Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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- Beirut 2× ep/1047833
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8 ■DIEJ^KELT No. 9 demonstratio!! herausgestellt hat. Die Türken hatten die heitere Seite der Sache von Anfang an richtig erfasst und schickten den Truppen der Demcnstrationsmächte in passender Würdigung dieses internationalen Vorgehens — Zigaretten und Zuckerwerk entgegen. Oberhaupt ist die Situation der Türkei gegenwärtig eine so günstige wie schon lange nicht, ihre unfreundlichen Nachbarn haben mehr, als ihnen lieb ist, mit sich selbst zu schaffen und können fast ihren respektiven Schutzheiligen danken, dass die Türkei nicht ihrerseits die Lage gegen sie ausnützt.*) Am nächsten Morgen hatten wir einige wenige Stunden Zeit, uns in Smyrna umzusehen. Leider reichte es bei dem ungewöhnlich kurzen Aufenthalt nicht dazu aus, etwas von der herrlichen nächsten Umgebung der Stadt zu sehen, und wir mussten uns mit einem Gang durch die Strassen und Bazare und dem Besuch einiger Moscheen und Regierungsgebäiu e begnügen. Die Alosc.heen waren zum Teil von ungewöhnlicher Schönheit und wirken auch äusserlich seilr gut in dem Landschaftsbilde, zu dem die Anhöhen mit ihren Cypressenhainen und hoch oben das alte Genueserkastell einen wundervollen Hintergrund abgeben- Sehr reizvoll ist auch der Monun.entalbrunnen am Ende des Quais, den der deutsche Kaiser zur Erinnerung an seinen Besuch in Jahre 1898 hat errichten lassen. Das Schönste aber, was wir von Smyrna s.dien, war die abendliche Einfahrt in den Hafen gewesen. Rechts und links von dem hellerleuchteten Quai strahlten die Anhöhen von einer Anzahl kleiner Lichtchen und darüber wölbte sich ein Sternenhimmel von südlicher Pracht. Montag früh rasselten die. Anker vor Rhodos in die Tiefe. Zum Ans-Land-Gehen reichte die offiziell angegebene Zeit bis zur Abfahrt nicht aus, und wie wir in Smyrna tags zuvor gesehen hatten, ist es riskant, allzusicher mit der Überschreitung der offiziellen Abfahrtszeiten zu rechnen. So gingen nur die an Land, die dort zu bleiben hatten; darunter ein russischer Jude mis London, der in den entlegeneren Judengemeinden alte hebräische Werke aufzukaufen sucht. Andererseits sahen wir von Rhodos, ausser der höchst reizvollen Stadtanlage mit ihrem befestigten Hafen aus der Ritterzeit, ihren segelartkr angeordneten Windmühlen und den schmucken Häusern der Christen-Vorstadt auch etwas von den Einwohnern. Eine grosse Anzahl von Booten — die grosse Mehrzahl von Juden bemannt — umringten den Dampfer, und bald spielte sich an Bord ein sehr orientalischer Markt ab. Ausser Brot, Käse, Erüchten und Süssigkeiten waren es meist Schnitzereien mit eingelegten Perlmutter-Ornamenten, die da feilgeboten wurden. Es gab eine lebhafte Preisbewegung. Innerhall) von weniger als einer Stunde fielen die Preise für Mandarinen, Zigaretten- Etuis und drahtgeflochtene Peitschen auf ein Drittel des Anfangskurses. Aber selbst die niedrigsten Preise lassen dem Händler noch einen Verdienst, denn Lebensunterhalt und Arbeitslöhne sind unsäglich billig in Rhodos. Ausserdem verstehen sich die Händler auf ihr „Geschäft". Ich hatte zwei nette Kästchen für den billigen Preis von einem Franc erstanden. Ich hatte aber kein ganz kleines Geld und gab dem Manne eine Medschidi (zirka 3.50 Mk.). Was ich herausbekam, waren zum Teil laidierte Münzen, die schon der nächste Händler zurückwies — zum Teil funkelnagelneue ägyptische Nickelmünzen, die der Fremde ohne Weiteres für Viertel- Medschidi Stücke halten wird. Es gelang den Mann noch vor *) Kürzlich meldeten die „Times", in Konstantinopel habe es eine gewisse Heiterkeit erregt, dass der russische Botschafter seinen Namen unter eine gemeinsam mit Österreich abgefasste Note gesetzt hat, worin Beschwerde über übrigens sehr unbedeutende Vergehungen von Muselmanen an Christen im Vilajet Kossowo geführt wird. Der Augenblick der Überreichung einer solchen Note war schlecht gewählt worden, jetzt, wo die Meldungen von russischen Massenmorden die Welt mit