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Die Welt · 1906-03-02 · 9 (2.3.1906) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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DIEMELT- No.9 haben wird. Wirwollen nicht die Bedeutungder Erklärungen desScheikh Ul-Islam überschätzen. Aber sie entbehren nicht einer politischen Bedeutung.....Als Ferdinand der Katholische die Juden aus Spanien vertrieben hat, nahm sie der türkische Sultan Bajazet II. in sein Reich auf und sagte: Ihr nennt Ferdinand einen weisen König! — Er aber macht unser Land reich und sein eigenes arm!" Die Politik Bajazets ist in Stambul nie ganz verlassen worden. Der Augenblick ist wieder gekommen, wo die Juden aus ihrem Wohnlande fliehen müssen. Und die Worte Bajazets klingen wieder in etwas veränderter Form : „Die Juden würden durch ihre Einwanderung nach der Türkei zum Reichtum des türkischen Reiches beitragen und zugleich Stärke und Sicherheit erlangen." Also auch von türkischer Seite beginnt man das Problem der jüdischen Einwanderung von einem modernen Standpunkte aus zu betrachten was eine erfreuliche und verheissungsvolle Tatsache ist. ZUR SPRACHENFRAGE von Dr. SIMON BERNFELD-Berlin Zu den vielen Absonderlichkeiten, die jetzt in Russland vorkommen, gehört auch die, dass die jüdischen Demokraten einen Feldzug gegen die hebräische Sprache und für das Jüdische eröffnet haben. Der Streit über die Frage: Hebräisch oder Jargon, hat bereits vor Jahren in der jüdischen Presse begonnen. Aber damals handelte es sich nicht darum, dass etwa die jüdische Sprache allein, die von Millionen Juden gesprochen wird, die nationale Sprache des jüdischen Volkes werden sollte, sondern dass neben der hebräischen Sprache, wenigstens vorläufig, auch der Jargon, die „Golussprache", literarisch verwendet werde. In diesem Streite sprach ich mich gegen die Fanatiker des tiebräischen aus, schon aus dem einfachen Grunde, weil das Vorhandensein des Jargons als der einzigen Sprache, in der wir zu einem grossen Teil unseres Volkes reden können, eine feststehende Tatsache ist, mit der wir rechnen müssen. Ausserdem kann man nicht leugnen, dass die Hoffnung, dass in der Diaspora die hebräische Sprache eine Volks¬ und Muttersprache selbst der nationalgesinnten Juden werden könnte, eben nur eine Hoffnung ist. Bis dahin muss man sich leider darauf gefasst machen, dass nur eine Minderheit unter uns das Hebräische soweit erlernen würde, dass sie in dieser Sprache den Ausdruck des nationalen Empfindens findet. Praktisch genommen ergänzen sich auch diese beiden Sprachen, soweit es sich um das geistige Leben des jüdischen Volkes im modernen Sinne handelt. Die hebräische Sprache-j obwohl sie nur Literatursprache ist, hat in erster Reihe den Vorzug, dass durch ihre Kenntnis das ganze nationale Schrifttum unseres Volkes zugänglich wird. Ich habe bereits an anderer Stelle auf die merkwürdige Erscheinung in unserer Geschichte hingewiesen, dass grosse und bedeutsame Bücher über das Judentum, die in irgend einer fremden Sprache abgefasst waren, nun dann von grosser kulturhistorischer Wirkung sein konnten, wenn sie frühzeitig ins Hebräische übersetzt wurden. Und im Gegenteil haben ursprünglich hebräisch geschriebene Bücher, weil ihr hebräisches Original infolge verschiedener Ursachen verloren ging, in unserem Volke niemals Wurzel gefasst — die Obersetzung hat in diesen Fällen die hebräische Urschrift nicht, ersetzen können. Ich erinnere beispielsweise an die beiden ersten Makkabäerbücher, an die Spruchsammlung Ben-Sira und an Josephus Geschichte des jüdischrömischen Krieges. Das ist ein Argument gegen die Anwendung irgend einer fremden Sprache überhaupt in der jüdischen Literatur. Der christliche Historiker