Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 9 - Herscheie: Meint nicht, dass es eine so grosse Sünde ist! Pessie: Nein, — aber worüber kann ich mit Euch reden, oder Ihr mit mir? Wir sind doch fremde Leute . . . Doch — was sitzt Ihr im Dunkeln? Soll ich Euch Eure Lampe bringen lassen? (Ruft in die Tür): Bringt eine Lampe! Herscheie: Nein, ich will im Finstern sitzen. (Ein Diener bringt eine Lampe. Ab. Pessie, sehr traurig, geht an die Tür. Leiser tritt rasch ein). Was ist denn? Leiser: (erschrocken): Pessie, verzeiht, ich muss Euch etwas sagen. ... pst! Pessie: Ihr mit Euern Geheimnissen! Ich hab' jetzt anderes im Sinn! Leiser: Pessenju, zum ersten Male in meinem Leben muss ich jetzt ein Geheimnis sagen, über das Ihr nicht lachen werdet (leise:) Eben hab' ich auf der Strasse gehört, Mottele hat die Operation nicht überstanden .... Sie sind dort? Man darfs ihnen nicht sagen. Pessie: Weh mir! Wie wird das Zippenju überleben! Und die arme Mutter! Weh' mir! (Beide ab. Herschele sitzt still, tieftraurig da. Er verdeckt sein Gesicht mit den Händen und bemerkt nicht, dass Chatzkel eintritt Er ist sehr niedergeschlagen. Seine Augen füllen sich mit Tränen. — Pause). Chatzkel: Verzeiht, Hausherr, (Herschele schreckt zusammen) Ihr sollt nicht erschrecken. Ich bin gekommen, mein armes Weib und meine unglückliche Schwiegertochter zu holen..... Herschele: So? Sie können schon nach Hause? Die Operation schon beendigt? Chatzkel: Ja, sie können schon nach Hause. Euer Doktor hat das zu Ende gebracht, was Eure Fabrik begonnen hat. Still! Ich will noch nicht, dass sie's dort wissen! .... (leise) Reb Herscheie, mein Sohn ist gestorben unterm Messer. Herscheie: Weh mir! Gestorben? Gelobt sei der gerechte Richten *) Chatzkel: Wer sagt, dass das ein gerechtes Gericht ist? Ihr? Ihr glaubt, dass es einen Richter gibt, vor dem Ihr werdet Rechnung legen müssen? Oh, Reb Herscheie, nicht mit ihm und nicht über alles, sogar mit mir allein werdet Ihr nicht abrechnen können. Herscheie: Ja, Reb Chatzkel, ich fühl' und ich glaube auch so, dass früher oder später jeder Mensch wird Rechnung ablegen müssen. Aber mit Dir abrechnen? Chatzkel: Ja, mit mir, Eurem Arbeiter, werdet Ihr vor allem abrechnen müssen. Einmal waren wir Brüder, jetzt bin ich Euer Tagelöhner. Früher, vor dem Thoraschreiben hast Du Dich gereinigt durch Wasser, jetzt badest Du in Blut. Im Blut unserer jungen, unschuldigen Kinder! Herscheie: Chatzkel, hab' Mitleid mit mir, ich bitt' Dich! Chatzkel: Du hast einen alten Vater gehabt, dem Du einst, so mein' ich, sogar mehr Ehre gegeben *) Übliche Gebetformel, die man beim Ableben eines Juden gebraucht. hast, als man geben muss — hast Du aber mit ihm Mitleid gehabt? Hast Du Mitleid gehabt mit Deinem Weib, einer frommen, braven Frau, die zu Dir wie zu einem König heraufgeschaut hat? Hast Du Mitleid gehabt mit Deinem jungen Weib, das durch Dich, verstört geworden ist? Herscheie: Durch mich? Chatzkel: Ja, durch Dich! Hast Du Mitleid mit Deinem Freund, Deinem besten Freund und mit seinen Kindern? Zur selben Zeit, wo Du da in deinem Zimmer Geld zählst, liegt bei mir zuhause ein Toter, der durch Dein Geld gemordet worden ist. Du hast versprochen, die ganze Stadt glücklich zu machen, Du hast uns alle ausgeraubt, unglücklich gemacht, ins Verderben gestürzt! .... Reb Herschelg, Du hast eine Komödie mit Gott gespielt. . . . Hast dir eine heilige Arbeit gewählt, Talessim für Juden gemacht. Nun, sieh her: (Zieht unterm Rock einen blutgetränkten Tallis hervor.) Das ist einer von Deinen Talessim, er ist getränkt mit Blut, mit dem Blut meines Kindes und von den Tränen seiner armen verwaisten Kinder! Mein verstorbener Sohn hat Dir einen Tallis verdorben, schreibt auf meine Rechnung! (Rasch ab in die inneren Zimmer). Herscheie: (bleibt lange bewegungslos, dann nimmt er den Tallis und betrachtet ihn, flüstert leise vor sich hin:) Rechnung! Rechnung! (Betrachtet wieder lange mit starrem Blick den Tallis, legt ihn endlich auf die Kasse. Sieht plötzlich die Geige, holt sie herunter, machl alle Türen zu und beginnt ganz leise und mit tiefer Empfindung „Mismor ledowid" zu spielen. Hält inne, bedeckt sein Gesicht mit den Händen und bleibt still. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Er geht zum Bücherschrank und holt ein Gebetbuch heraus, stellt sich vor die Kasse wie vor einen Gebetständer und betet. Ein Seufzer entringt sich ihm, ganz leise:) Enosch moh jiske, — was kann der Mensch sich für Verdienste erwerben, und wie kann er rein sein — tomo bssoro, er ist unrein mit seinem Leib .... (weint). Weh, weh! Mah jissonon odom chaj? Was kann für Klage führen der arme Mensch? . . . (Betet lange weiter, erhebt sich plötzlich, nimmt mit raschem Entschluss den Tallis, bindet ihn um den Handgriff der Kasse, macht eine Schlinge um den Hals, sieht mit langem Blick alles ringsherum an und lässt sich niedergleiten. — Pause. — Freidenju erscheint). Frei de: Die Fiedel hat wieder gesprochen! Sie hat wieder die Wahrheit gesagt .... Warum bist Du still, warum redest Du nicht? .... (Singt leise den „Mismor ledowiduj Herscheie, die Fiedel schweigt und Du auch? Wo bist Du? (Erblickt ihn plötzlich. Schreit, verzweifelt auf:) Weh, Weh! (Pessie, Zippe, Dobe, Leiser, Chatzkel stürzen aus dem