Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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14 DIEBEL"!" Nebenzimmer herein, Masik von aussen. Diener bringt Licht) Weh mir! Ich fürchte mich, ihn anzuschauen! ' Leiser: Alle (erschrocken:) Was ist los? Was ist geschehen? Pessi e (plötzlich:) Helft doch, ihn abzubinden! Fürchtet Euch nicht vor ihm! . . . Mein Herz blutet für ihn! .... Pessie: Chatzkel: Vater im Himmel! . . . (Bindet ihn ab). Er ist tot! (Weint) Gott ist ein gerechter Richter' (Er und Leiser legen Herscheie's ENDE DES DRAMAS ------------------------------ -----------------------------No. 9 Körper auf den Boden und bedecken ihn mit einem TallirS). Gott im Himmel, nicht der Badchen, der alte Leiser, zerreisst jetzt sein Gewand. (Reisst das Gewand ein und weintj alle Frauen weinen verzweifelt. Masik blickt düster mit einem sarkastischen Lächeln), (fällt über den Körper): Jetzt, wo er tot ist, erlaubt mir wenigstens, an seiner Seite zu weinen. (Alle werden allmählich still., nur Pessies leisses Weinen ist hörbar). HEINRICH HEINE, DER JUDE Von MATHIAS ACHER, Wien Nichts ist mir verhasster, als wenn unsere mehr oder weniger ernst zu nehmenden deutschschreibenden Literaten jüdischen Stammes an Heine herumknabbern. Denn ich spüre, wie sie sich um etwas herumdrücken, worum sich der grosse Tote niemals herumdrückte: Um das jüdische Problem. Es gibt welche, die es ganz verschweigen, die völlig vertuschen, wie viel es für Heine bedeutete und für seine Erklärung bedeutet. Andere können nicht umhin, davon Erwähnung zu tun, aber so, dass man sieht, wie wenig sie imstande sind, darin Heines Spuren auch nur nachzugehen. Alle benutzen die Gelegenheit, um, plump oder fein, absichtslos oder rechenschaftslos, für Heines und noch mehr für ihre eigene Deutschheit Stimmung zu machen. Die armen Leute, die sich durch fünfzig Jahre voll merkwürdiger Erfahrungen und Entwicklungen nicht verpflichtet fühlen, über Heine-hinausgekommen zu sein, ja noch hinter ihm zurückgeblieben sind! Zurückgeblieben, weil sie nicht den grossmenschlichen Wahrheitsdrang besitzen, der jenen bis ganz nahe der Erkenntnis des grossen Missverständnisses seinerzeit führte und ihnen um so leichter die volle Erkenntnis bringen müsste! Man soll den bewussten vom unbewussten Heine unterscheiden. Mit seinem Bewusstsein war Heine nichts weniger als Jude. Es fiel ihm nicht ein, für die deutschen Juden das Recht auf selbstständige nationale Weiterexistenz in deutschen Landen zu verlangen oder eine nationale Auferstehung des ganzen jüdischen Volkes in iigend einer Form zu erhoffen. Noch weniger erfüllte ihn jemals Zweifel an seiner eigenen Zugehörigkeit zum deutschen Volke. Und wir dürfen uns nicht einmal damit trösten, dass sein Deutschtum blos ein politischer Begriff gewesen wäre. Zum Patriotismus im engeren Sinne hat er ja nie besonderes Talent besessen. Es war wirklich ein nationales Deutschtum, dem sich Heine zugehörig erachtete. Sein Judenschmerz ist an sich kein Gegenbeweis. Ich halte überhaupt nicht viel vom Judenschmerz, auch dann nicht, wenn er benutzt wird, um das Bekenntnis zur jüdischen Nationalität zu begründen. Wer seiner nationalen Eigenart sicher und in ihr sicher ist, muss in ihr sein Genüge finden bezw. suchen, sie so auszugestalten, dass er es finde. Wer sich aber erst an seinem Schmerz, Jude zu sein, d. h. an den Zurücksetzungen, die sich sein guter Assimilationswille, seine mitmenschliche Zutraulichkeit holen, das jüdische Nationalbewusstsein aufpäppeln muss, hat davon sicherlich nicht zuviel in sich. Judenschmerz ist kein Symptom des Aufstieges, sondern des Verfalles, ein echtes Gewächs des Assimilationserdreiches. Aber Heines Judenschmerz war gar nicht der gewöhnliche. Tief innerlich, mit dem Echtesten seines Wesens, beklagte er gar nicht sein Judentum, sondern fühlte sich geradezu von dessen eigenartigem Inhalte und Sinne wie von Magneten angezogen. Und man kann diese Anziehung nicht bloss mit romantischen Neigungen erklären. Heine hatte wohl zeitweilig sentimentale Stimmungen, zeitweilig auch pathetische Bedürfnisse. Sie trafen aber, wie in jedem grossen Dichter, niemals zusammen, und konnten so nicht das Kind erzeugen, das aus ihrem Zusammentreffen unfehlbar hervorgeht: Die Romantik. Er war zu lebendig, um Romantiker zu sein. Nein, es war einfach herzliche Liebe, und die Empfindung, dort seinen geistigen Mutterboden zu finden, die ihn immer wieder zum Judentum hinzogen. Allerdings, den meisten seiner heutigen deutsch-jüdischen Missversteher erscheinen diese Liebe und dieses Heimatsgefühl nur als lächelnde Koketterie mit den gänsefettenen Leckerbissen der koscheren Küche. Sie vergessen dabei, was ihnen sonst so deutlich ist, wie wenig ernst oder besser wie tief ernst das Heine'sche Lächeln zu nehmen ist; dass er immer tiefe Lebensgleichnisse damit aussprach. Und als ob in dem Juden Heine wirklich nur der Feinschmecker auf seine Kosten gekommen wäre, und nicht auch der Mensch! Und zwar von Jugend ab! Denn auch dies darf man nicht glauben, dass Heine erst nach seiner „Bekehrung" jüdischer geworden ist. Seine „hellenischen" Überzeugungen beweisen nichts gegen seine jüdische Art, eher viel für sie. Denn Heine war nicht der erste und nicht der letzte hervorragende Jude, der das Judentum (samt dem Christentum als Fleisch von dessen Fleische) zu grau fa.'id und die sonnige Welt Griechenlands mit jüdischer Inbrunst und jüdischer Hartnäckigkeit suchte. Und seine „Bekehrung14 war im Grunde nichts anderes, als dass sich ihm sein innerstes Wesen mehr enthüllte, dass er einen jener Männer in sich entdeckte, als welche er die Juden den Griechen als Jünglinge entgegenstellte. So wie er auch dann nicht aufhörte, zu Aphrodite zu beten, so war er auch früher, ohne es zu wollen und ohne es zu wissen, ein jüdischer Mensch und als Genie einer gewesen, der "die ganze, masslose und doch gebändigte, Leidenschaftsenergie seines Volkes in sich trug. Und Einer, den diese Energie auf die Menschheitswege dieses seines Volkes trieb! Dann, das darf man vor Allem nicht vergessen: Dass Heine wie alle grossen Juden in allen Entwicklungsstadien seines Lebens die sozial-sittliche Forderung aufgestellt hat. Aber er hat doch so deutsche, so durchaus deutsche Lieder gedichtet — höre ich mir entgegen rufen. Ja, aber wie viele? Es hätte denn doch mit ganz eigenen Dingen zugehen müssen, es