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Die Welt · 1906-03-02 · 9 (2.3.1906) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE^EELT der Wortschatz allein macht den Inhalt einer Sprache aus, sondern die Begriffe und die Ideen sind es, welche ihr Vollkommenheit verleihen. Und die ungebildeten Massen können sich mit der besseren Literatur nicht befassen, nicht etwa weil sie die Sprache nicht verstehen, sondern weil il.nen die nötige Vorbildung fehlt. Gerade das, was die Klassizität der Sprache ausmacht, ist dem Volke nicht zugänglich. Der Jargon wird nur dann Literatursprache werden können, wenn er Umgangs- und Bildungssprache der Wohlhabenden und Gebildeten geworden sein wird. Das kann aber selbst in Russland niemals erwartet werden, denn gerade die gebildete Jugend versteht diese Mundart nicht mehr, und wie die Verhältnisse liegen, ist daran garnicht zu zweifeln, dass der Jargon sich wohl in den ärmeren Volksschichten längere Zeit erhalten wird, aber schliesslich wird er doch eher zurückgehen als zunehmen. Wenn man über diese Dinge ruhig nachdenkt, so wird man zum Schluss gelangen, dass ein Eingriff von aussen da weder nötig noch nützlich ist. Das jüdische Volk kann die hebräische Sprache nicht entbehren, solange es instinktiv oder mit Oberlegung um seine Existenz ringt. Wenn man sagt, die jüdischen Volksmassen — nicht aber etwa das Volk! — hätten noch in sehr frühen Zeiten die hebräische Sprache aufgegeben, um sie in Palästina gegen die syrische, in Babylonien gegen die aramäische in Ägypten und in Kleinasien gegen die griechische zu vertauschen, so erwidere ich darauf, dass gerade mit dem Golus auch die Anhänglichkeit des jüdischen Volkes für seine Nationalsprache beginnt. Alle Bibelübersetzungen, die in älterer Zeit entstanden waren, und beim Gottesdienst eine so bedeutende Rolle spielten, wurden später von dem Original wieder verdrängt. Denn die Juden fühlten oder wussten es, dass sie der hebräischen Sprache sowohl zur Erhaltung des geschichtlichen Zusammenhangs wie auch als Bindemittel für die zerstreuten Glieder bedurften. Was das jüdische Volk in seinem geistigen Leben sonst geschaffen hat, ist uns entweder durch hebräische Obersetzungen erhalten geblieben, oder es war blos von örtlicher und zeitlicher Bedeutung. Unter solchen Umständen ist mir die blinde Wut unserer Demokraten gegen die hebräische Sprache geradezu unerklärlich. Sie sprechen bewusst oder unbewusst alles nach, was die Assimilatoren bisher gegen die Beibehaltung der hebräischen Sprache vorgebracht haben — vom assimilatorischen Standpunkt aus mit Recht. Aber die jüdischen Demokraten geben vor, jüdischnational zu sein, und wenn sie die hebräische Sprache in unserem nationalen Leben vielleicht für überflüssig halten, schädlich ist sie doch gewiss nicht. Überdies ist sie jetzt zweifellos nicht zu entbehren, da im Jargon erst geschaffen werden müsste, was die hebräische Sprache bereits in vielen Jahrhunderten hervorgerufen hat. Es kann niemand genötigt werden, hebräisch zu lernen — aber niemand darf auch darin gestört werden. Es ist ausserdem auch lächerlich, wenn jedes Unternehmen, die hebräische Literatur zu fördern, in der Jargonpresse verhöhnt wird. /Man gewöhnt dadurch unsere ungebildeten Brüder, das Wissen zu verachten und die Unwissenheit als Ruhemittel zu betrachten. Es unterliegt gar keinem Zweifel, dass man mit solchen Mitteln einen grossen Erfolg erzielen kann, denn der „Hass der Ungebildeten gegen die Gebildeten" wie sich der Talmud ausdrückt, ist