ganz und voll gelebten und erlebten; sondern des westjüdischen Zwielichtes, des Schwankens, des Geteiltseins, dem auch Heine verfallen war, wiewohl sich sein mächtiger Genius für Augenblicke bis zur einen oder anderen Seite der Ganzheit durchschlug. Heine hat übrigens die Tragik dieses Zustandes, — eine ganz andere Tragik als die des jämmerlichen Judenschmerzes — geahnt, vor weit mehr als einem halben Jahrhundert voraus geahnt. 15 Vielleicht hat er sich selbst noch in begreiflicher Selbsttäuschung ausgenommen. Aber wie es um das deutsche Judentum im allgemeinen steht, das hat er gewusst. Sonst hätte er nicht die Worte schreiben können: „Dennoch trotz der barbarischen Pelzmütze, die seinen Kopf bedeckt und der noch barbarischeren Ideen, die denselben füllen, schätze ich den polnischen Juden, mehr als den . .der seinen Bolivar auf dem Kopfe und seinen Jean Paul im Kopfe trägt. In der schroffen Abgeschlossenheit wurde der Charakter des polnischen Juden ein Ganzes; durch das Einathmen toleranter Luft bekam dieser Charakter den Stempel der Freiheit. Der innere Mensch wurde kein quodlibetartiges Compositum heterogener Gefühle und verkümmerte nicht durch die Einzwängung Frankfurter Judengassmauern, hochweiser Stadtverordnungen und liebreicher Gesetzbeschränkungen. Der polnische Jude mit seinem schmutzigen Pelze, mit seinem bevölkerten Barte und Knoblauchgeruch und Gemauschel ist mir noch immer lieber, als Mancher in all seiner staatspapierenen Herrlichkeit." In kann mir denken, wie diese Worte Heines unter seinen westjüdischen Zeitgenossen gewirkt haben müssen : heute sind sie ja viel verständlicher. Heute sind wir, — die vir in jüdischen Dingen weder Heine noch die Zeit nach ihm verschlafen haben — sogar schon in der Lage über manche Naivität in seinen Wendungen und Begründungen zu lächeln. Aber wir stehen auch in staunender Bewunderung vor dem Fernblick des Genius, der im Zenithe der Assirnilationsära, selber in ihren Vorstellungen verfangen, das allermodernste jüdische Problern, den Gegensatz zwischen West- und Ostjuden, in seinen gröbsten Umrissen erschaute und die Ganzheit als das nationale Ideal wenigstens ahnte. Und wir empfinden es in sieghafter Gewissheit: Derselbe Heine hätte als unser Zeitgenosse, gewusst, wohin er gehört. l*\ Die Agitatoren des Heinedenkmals werden mir sicherlich nicht Dank wissen, dass ich Heine so entschieden für das jüdische Volk reklamiere. Ich aber glaube, dass die Wahrheit höher steht, als alles Denkmalinteresse. Und ich und meinesgleichen wollen mit einem Heinedenkmal, das sich auf deutschen Boden erheben soll, gerne so lange warten, bis die Deutschen begreifen, dass es ihre Kulturpflicht ist, dem Juden Heine ein Denkmai zu setzen. DIE^gELT NOTIZEN Ausgrabungen in Palästina Der bekannte Palästinaforscher Prof. Dr. Sellin aus Wien hat vor kurzem in München einen sehr interessanten Vortrag über die Ausgrabungen in Palästina gehalten. Seine Ausführungen beschäftigten sich hauptsächlich mit den Funden, die in den letzten Jahren gemacht wurden. Die Ausgrabungen auf dem Boden Palästinas haben in den letzten Jahren grössere Erfolge aufzuweisen gehabt. Zwar haben die Engländer schon 1867 und der Deutsche Palästinaverein 1884 in Jerusalem zu graben begonnen. Aber obwohl die englischen Genieoffiziere ein Stück der davidisch-salomonischen Stadtmauer freilegten, entsprach das Ergebnis durchaus nicht den gehegten Erwartungen. Es erklärt sich das leicht, wenn man berücksichtigt, dass der grösste Teil des alten Jerusalems auch heute von Häusern bedeckt ist oder zu mohammedanischen Heiligtümern gehört. Grössere Erfolge wurden erst erzielt, als sich die Engländer 1900 von Jerusalem weg den Ebenen und zwar zunächst der südwestlichen zuwandten, wo sie nach Durchforschung anderer Trümmerstätten seit 1902 mit der Ausgrabung des a'ten Gezer beschäftigt sind. Es wurde dabei eine Tafel mit babylonischer Keilinschrift gefunden, die eine wesentliche Ergänzung der vielgenannten Tel Atnarna-Briefe darstelltin der Erwägung, dass das Gebiet des alten Israel kulturell höher gestand.n hat als das Judas, hat sich Sellin nördlich von Jerusalem die Megiddoebene ausgewählt, wo er seit 1902 mit der Aufdeckung des an der alten Karawanenstrasse von Babylon nach Aegypten gelegenen Taanach beschäftigt gewesen ist. Der deutsche Palästinaverein folgte Sellins Beispiel, indem er seit dem Frühjahr 1903 durch Dr. Schumacher Ausgrabungen auf dem Boden der alten Festung Mcgiddo veranstalten liess. Aus den erwähnten Ebenen ragen bis zur Höhe von 20 oder 30 Metern grüne Anhöhen empor, die sowohl äusserlich als auch bei der Durchforschung in ihrer innern Schichtung durchaus dem berühmten Hügel von Troja ähneln. Es sind das die Überreste der alten kanaanitischen und israelitischen Städte, deren heutige Namen bisweilen noch an die altbiblischen anklingen. In Taanach fand Sellin übereinander fünf Burgen, nämlich zwei kanaanitische, eine frnhisraelitische, eine spätisraelitische und eine arabische. Von den ausschliesslich aus Lehm erbauten und durchweg sehr kleinen Privathäusern ist bloss der Fussboden erhalten, auf dem aber gelegentlich sehr interessante Dinge gefunden wurden. Kanaanitische und israelitische Bauwerke können sowohl nach der Verschiedenheit der Bauart als nach den allenthalben gefundenen Gefässscherben scharf von einander geschieden werden. Die kanaanitischen Vorgänger der Israeliten verwandten als Baumaterial polygonale, also nicht viereckig behauenc Steine, die in der Weise etagenförmig gelegt wurden, dass die höheren Schichten gegenüber den untern nach innen zurücktraten. Die Israeliten haben ihre Steinblöcke viereckig behauen, aber bloss an den Rändern, nicht dagegen, wenigstens nicht nach aussen hin, in der Mitte. Die seit der Zeit des Herodes sich findenden römischen Nachahmungen dieser Bauart sind von den altisraelitischen Bauten leicht zu unterscheiden. Auch die kanaanitischen und israelitischen Scherben sind nach Material, Form unj Schmuck stark verschieden. Die Krüge der Kanaaniter verlaufen nach unten in eine Spitze, so dass sie nicht ohne weiteres auf den Boden gestellt werden konnten, wie Ähnliches in derselben Gegend noch heute bisweilen vorkommt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.