Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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18 No.8 Winkel, er ist sehr gespannt) Sagt mir, ich bitt Euch, hm . . . hm ... , hat's im vorigen Winter geschneit? {Alle lachen) Leiser: So? Gut! Ich muss zugeben, gut! Zippe: Ich hab Euch eine schlechte Nachricht mitgebracht, Schwiegermutter, ich hab' nichts Wohlfeiles eingehandelt. Auf jedes Lungenstückchen giebt's zwanzig Käufer und auf jedes Schenkelteilchen siebzehn Weiber. So bin ich gekommen ohne Schenkel und ohne Lunge. Eine schlechte Nachricht, nicht wahr? Hahaha! Schlafen noch die Kinder? Chatzkel: Der arme Motteie wird hungrig von der Arbeit zurückkommen! Dobe: Na, so werden wir ihm Fischkartoffel abkochen. Er hat sie ja gern, und sie werden ihm, unberufen, gut schmecken. Zippe: Grossvater, Kartoffel mit Wasser, dazu viel Pfeffer und gar kein Fisch werden bei uns Fischkartoffel genannt. Kartoffel — wie würdet Ihr gleich reimen — Pantoffel. Mir scheint, auf „Kartoffel" reimt sich sonst nichts. Leiser: Kartoffel mit Fisch, ein gutes Gemisch — aber Kartoffel allein, wie Wasser ohne Wein . . . Zippe {lachend): Hahaha! Schwiegermutter, wo ist denn die Muhme? Dobe: Man hat sie zu Freide gerufen. Sie hat schon wieder ihren Anfall bekommen — uns sei's nicht zugedacht! Hast Du schon von so einer Krankheit gehört? Es tut einem nichts weh, und man ist krank. Nicht verrückt und doch nicht bei Sinnen! {Zippe sitzt traurig) Chatzkel: Das ist die „Melancholie". Man sagt, alle reichen Leute haben diese Krankheit. Dobe: Was Du alles weisst! Es kommt davon, wenn Frauen keine Kinder haben! Leiser: Wenn ich wüsste, dass unser grosser Herr Herscheie nicht da ist, würde ich hingehen, sie besuchen. Sie ist zwar eine noble Dame, aber dennoch tut's mir leid um sie, Zippe: Ja, ja, Reb Leiser, geht mal zu ihr! Ihr werdet eine gute Tat damit tun. Sie ist so elend — o, und wenn Ihr sie sehen würdet, wenn es über sie kommt. Da ist sie still wie eine Taube, redet in sich hinein, singt leise und so traurig! . . . {Alle sitzen still. Pause. Plötzlich hört man Lärm) Z i ppe Arbeiter Alle: Dobe: Arbe it er Chatzkel Zip pe: Dobe: Arb ei ter: Ch atzkel Zippe: Mottete Ch atzkel Zippe: Dobe: {springt erschrocken auf): Weh mir! Was ist das? {Ein jüdischer Arbeiter kommt erschrocken hereingestürzt.) Gott sei mit Euch! ... Ich bitt' Euch, erschreckt nicht! .... Man trägt Euern Mottete nach Hause . . . Wehe! Weh uns! Was ist geschehen? Weh mir! Weh mir! Es ist, behüte Gott, keine grosse Gefahr . . . Ein Rad hat ihm einen Arm weggerissen . . . : 0, diese Fabrik! Wo ist er? Motteie! Mottete! (Rennt zur Tür, es kommen ihr jüdische Arbeiter entgegen, die auf einer Bahre Motteie tragen. Ein Arm ist mit weissen Tüchern umwickelt, durch die Blut sickert. Sein Leib ist bedeckt mit einem neuen weissen Tallis, der auch blutbefleckt ist. Zippe schreit mit wilder Stimme): Weh mir, er ist tot! Tot ist er! Mein Kind! Mein einzig Kind! Motteie! Gott sei mit Euch! Er ist ja nur ohnmächtig! {Sie legen ihn aufs Bett) : 0 Gott! Deine Tallessim werden jetzt mit Rädern gemacht, die uns die Glieder abreissen. 0, mein Sohn! Mein Sohn! (Alle stehen um das Bett herum) Motteie! 0, ich werde das ni ht aushalten! (Weint, Dobe mit) (kommt zu sich, mit schwacher Stimme): Och! (Versucht zu lächeln) Erschreckt nicht! Es ist nichts. Nur eine Hand abgerissen . . . Och! . . . Was ist eine Hand bei einem Arbeiter! Vater, weisst Du . . . er . . . Reb Herscheie ist gerade am Fenster gewesen . . . nicht weit von mir . . . Mein Blut hat ihn bespritzt ... 0 Zippenju! (Fällt in Ohnmacht. Ein Arzt und sein Gehilfe kommen eilig herein) Motteie, mein Sohn, sei mutig, da ist der Doctor gekommen! Weh mir! Was wird aus uns werden. (Jammert) 0, mein Sohn, was für ein Schlag hat mich getroffen! Weh mir! (Alle weinen, die Arbeiter wischen sich die Thränen ab. Der Arzt nimmt seine Instrumente hervor. Viele Männer und Frauen stehen in der Türe und schauen erschrocken hinein) (Schluss folgt) AUS DER BEWEGUNG Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Universitäten. Wie an allen Universitäten Österreichs fand auch an der Universität Czernowitz am 11. d. M. um 11 Uhr vormittags eine zahlreich bes. chte Studentenversammlung im Hörsäle V der Universität statt Als Vertreter der Universität waren erschienen Prorektor Pror. Dr. Tarnawski und Prof. Dr. Leo Kellner. Das Referat hielt cand jur. Jakob Buchsbaum (tiasmonaea). Ausgehend von der Entwickelung des nationalen Gedankens an den Universitäten, wies Sprecher unter allgemeinem Beifall alle Argumente der Gegner zurück und bewies in seinen trefflichen Ausführungen, dass der Begriff Nation nicht durch spekulative Zusammetitragung von Merkmalen konstruiert werden könne, sondern dass Nation vielmehr ein Begriff sei, der historisch geworden, also ein Produkt der Geschichte ist und nur von diesem Standpunkte aus genommen werden dürfe. Hierauf besprach der Referent die Bedeutung der Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Universitäten in moralischer, sozialer und wirtschaftlicher Beziehung, und betonte, dass es nur ein Akt der freiheitlichen Denkungsweise der Universitäten und politischer Klugheit überhaupt wäre, wenn dem diesbezüglichen Wunsche der jüdischen Studentenschaft Rechnung getragen würde. Hierauf wurde eine vom Referenten vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommen und durch eine Deputation dem akad. Senat überbracht, sowie telegraphisch an den Ministerpräsidenten und den Leiter des Unterrichtsministeriums abgesendet.