Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 9 DIE^ELT 11 aufweckt aus seinem Grabe ... Bei diesem Geschrei verschwindet Weiser und Narr, Herr und Arbeiter . . . alles, alles . . ., nur der Mensch erwacht ... der Mensch, der Mensch! . . . Masik: Oh, ich weiss, was bei einem Juden Mensch heisst. Gewiss nicht Macht, Kraft, Tätigkeit, Kühnheit! Nein! Sorgenvoll sein wie ein schwaches Weib, grübeln, zaudern, keine Freude am Leben haben, viel denken und wenig handeln — das ist der jüdische Mensch! Ihr habt's sehr nötig, diese Art Mensch aus dem Grab herauszurufen, damit er Euch das Leben vergifte! Was schaut Ihr? Habt keine Angst, es ist schon kein Blutflecken mehr an Euch, man hat alles weggewischt. Mersch ele: Weggewischt? tim, weggewischt oder nicht — sein Blut ängstigt mich nicht. Siehst Du, damals ... in jener Nacht, wie ich Dein Blut auf meinen Kleidern gesehen hab', da hab' ich Angst gehabt, da ist mir übel zu Mut gewesen. Sein Blut aber ängstigt mich nicht, mir wird nicht übei - aber ich führ einen scharfen Schmerz, mir ist weh ums Herz ... Masik: Ach, Unsinn! Eure Nerven sind ein bischen in Unordnung gekommen — Ihr seht das zum ersten Mal . . . Kommt, die frische Luft wird Euch wieder gesund machen! — He, Berl, trag den Stuhl fort! (Ein Arbeiter trägt den Stuhl wieder in die Fabrik) Dummheiten! Da hab' ich einmal in einer grossen Fabrik gesehen, wie das Rad einen gefasst hat. Zuerst hat's ihn hoch aufgehoben, dann hat's ihn fallen lassen und dann ihn zermalmt zu Staub. (Fährt Herscheie) Herscheie (langsam, nachdenklich)'. So ist das offenbar: Das Rad des Lebens hebt auch hoch, lässt dann fallen und zermalmt zu Staub .. . zu Staub und Asche! . . . Masik: Ach, ein Jud' ohne Staub und Asche ist wie die Andern ohne Branntwein und Bier! Kommt, kommt! Trinkt einen Schluck Kognak! Ihr seid noch ganz grün . . . Alles Gewohnheit! . . , In den grossen Fabriken, da werden jeden Tag Beine zerschmettert und Hände gebrochen — nichts! Alles nur Gewohnheit! . . . Sentimental hat man früher sein können, wo der Mensch mit dem Menschen gearbeitet hat! ... . Jetzt arbeiten wir mit Maschinen, und der Mensch muss pünktlich, stark und kalt sein wie eine Maschine . . . Hahaha! Der Mensch ist in ihm aufgewacht, da hört er auf ein Mensch zu sein! (Beide ab. Man hört nur das Surren der Räder und das Geräusch der Maschinen.) VERWANDLUNG Herscheies Kabinet Ein Bücherschrein, auf dem Herscheies Geige im Futteral liegt. In der Mitte des Zimmers ein Schreibtisch. Ferner an der Wand eine hohe eiserne Kasse, Mehrere Stühle. Leiser und Pessie sitzen traurig da, Freide geht in der Stube auf und ab mit gefalteten fiänden und singt leise mit klagender Stimme „Mismor ledowid". Allmählich wird es dunkel. Pessie: Freidenju, was tut Dir weh, mein Kind? Bist Du krank, wie? Freide: Das Herz tut mir weh, Muhme! Das Blut in mir saugt wie eine Schlange, ich kann keine Ruhe finden. Nichts geht mich an und nichts freut mich. Mir ist, als war ich auf einem Meer von Unmut und Trauer. (Geht zum Schrein, langt die Geige herunter und betrachtet sie). Leiser: Aber warum ist das? Warum fühlst Du das? Freide: Ich weiss selbst nicht. Es kommt plötzlich über mich, eine solche Verdriesslichkeit, ein solches Herzweh. Pessie: Weh mir! (still zu Leiser): Ich wär gern hinübergelaufen, sehen, wie's geht — aber wie kann man sie jetzt allein lassen? Leiser: Man lässt jetzt keinen zu . . . Der Doktor macht die Operation, (Man hört ein Geräusch) 0, ich hab' Angst, der Hausherr kommt. (Herschele und Masik treten ein. Leiser erhebt sich). Herschele (sehr traurig): Schau, was für Gäste in meinem Zimmer! Nun, Freidenju, was machst Du? Bist gekommen mich zu sehen? Freide: Ich komm' oft her und warte . , . , ob vielleicht die Fiedel spielen wird. Aber die Fiedel schweigt. Wie eine Tote liegt sie und hat doch einmal so schön gesprochen. Noch ein einziges Mal möcht' ich hören, was sie damals gesagt hat! Hat sie mich genarrt damals? . . . Nicht die Wahrheit gesagt? Her schele (legt die Geige auf den alten Platz): Beruhig Dich, Freidenju, ich bitt' Dich, hab Mitleid mit Dir, hab Mitleid mit mir! Freide: Es ziehen sich hin lange, graue Tage ohne Licht und ohne Finsternis, ohne Kälte und ohne Wärme, ohne Leiden und ohne Freuden . . . Herscheie: Keine Freude dort nnd keine Freude daheim. {Seufzt schwer). Freide: Oh, ich versteh! Komm, Muhmchen, der Onkel will gewiss seine Rechnungen durchsehen und das Geld noch einmal zählen . . . Das Geld klingt und die Fiedel schweigt . . . Reb Uriel, seitdem ihr uns den grossen Gewinn gebracht habt, haben wir alles verspielt. Pessie: Alle verlieren, und Keiner gewinnt. Masik: Glaubt Ihr, sie hat Unrecht? (Öffnet die Kasse) Schaut mal her, es giebt ja da was zu rechnen und zu zählen. (Beide Frauen ab). Her schele (setzt sich): Nein, das Geld hab' ich schon gezählt. Die Rechnungen — die, siehst Du — könnte man wirklich schon machen. Es ist höchste Zeit. Leiser (hat die ganze Zeit mit eingeschüchterter Miene in der Tür gestanden. Bei den letzten Worten Merscheids macht er eine rasche Handbewegung und will sich hinausschleichen): Einen guten . . . (will hinausgehen). Herscheie: Vater, verzeih', ich hab' Dir was sagen wollen. Geh nicht fort, ich bitte Dich. Bleib hier! Es ist keine lebende Seele im