Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316196--47851-3342755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
diese Forderungen der „Autonomie" im Munde von Leuten, die bloss, weil sie Juden sind, nicht einmal das Recht haben, Petersburger oder Moskauer Luft zu atmen, als ein bitterer Holin auf unsere Ohnmacht und Rechtlosigkeit. Es ist, als ob ein Bettler, statt an die menschenwürdige Erwerbung des täglichen Brotes zu denken, sich in Gedanken verloren hätte, wie er über Nacht ein Rothschild werden solle . . . Vielleicht das Schlimmste, das der Golus — der Mangel an sicherem Boden unter den Füssen und an Recht, sich frei und voll auszuleben — dem jüdischen Volke zugefügt hat, ist dessen Aneignung einer Bettler-Psychologie, die von Wundern lebt: heute ist es das Wunder der Messias-Ankhnft, morgen — der sozialistische Zukunftsstaat und übermorgen — der „jüdische Landtag" und die „jüdische Autonomie" in Russland, -- in dem Russland der Pogrome von Kjschinew und Hornel, von Odessa und Kiew . . . Hätten wir uns diese Golus-Psychologie nicht angeeignet, so hätten wir vor Allem an das Nächste, Unentbehrlichste und Durchführbarste gedacht. Und das ist bei den gegenwänigen Verhältnissen, die teilweise noch lange nicht anders werden können, teilweise sogar niemals anders werden würden, da wir in Russland wohl eine nationale, aber keine territoriale Volkseinheit bilden, — einzig und allein die fcrstrebung der vollen und ganzen bürgerlich-politischen (im staatlichen Sinne) Gleichberechtigung. Um diese zu erreichen, müssen sich vor Allem sämtliche mehr oder weniger jüdisch-national gesinnten Parteien zu einem natio naI-jüdischen politischen Verbände vereinigen. Denn während auf dem Boden der „nationalen Autonomie" und des „jüdischen Landtages" noch lange jede Möglichkeit einer wirklichen Vereinigung ausgeschlossen ist, (denken wir blos an den Kampf zwischen den „Hebraisten" und „Jargonisten" auf dem Gebiete der Schulsprache, zwischen den Jüdisch-Orthodoxen" und den Nationaljuden auf dem Gebiete der Erziehung, zwischen der jüdischen Sozialdemokratie und der jüdischen Bourgeoisie auf dem Gebiete der ökonomischen Interessen, u. s. w.), ist auf diesem Boden, auf dem Boden des Kampfes ums Recht der russischen Judenheit, eine Vereinigung aller ausgesprochen-jüdischen Parteien wohl möglich. Denn welcher jüdische Stand, welche jüdische Klasse wird nicht erdrückt unter der Wucht der über der ganzen russischen Judenheit lastenden Rechtlosigkeit? Welche jüdische Partei empfindet nicht den unerträglichen Druck der Ausnahmsgesetze? Und alle diese jüdischen Parteien, unter denen es auch solche gibt, deren revolutionäre Tätigkeit (allerdings im Dienste der allgemeinen, nichtjüdischen Interessen) der russischen Regierung Todesangst einflösst, könnten, wenn sie sich nur im Namen einer einzigen fundamentalen allgemein-jüdischen Forderung vereinigt hätten, zu einer gefürchteten Macht werden, die sowohl die judenfeindliche Regierung als auch die reaktionär-antisemitische Reichsduma in Betracht hätten ziehen müssen. Sollte nichts Anderes mehr nützen, so müsste dieser Verband gewaltsam die jüdischen Rechte den Klauen der russischen Raubtiere entreissen. Die Juden haben genug revolutionären Mut gezeigt, als es sich um die Interessen Anderer handelte. Jetzt ist die Zeit gekommen, diesen Heldenmut auch da zu zeigen, wo es sich um die allernächsten und allerwichtigsten Interessen ihres eigenen Volkes handelt! Eigentlich sollte diese Aufgabe dem schon existierenden „Verbände zur Erreichung der Vollberechtigung" zufallen. Allein dieser hat sich leider als zu untätig und zu abhängig vom „Verband der Verbände" gezeigt. Es muss ein neuer kräftigerer, selbständigerer und kampfesmutigerer Verband entstehen. Möglich, dass ein solcher kampfesmutiger (obwohl ganz und gar nicht kampflustiger) Verband neue Feinde, vielleicht auch noch neue Pogrome hervorrufen wird. xAber haben die russischen Juden noch wirklich irgend etwas zu fürchten? Haben sie nicht bis jetzt das AUerfurchtbarste erlebt, das Allerunerträglichste erduldet? Gibt es noch überhaupt etwas Schreckliches für ein Volk, dass zwei Kischinews, zwei Hornels, Odessa, Kiew, Jekaterinoslaw, Jusowka durchgemacht hat? Genügt es doch jetzt, dass die Juden in Kiew oder Odessa sich entschließen, irgend einer liberalen Partei ihre Stimmen abzugeben, damit sie von den Reaktionären mit Pogromen bedroht werden. Bei solchen Zuständen kann eine geeinigte, national-jüdische, sich in keine fremden nicht-jüdischen Angelegenheiten einmischende, revolutionär-vorgehende, aber durchaus nicht terroristische Partei, auch in Bezug auf die Einschüchterung hochstehender Hooligans und auf die Dämpfung des Pogrom-Eifers, viel mehr nützen als schaden. Die Leiden der russischen Judenheit sind jetzt unbeschreiblich, sinnverwirrend; und das Alles, wenn nicht verursacht, so wenigstens veranlasst durch die Rache der Regierung und der grossen Mehrheit des reaktionär gesinnten russischen Volkes für jüdische allgemein-revolutionäre Arbeit, die dem jüdischen Volke als solchem vorläufig sehr viel Schaden und beinahe gar keinen Nutzen gebracht hat. Möglich, dass wenn die Juden für das jüdische Volk arbeiten, wenn sie j üd i s c h e Forderungen aufstellen werden, es ihnen kein Volk übel nehmen wird, denn die Sache ist zu natürlich, um Feindseligkeiten hervorzurufen. Aber sollten Leiden und Qualen unser Geschick sein, so wäre es schon wirklich an der Zeit, dass wir für unsere, für spe/Jfisch-jüdische Interessen diese Leiden ertragen, dass wir durch unsere unendlichen Qualen und durch unser unaufhörlich fliessendes Blut uns mindestens die allernotwendigsten Menschen- und Volks- Rechte erkaufen! POLITISCHE REVUE Von den jüdischen Hilfsorganisationen. Wir bringen an anderer Stelle unseres Blattes die Erwiderung des Herrn Goldberger auf unsere vorwöchentlichen Ausführungen über die „Alliance Israelite Universelle." Wenn wir diese Erwiderung richtig verstehen, so gemeinschaft der „A. I. U.tt jede Germanisationspolitik fernliege. Wir können diese Versicherung nur mit grösster Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Es wäre wahrhaftig — wie wir ausgeführt haben — ein unverzeihlicher Fehler, wenn die deutsche Gruppe der „A. I. ü.tt die Wege zu gehen sich beeilt hätte, die eine enthält sie die Versicherung, dass der Deutschen Konferenzgeschäftige Diplomatie ihr unaufgefordert gezeigt hat, das heisst,