leicht zu erregen. Aber das ist weder sittlich noch national, sondern hässliche Demagogie. Noch niemals hat ein Volk in solcher Weise sein geschichtliches Gut, die Sprache, in der es sein ganzes Kulturleben aufbewahrt hat, mit Geringschätzung behandelt, wie es jetzt in unseren demokratischen Kreisen geschieht, die sich noch dazu national nennen. Ich fürchte sehr, dass das nicht national ist, sondern die Assimilation, und zwar die gefährlichste Assimilation, nämlich die von unten. EINE WINTERREISE NACH PALAESTINA Von DAVIS TRIETSCfl (Jaffa) Berlin zeigte sich nicht übermässig winterlich, als wir es am 20. Januar verliessen, aber gleich bei Fürstenwalde fing die Schneeregion an, um erst ganz unmittelbar vor Konstantinopel aufzuhören. In Konstantinopel kamen wir Donnerstag früh an, und sollten fahrplanmässig gleich Nachmittags um 4 Uhr weiter fahren. Aber bald stellte es sich heraus, dass der Messageriedampfer erst am nächsten Morgen ankomme und am gleichen Nachmittag abgehen sollte. Es blieb also Zeit genug, ausser den Zensurschwierigkeiten*) und sonstigen Formalitäten noch einige Besuche und einiges von den Sehenswürdigkeiten der Stadt zu absolvieren. Konstantinopel ist eine gute Vorbereitung für die asiatische Türkei. Wer über Triest oder über Hamburg etwa nach Jaffa kommt ohne andere levantinische Häfen gesehen und betreten zu haben, wird leicht meinen können, Jaffa sei ein exceptionelles Schmutznest. Wer aber über die hauptstädtischen Pfützen und *) Den Zollbeamten waren vornehmlich meine beiden Bände „Palästina", „Altneuland" und einige jüdische Zeitungen und Broschüren verdächtig erschienen, und da der Zensor zu so früher Morgenstunde noch nicht anwesend war, so musste ich gegen 11 Uhr nochmals nach Stambul hinüber, um meinen letzten Handgepäckkoffer herauszubekommen. Der Zensor hatte aber kaum etwas von Ju-den-tum zusammenbuchstabiert, als er die zustimmendsten Gesten machte und den ganzen Koffer durchliess. •jAffaires d'humanite" bemerkte er zu seinen Leuten. Kehrichthaufen Konstantinopels gewandelt ist, der wird das gute Pflaster am Quai und die verhältnismässige Sauberkeit wenigstens der Hauptstrassen zu schätzen wissen, wie wenig auch selbst diese mittel-europäischen Ansprüchen genügen mögen. Der Dampfer fuhr also erst Freitag Nachmittag gegen 5 Uhr in den Bosporus hinaus und von da ins Marmarameer, an den Prinzeninseln vorbei und wieder war das Bild dasselbe, das ich schon so manches Mal genossen hatte und das immer neue Pracht entwickelt: Der Sonnenuntergangmit den wundervollen, fast unglaublichen Meeresfarben und die verschwimmende Silhouette der malerischen Stadt mit den lodernden Sonnenreflexen auf den Fensterscheiben eines Stadtteils nach dem anderen. Nachts kam Nebel, und das Schiff musste einige Stunden lang am Eingang der Dardanellenstrasse vor Anker liegen, so dass wir statt Nachmittags erst so spät Abends nach- Smyrna gelangten, dass man nicht mehr an Land durfte. Dass selbst in Smyrna — sonst dem freiesten und europäischesten Hafen der asiatischen Türkei — der Hafenverkehr nach Sonnenuntergang untersagt wurde, ist auf eine Reihe von Bombenfunden und anderen unerfreulichen Vorkommnissen der letzten Zeit zurückzuführen, durch die die türkischen Behörden sich zu grösserer Strenge veranlasst sahen. Zwischen den Dardanellen und Smyrna hatten wir die schöne Insel Mytilene passiert, die vor kurzem der Schauplatz der europäischen Blamage gewesen ist, als die sich die famose Flotten-

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