Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Francs entrissen wurden, bevor sie das Boot verlassen durften — ein ganzes Vermögen für die armen Leute. Als ich es erfuhr, waren die Bootsleute im Dunkel der Nacht verschwunden. Ich konnte feststellen, wo sie waren, und wahrscheinlich wird ihnen ihr Raub wieder abgejagt und den armen Leuten wieder zugestellt werden; aber eine böse Sache war es doch. Als ersten Bekannten hatte ich an Bord einen Jaffaer Freund getroffen, der die Landesverhältnisse genau kennt und auch sofo't die geschilderte Angelegenheit in die Hände nahm. Seiner liebenswürdigen Führung verdankten wir es auch, dass wir andern /V\orgens in Jaffa über die Klippen an Land und durch die Pass¬ und Zoll-Formalitäten gelangten, fast ohne es zu bemerken. Was wir aber doch merkten und nicht hätten missen mögen, das war das Bild, das Jaffa uns bot, wie sich seine Silhouette vor Sonnenaufgang von dem sich mehr und mehr vergoldenden Morgenhimmel abhob. AUS PALÄSTINA Jaffa, 8. Februar. Die Frage der Übernahme des Rotschiklschen Kellers in Rischon le Zion, über die wir bereits kurz berichteten, ist in den letzten Tagen der Hauptsache nach geklärt worden. Die Kolonisten übernehmen die Kellereien; für die ersten Jahre ist ihnen ein beträchtlichter Zuschuss von selten der bisherigen Verwaltung zugesichert worden; zum Betriebsleiter wurde Herr Gluskin gewählt. Wir werden auf diese für die selbständige Weiterentwickelung der weinbauenden jüdischen Kolonien Palästinas höchst wichtige Angelegenheit noch eingehender zurückkommen. Die Kolonie Katra befindet sich in grossen Schwierigkeiten. Statt des üblichen Zehnten im Betrage von 7000 Piaster wurden ihr diesmal nicht weniger als 38 000 Piaster (mehr als das Fünffache!) zu zahlen auferlegt. Nach langen Verhandlungen hat man sich endlich auf Einsetzung eines Schiedsgerichtes geeinigt. Der Ausgang der Sache erscheint recht zweifelhaft. BRIEF AUS WIEN Zwei kleine Histörchen dürften den Stand der jüdischen Realpolitik in Österreich ausreichend beleuchten : Die erste spielt im österreichischen Reichsrat zu Anfang der parlamentarischen Laufbahn des Abgeordneten Byk. Der antisemitische Abgeordnete Prinz Alois Liechtenstein hat eben eine judenfeindliche Brandrede gehalten. Nach ihm spricht zufällig Byk und flicht in einer längerer Rede die ausserordentlich zahme Bemerkung ein, man möge doch nicht alle Vorwürfe gegen die •Juden häufen; auch der Adel sei stets bereit gewesen, das Volk zu unterdrücken und auszubeuten. Daiob Beschwerde Liechtensteins beim Polenklub. Der Polenklub wird zusammenberufen, und die Majorität beschliesst, Byk habe Liechtenstein im offenen Parlament um Entschuldigung zu bitten. Empört darüber nimmt der Sektionschef Herr von Gniewosz Dr. Byk zur Seite und beschwört ihn, dem Beschlüsse ja nicht zu gehorchen. Ein jüdischer Klubkollege kommt und bittet Byk flehentlich, die Schmach ja nicht auf sich zu laden. Er solle den Leuten doch das Mandat vor die Füsse werfen, jeder jüdische Wahlbezirk werde ihn im Triumphe wieder wählen. Darauf Byk: Bei uns wählt nicht die Wählerschaft, sondern der Bezirkshauptmann. Und der Ehrenmann widerruft in öffentlicher Sitzung. Zweites Histörchen aus der Neuzeit: Ein Kenner der Verhältnisse wird um die Chancen der jüdischen Kandidaten in Galizien befragt. „Wenn die Zionisten gute Aussichten hätten," ist die Antwort, „so wäre der erste Zionist in Galizien — Dr. Byk." Täuscht sich Byk oder nicht — das ist jetzt die Frage. Die unterdrückten Völker Österreichs haben mit der Wahlreform nicht nur einen Hauptsondern auch einen Nebentreffer gemacht. Dieser