Ewald hat noch dazu eine sehr feine Bemerkung gemacht. Im alexandrinischen Zeitalter haben gebildete Juden : geglaubt, durch die Behandlung des Judentums in griechischer Sprache, die Heiden in die jüdische Welt einführen zu können und sie somit zu Freunden des jüdischen Volkes und des Judentums zu machen. Aber gerade um die Zeit als Griechen und Römer auf solche Weise mit dem Judentum bekannt wurden, begann ein grimmiger Hass gegen das Judentum. Diese zutreffende Äusserung Ewalds Iässt sich auch durch ein Beispiel aus der neuesten Geschichte bestätigen. Auch Zunz war der Meinung, man müsse die Wissenschaft des Judentums in einer modernen Sprache schreiben, denn nur dadurch würden die Völker Achtung vor den Juden gewinnen und ihrer bürgerlichen Emanzipation zustimmen. Es braucht wohl nicht mehr daran erinnert zu werden, dass die Ereignisse dieser Hoffnung nicht entsprachen. Wenn wir uns der hebräischen Sprache in allen Fragen der Juden und des Judentums und auch sonst als vermittelndes Organ zwischen den zerstreuten Brüdern bedienen, so wissen wir zur Genüge, dass sie auch für die feinsten Nuancen der behandelten Dinge ausreicht. Ausserdem haben wir dabei noch den Vorteil, dass wir bei dem Leser eine gewisse Vertrautheit mit unserem Thema voraussetzen können und daher nicht immer mit dem Abc zu beginnen brauchen. Bei der Benutzung des „Jüdischen" stellen sich uns alle Schwierigkeiten entgegen, die uns die Benutzung selbst der Weltsprachen in solchen Dingen bietet; ausserdem noch die Hauptschwiengkeit, dass der Jargon für die Behandlung wissenschaftlicher, künstlerischer und selbst ernster politischer Fragen nicht ausreicht, die Sprache muss dafür erst geschaffen werden. Wir sehen ja auch tagtäglich, wie sich die „Jargonisten", sobald sie das belletristische und volkshumoristische Gebiet verlassen, abmühen müssen, und sie erreichen ihr Ziel nur dadurch, dass sie bald hochdeutsche, dem Volkebenfalls nicht verständliche, Ausdrücke gebrauchen, bald zu hebräischen, in den Jargon früher nicht eingedrungenen, Worten ihre Zuflucht nehmen. Es ist für mich gar kein Zweifel, dass die breiten Volksmassen, für die doch dieses Schrifttum bestimmt ist, das in keinem Fall verstehen, mögen sich die Autoren noch so abmühen, ihre Sprache leichter verständlich zu machen. Da ich im Prinzip kein Gegner des Jargons bin, so will ich gleich anführen, *vas sich gegen meine Einwendung sagen liesse. Ist der Jargon in seiner gegenwärtigen Beschaffenheit noch keine Literatursprache im besseren Sinne, so kann er dazu gemacht werden, wenn begabte Dichter und Schriftsteller sich seiner bedienen werden. Auch die deutsche Sprache stand vor etwa 200 Jahren literarisch nicht viel höher als jetzt der jüdisch-deutsche Jargon. Und es lässt sich auch nicht leugnen, dass der Jargon in den letzten 10 Jahren sowohl an Inhalt wie auch in der Form eine erfreuliche Entwickelung erfahren hat. Aber erstens möchte ich doch fragen: wozu wollen wir uns dieser Arbeit unterziehen, eine neue Nationalsprache zu schaffen, die im Vergleich zu der Fiebräischen doch nur etwas Fremdes für uns ist? Wenn der Jargon nach hunderten von Jahren vielleicht eine Literatursprache wird, so dürfte sie doch für das Judentum keine grössere Bedeutung erlangen als das hochdeutsch oder die englische Sprache, in denen das Judentum zu keinei Eigenart, zu keiner Individualität gelangen konnte. Ausserdem halte ich es geradezu für unmöglich, dass der jüdisch-deutsche Jargon im besten Fall etwas mehr wird als beispielsweise das Plattdeutsch. Damit eine Sprache das Organ des höheren geistigen Nationallebens werde, muss sie die Sprache der Gebildeten geworden sein. Denn nicht

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