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Die Welt · 1906-03-02 · 9 (2.3.1906) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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wenn sie sich hätte verleiten lassen, das Francofizierungsystern der Pariser ASliance ins Deutsche zu übersetzen. Was wir in dieser Hinsicht ausgeführt haben, sollte ja in erster Linie eine Warnung, keine Verdammung für die deutsche Allianz oder, wie sie jetzt heisst, für die Deutsche Konferenzgemeinschaft der „A, I. U.tt enthalten. Diese Warnung war vollberechtigt, ist es teilweise auch heute noch trotz der Erklärung des Herrn Goldberger. Die Pariser Zentrale der „A. I. U.u war gerade in den letzten Zeiten vielfach und in auffallender Weise wegen ihrer systematischer Förderung des französischen Elements unter den Juden Afrikas und des Orients gelobt worden, besonders von den Franzosen, aber auch getadelt worden, besonders von Juden und Deutschen. Von deutscher Seite hat man öffentlich die deutsche Gruppe der „A. J. U." für eine analoge germanisatorische Tätigkeit in Anspruch nehmen wollen. WTenn nun ganz kurze Zeit darnach die Oeffentlichkeit;mit der Nachricht überrascht wird, dass eine zumindest äussere Emanzipierung der deutschen Allianz von der Pariser Zentrale stattgefunden, dass sich eine Deutsche Konferenzgemeinschaft konstituiert hat, die, wie die kurzen Meldungen der deutschen Blätter sagten, „vornehmlich einen Beschluss fasste, der die Erweiterung, bezw. Einführung des deutschen Unterrichts in den Schulen der Allianz vorsieht" — was ist natürlicher und unvermeidlicher, als dass Juden und Nichtjuden im Zusammenhang der Tatsachen eine Absicht merken und zufrieden schmunzeln oder verstimmt werden, je nachdem sie an der seinerzeitigen diplomatischen Anzapfung der deutschen Allianz in der „Köln. Ztg.44 Geschmack fanden oder nicht? Herrn Geheimen Kommerzienrat Goldberger, an dessen guten Absichten wir nach seinen Erklärungen nicht zweifeln dürfen, können wir den Vorwurf nicht ersparen, dass er darauf nicht ^Bedacht nahm, rdass man in zweifelhaften Dingen auch den üblen Schein vermeiden muss. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft hätte sofort als Antwort gegen alle vorhergegangenen oder (in Zukunft zu befürchtenden „Unterstellungen," anstatt die Erweiterung des deutschen Unterrichtes hervorzuheben, ihre jüdische Note unterstreichen müssen, der gegenüber die deutsche Note weit zurückzutreten gehabt hätte. Man hätte es gerne ausdrücklich und unzweideutig gehört, dass es sich der deutschen Gruppe [der;Allianz um 'die Kräftigung und Förderung des darniederliegenden jüdischen Elements — ob mit oder ohne Zuhilfenahme der deutschen Sprache — handelt und nicht vielleicht um die Erweiterung des deutschen Sprachgebietes mit Zuhilfenahme der armen Juden. Diese einwandfreie Unterstreichung des Jüdischen, Nur-Jüdischen ihrer Aktionen ist die Deutsche Konterenzgemeinschaft der Öffentlichkeit schuldig geblieben. Und wenngleich wie ihr durchaus keine direkt auf Germanifizierung ausgehende Tätigkeit zumuten wollen, — von einer Unklarheit ihres Programms 'in Hinsicht auf das Universell-Jüdische können wir sie noch nicht freisprechen. Und so wie wir die Pariser „Alliance" eindringlich gewarnt haben :und zu warnen das Recht hatten, so möchten wir der Deutschen Konferenzgemeinschaft, die einer so scharfen Warnung nicht bedarf, an einem Exempel zeigen, dass es nicht so schwer ist, die Philanthropie, gerade die Philanthropie mit 'dem iDeutschtum einerseits, dem Judentum andererseits)[in ein schickliches Verhältnis zu bringen. Darin fkann die neubegründete „Deutsche Konferenzgemeinschaft" viel vom „Hilfsverein der deutschen Juden" lernen. Wir bringen gleichfalls in dieser Nummer einen Bericht über die erfolgreichen Aktionen des „Hilfsvereins" in Palästina. Was uns an ) dieser Tätigkeit besonders gefällt, ist vor allem das, dass der Hilfsverein in richtiger Würdigung des Jüdischen an seinem Werke, auch die hebräische Sprache zu ihrem Rechte gelangen lässt. Das ist symphatisch, nicht nur, was ja natürlich wäre, aus unserem Parteistandpunkte heraus und weil es sich um eine palästinensische Tätigkeit handelt, sondern