Entsetzen erfüllen, und Konstantinopel von christlichen, jüdischen und mohammedanischen Flüchtlingen wimmelt. dem Verschwinden vom Dampfer abzufassen, aber was war damit gewonnen? Er stellte sich je nach Bedarf dumm, stumm, taub und schwachsichtig. Seine Hauptwaffe aber war, dass er kein anderes Geld zum Herausgeben hatte und seine schlechten und falschen Münzen nur gegen „Ware" umtauschen konnte. Auf diese Weise erwarb ich mehr Kästchen, als ich mir hatte träumen lassen, aber gleichzeitig auch eine verhältnismässig billige Einführung in das Münzgewirre des Orients, dem hier kein Sterblicher ungerupft entrinnt. Rhodos hat ein grosses Gefängnis und dient auch als Verbannungsortfür „Politische". Die Gefangenen fertigen die erwähnten Schnitzereien an, teils um eine Beschäftigung zu haben, teils um damit einige Pfenn ge zu vei dienen, mit denen sie ihre karge Gefängniskost ein wenig verbessern können. — Von jüdischem Interesse ist das heutige Rhodos insofern, als hier an den Mauern der ehemaligen Ritterfestung an 3500 Juden (Sephardim) leben, die als Händler, Handwerker, Lastträger und Bootsleute ihr Brot verdienen. Besonders interessant .st, das es den Juden erlaubt ist, neben den Türken (0500) innerhalb der Eestungsstadt zu wohne;i, während die Christen nur tagsüber hineinkommen dürfen, bei Sonnenuntergang aber in ihre Vorstädte zurückkehren müssen. Nach Beirut kamen wir Dienstag abends und zwar wieder erst nach eingetretener Dunkelheit. Von frühmorgens an bis mittags hatten wir Cypern in Sicht gehabt, dann kam ein paar Stunden lang freies Meer — die einzige küstenlose Strecke auf der ganzen Reise — und von etwa 5 Uhr an sahen wir den schneebedeckten Libanon allmählich am östlichen Horizonte aufsteigen, die Gipfel von der untergehenden Sonne noch bestrahlt, als unten zu seinen Füssen Beirut im Halbdunkel sichtbar wurde Unser Dampfer ging von Beirut nicht nach Jaffa, sondern nach Nordsyrien und Cypern weiter, doch lag im Hafen ein anderes Schiff der Gesellschaft, das uns erwartet hatte, um gleich nach Jaffa weiterzugehen. Wir mussten uns also von dem einen Boot auf das andere übersetzen und uns vorher noch der Passkontrolle wegen zum Hafenbureau rudern lassen, denn die grossen Schiffe bleiben mitten im Hafenbassin stehen. Das Anlandgehen oder „Transbordieren" ist keine einfache Sache. Wer nicht Bescheid weiss oder sich nicht an Bord ortskundigen Personen anschiiesst, dem wird leicht von den Bootsleuten ein enormer Preis abverlangt. Nur einige wenige Bootsleute in Beirut erfreuen sich des Rufes grosser Zuverlässigkeit, so mein Freund Beschlik — Chef de Barque. wie er sich auf seinen Visitenkarten nennt. Aber nach Beschlik ist grosse Nachfrage, und er kann nicht überall sein, und so vertrauten wir uns einem Bootsmann an, der als einer der ersten von der wilden Rotte an Bord geturnt war und in dem ich einen von Beschliks Bootsmannschaft wiederzuerkennen glaubte. Er bestätigte mir auch eifrig auf meine Frage, dass er zu Beschliks Boot gehörte. Anfangs ging auch alles gut. Wir und unser Gepäck langten wohlbehalten im Boote an, — mit uns kam noch ein armer rumänischer Jude, der seiner Lungen wegen nach Kairo ging und den seine Alutter begleitete, — und nach ein paar Minuten Fahrt durch die pechschwarze Nacht waren wir an der Passkontrolle. Dann folgte eine Wartezeit, während der wir nicht allzu sicher waren, ob wir noch gleichen Abends würden weiterfahren dürfen und ob das Jaffaboot noch warten würde. Schliesslich aber ging alles soweit nach Wunsch, und wir kamen ohne Schwierigkeiten mit unserm Gepäck an Bord der „Portugal". Ich hatte an Bord erst die Bootsleute zu entlohnen vereinbart, undwenn man auch zunächst mein Angebot von einer Medschidi mit beträchtlicher Entrüstung zurückwies (es war das Doppelte von Beschliks üblicher Taxe) so war man schliesslich doch mit einer Zulage von noch einem Franc ganz zufrieden. Dagegen stellte sich bald heraus, dass meinen rumänischen Bootsgenossen, von denen wir meinten, dass sie nach uns ebenso ungefährdet an Bord gelangt seien unter allerlei Drohungen, vierzig