Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316196--47860-3342764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 DIE3^ELT No. 9!| \i - II Zimmer — ich bin liier ganz allein. Ich bereu' es, Vater, dass ich Dich in Deinen alten Jahren zu fremden Menschen geschickt hab'. Leiser: Nein, ich bin gar nicht bei Fremden . . . Ich und Ephraim der Spielmann sind wie Verwandte. Wir verstehn uns sehr gut. Wir können mit einander reden, wir haben Erinnerungen an die alten Tage . . . nein, ich werd' Dir die Wahrheit sagen, dort bei den Fremden bin ich zuhause, und hier in diesem Hause war ich immer wie bei Fremden. Dort, verstehst Du, ist keine Traurigkeit, keine „Melancholie". Giebt's was zu essen, so haut man drein mit Appetit, giebt's nichts zum Beissen, na, so erzählt man Witze. Man zankt sich, man schliesst Frieden, man lacht, man spielt ein kleines Domino, man macht auch ein bischen Musik — ich lüfte meinen Badchen — ich weiss, Dir ist's eine Schande, aber dort ist's am richtigen Platz. Gewiss, ich kann Dich nicht durch den Gemeindediener zwingen, Du sollst an Ephraim zahlen für einen alten Vater, für so einen groben Gesellen . . . Herscheie: Nein, Vater, bewahre, nicht das hab' ich gerneint, Du hast mich nicht verstanden . . . Leiser: Ich werde Dir was sagen: Wenn Du auch gar nichts zahlen willst, so wird mich Ephraim auch nicht vor die Tür setzen. Bei armen Schluckern spielt so was keine Rolle. Aber ich hier? Was hab' ich hier zu suchen und wen hab' ich da? Guten Tag! Das heisst, es ist ja schon Abenddämmerung, also: Gute Nacht! (Fürsich): Sechs, sieben, acht! (Ab). Masik: Na, seht Ihr, hattet Ihr's nötig gehabt, Euch grosse Sorgen um Menschen -zu machen? Hahaha! Reb Herscheie, in jedem Menschen steckt ein Stück Badchen. Herscheie: Ja, — aber auch in jedem Badchen steckt ein Mensch. Du weisst, wie hoch wir auch von uns denken, wie gross und stark wir auch wären — wir fürchten uns doch vor dem Menschen. Wenn wir ein Bethaus, ein Gemeindebad bauen, oder wenn ich zum Beispiel da ein Krankenhaus bauen wollte, oder wenn ich für die Beköstigung meines Vaters zahle, so tu' ich's nur darum, weil ich mich vor dem Menschen fürchte. Wir tun es, weil wir dem Menschen wenigstens einen kleinen Teil der Schuld abzahlen wollen, nur weil wir glauben, es wird uns gelingen, den Menschen wenigstens zu narren, zu blenden oder zu bestechen. Masik, nichts jagt den Menschen solche Furcht ein wie der Mensch selbst. (Es dämmert), Masik: Ich versteh's nicht. Ich weiss, man fürchtet sich vor Gott, manche fürchten den Teufel — Ihr fürchtet Euch gar vor dem Menschen. Ist er denn so stark?4 Herschele: Mit Gott kann man einen Ausgleich treffen, vom Teufel hält man nicht viel, wenn man sich schon selbst für ein gescheites Wesen hält. Unsere Weisen sagen: Die Sünden, die der Mensch gegen Gott begeht, sühnt der Versöhnungstag. Aber die Sünden der Menschen gegen einander — da hellen nicht Thränen, nicht Wohltaten und nicht Gebete. (Ein Lärm von aussen). Was ist denn das? (Einige jüdische Arbeiter führen Dobe und Zippe herein, die sehr verweint aussehen). Ein Arbeiter: Nehmt's nicht übel, Reb Herscheie, der Doktor hat sie wegführen lassen ins Kontor, man kann die Operation nicht fertigmachen, wenn sie dabei sind. Wir haben sie mit Gewalt weggeführt. (Arbeiter ab). Herscheie (sanft): Geht nur hinein! Kommt, dort sind die Unseren (führt sie). Dobe: Weh mir! Ein Auge ist mir aus dem Kopfe gerissen worden! Mein einziges Kind ist mir zum Krüppel gemacht worden! Zippe: Schwiegermutter, wozu solche Reden? Er ist doch unser Brotherr, und was kann es einen Brotherrn angehen? Mottele hat schon keinen xArm mehr — wird ein anderer arbeiten! (Bricht in Tränen aus). Herscheie: Zippenju, ich bin nicht nur Dein Brotherr, ich bin auch Dein Onkel und Dein Schwager.. Zippe: Seit Ihr Euch von der Muhme geschieden habt, seid Ihr nicht mehr mein Onkel. Und dadurch, dass Ihr meine Schwester unglücklich gemacht habt, seid Ihr noch nicht mein Schwager! (Dobe und Zippe ab durch die Hintertür). Herscheie Alle sind mir fremd. Alle sind meine Feinde. Es scheint, dass alle mit dem Reichen verschwägert werden wollten, dass sie seine Freundschaft hochschätzen — aber das scheint nur so. Und wenn die Zeit kommt, wo sie die Wahrheit sprechen, wo sie so sprechen, wie sie fühlen, dann sieht man, alle sind fremde, alle sind Feinde. Ich bin so einsam . . . Masik, ich bitte Dich, ich will jetzt allein bleiben. Masik: Ich will Euch jetzt nicht allein lassen, Ihr seid zu nervös und beschäftigt Euch zuviel mit dem Menschen . . . Herscheie: Was kannst Du mir jetzt helfen? Du hast mir helfen können, reich, gross, berühmt, geehrt zu werden, aber mich glücklich machen, mich ruhig machen — das kannst Du nicht. Ich bitte Dich, lass mich jetzt! . . . Masik (sarhastiscn): Der „Mensch" will ohne mich bleiben? Herscheie: Ja, geh, ich will allein bleiben, allein mit mir. Hörst Du nicht? (Aufgeregt) Ich sage Dir, geh! (Masik geht, fierschele sitzt eine Weile traurig und versonnen da. Pessie tritt ein, fierschele schreckt zusammen). Pessie: Ist niemand da! Ich hab' um Salmiakspiritus schicken wollen. Zippenju fällt immerzu in Ohnmacht. (Geht zur Tür). Herscheie: Es ist gut, dass Ihr gekommen seid. Ich hab' mit Euch was reden wollen. Pessie: Reden? Nicht jetzt! Ihr seid doch allein hier — ein fremder Mann ...