weil sich daraus das Verständnis für die höheren jüdischen, die jüdisch-kulturellen Interessen kundgiebt. Ebenso bezeugt es, um ein anderes Beispiel zu wählen, ein Verständnis für die allgemeinen jüdisch-sozialen Interessen, wenn der „Hilfverein" dem Plane der Brüsseler Konferenz von Anfang an ohne kleinliche Nebenrücksichten beitrat. Niemand wird uns, wenn wir so „Hilfsverein44 gegen „Allianz44 stellen, im Verdacht haben, dass wir uns auf der einen Seite zu Lobrednern, auf der anderen zu Tadlern ä tout prix aufwerfen wollen. Wir unterscheiden uns ja schliesslich vom „Hilfsverein44 ebenso deutlich wie von jeder anderen philanthropischen Organisation durch unsere Grundauffassung vom jüdischen National- Problem. Aber, obwohl oder vielleicht gerade weil wir in einem anderen Lager stehen, ist es uns möglich, die Vorzüge und Fehler auch in anderen Lagern freien Auges zu erfassen. Und da scheint es uns geboten, gerade unter Hinweis auf das Beispiel des „Hilfsvereins" den Ehrgeiz der „Deutschen Konferenzgemeinschaft" nicht nur auf die bedrückten Juden, sondern auch auf das bedrohte Judentum hinzulenken. Die Grösse und die Macht der Völker ist nicht proportional dem Judenhasse dieser Völker. Wir haben es oft konstatiert, dass gerade die kleinen, halb unterdrückten, schwachen, noch unterjochten oder kaum befreiten Nationen es am besten verstehen, die Juden, die in ihrer Mitte wohnen, zu bedrängen. Die Beispiele sind zahlreich. Siehe Rumänien, Griechenland, Bulgarien — siehe Polen. Und zu diesen Völkerschaften könnte man noch eine hinzurechnen — die finnische. Finnland hat einige Jahre erbitterten Kampfes mit der russischen barbarischen Gewalt durchgemacht. Die Augen von ganz Europa waren auf das kleine Land im Norden gerichtet. Donnernde Reden, flammende Proteste regten die zivilisierte Menschheit auf. Und wie vor sechzig bis siebzig Jahren das gebildete Europa für das „ritterliche Polen" sich begeisterte — natürlich ohne den kämpfenden und verblutenden Polen einen Finger zu reichen — so schwärmte jetzt jedermann für Finnland. Und es war in der Tat ein ergreifender Anblick. Der Kampf eines kleinen Völkchens mit einem Riesenstaat, der Kampf Davids mit Goliath. Die Finnen haben endlich auch gesiegt. Sie haben erreicht, so viel sie konnten und wollten. Und nun, da sie selbst wieder einmal zur Macht gelangt sind, erwachte auch bei ihnen — die Judenfrage. In Finnland leben wenig Juden, nach der Zählung von 1885 — 973 Personen, davon ungefähr die Hälfte (461) in Helsingfors, ferner in Abo, Uleaborg usw. Die geringe Zahl von Juden erklärt sich durch die ganz besonderen Ausnahmsgesetze, die in Finnland gegen die Juden herrschen. Es wird zur allgemeinen Charakteristik der Lage der Juden in Finnland genügen, sie mit der der reichsrussischen zu vergleichen. Und die letztere ist bei weitem nicht die schlimmere. Im Jahre 1772, als Finnland noch der schwedischen Krone gehörte, bestimmte das schwedische Staatsgrundgesetz, dass „alle Bürger zur lutherischen oder evangelischen Kirche gehören müssen". Dieses Gesetz schloss somit die Juden von vornherein von den Bürgerrechten aus. Im Jahre 1782 ergänzte die schwedische Regierung das Gesetz dahin, dass die Juden nur in einigen Städten ihre Bethäuser haben dürfen und in Finnland kein Wohnrecht haben. Also die russische Regierung hat einen nach ihrem Begriff idealen Zustand mit Hinsicht auf die Judengesetzgebung in Finnland vorgefunden. Sie brauchte keine Scharfmacherei mehr. Im Gegenteil, sie hat sich gewisserrnassen — in den früheren Jahren — bestrebt, den Juden in Finnland das Leben ein klein wenig zu erleichtern. Aber der finnische Senat, der Landtag waren immer dagegen. Die Bauern und die Geistlichen, die in Finnland das grosse Wort führten und führen, sind noch jetzt, wie am Ende des 18. Jahrhunderts, gegen die Juden. Natürlich hat die russische Regierung der Ignatiew'schen und Plehwe'schen Richtung die bestehenden Judengesetze Finnlands bestätigt und mehr verschärft. So erliess im Jahre 1882 der damalige Gouverneur von Finnland im Anschluss an die Ignatiew'schen Maigesetze ein Zirkular, welches die gesetzliche Lage der Juden

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