Nebentreffer ist eine Gesetzesvorlage, welche die Wahlfreiheit mit scharfen Mitteln schützt. Aber „Russland ist gross, und der Zar ist weit". Vor einigen Jahren zogen bei der Wahl in einem galizischen Orte zur „Aufrechthaltung der Ordnung" zwei Kompagnien Militär vor das Wahllokal. Jedem verdächtigen Wähler wurde bedeutet, er könne jetzt nicht hinein, es seien zu viele Leute drinnen. Und so waren bis zum Schluss der Stimmenabgabe immer zu viel Leute drinnen. Zur grösseren Sicherheit des offiziellen Kandidaten wurden auch noch einige hundert Mann vom Friedhofe geholt — so könnte man ganze Romane aus der Wirklichkeit unter dem Titel „Galizische Wahlen" schreiben. Romane, die übrigens ausführlich in allen oppositionellen Blättern zu lesen waren, ohne dass jemand von der Regierung darüber den Mund verzog. Denn die Herren der Schlachta überströmen stets von patriotischer Begeisterung, und es ist immer so gewesen, dass die ergebensten Diener die grössten Herren im Reiche waren. Ihre kluge Organisation ist immer eine Macht gegen die Regierung, und so durfte ihr Statthalter machen, was er wollte, und die Bezirkshauptleute müssen machen, was der Klub beschlossen hat. Nun aber, sehen Sie, sind Castor und Pollux, Regierung und Schlachta, ein bischen brummig auf einander. Man ist darauf gekommen, dass Russland eigentlich an Ostgaiizien grenzt und dass Ostgaiizien von Ruthenen bewohnt wird. Als man nun daran ging, letzteren ihr Recht zu geben, wurden der Schlachzizen weniger, und sie spalteten sich in zwei Lager, aus deren einem die Regierung angegriffen wurde. Werden nun die Bezirkshauptleute wissen, dass sie nicht über die Klinge springen müssen, wenn die Wählerschaft gegen den Polenklub rebelliert, sondern dass sie unparteiisch sein müssen, so erhöhen sich die Chancen der jüdischen Juden bedeutend und schiessen vollends in die Höhe, wenn die Erregung in der Wählerschaft den Behörden mit Unruhen droht. Das ist aus nationalen Gründen eine brennende Notwendigkeit. Denn das allgemeine Stimmrecht wird die radikalen Elemente in Massen an die Oberfläche treiben. Für die Sozialdemokraten ist der Boden noch nicht günstig genug, und selbst von einer grossen Stärke dieser Partei ist nicht viel zu erhoffen. Ihre wirtschaftliche Politik ist ja direkt gegen den Mittelstand gerichtet, und ihr moralisches Gewicht werden sie den Juden eben so wenig wie in Deutschland leihen. Dagegen haben die Antisemiten aller Schattierungen, namentlich die Klerikalen, die besten Aussichten, und wir haben Gesetze und einen Kurs der Regierung zu erwarten, bei dem uns der Atem vergehen kann. Radikaljüdische Elemente im Parlament sind die einzige Hilfe dagegen, um so mehr, als es gerade die Wahlbezirke der (sit venia verbo) freisinnigen deutschen Parteien sind, die zugunsten tschechischer Mandate geopfert wurden. Wie gehen nun die österreichischen Juden an diese Schwierigkeiten heran? An aktiven Elementen haben wir vor allem eine Rapaport (Jüdischnational, nicht zionistisch) Brunner (jüdischer Demokrat) Dr. Birnbaum (Mathias Acher) Gruppe, die jedoch über keinen nennenswerten Anhang verfügt. Dann die entschlossenen, gut organisirten Zionisten, die etwas materielle Hilfe wohl vertragen körinten. Bei den übrigen Juden müssen wir streng unterscheiden, die auf ihr Geld, ihre Familie und ihre Macht pochende Kultusgemeinde und ihren Anhang (Allianz) und die zu ihr im natürlichen Gegensatz stehende Mittelstandsgruppe der Fabrikanten und Kaufleute mit Vermögen jungen Datums, die im Verbände der „Österreichisch-israelitischen Union" stehen, welche grossen Einfluss in der Provinz besitzt Die Regierungs-