Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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16 DIE^ELT als Dienstmädchen. Wasser holen, Holz spalten . . . unberufen! Halt nur fest, ich will abwickeln. (Sie wickelt lange. Beide schweigen. Er nickt bald ein. Sein Kopf fällt auf ihre Kniee. Dobe ganz leise): Sch, er schläft . . . (Sitzt unbeweglich, um ihn nicht aufzuwecken). Leiser {tritt ein, gestützt auf einen schweren Stock): Gott helf! Seht nur, wie er eingeschlafen ist! ... . Ei, Reb Chatzkel, Ihr seid noch immer ein Spitzbub! . . . Dobe (verschämt): rh, geht doch! Er hat sich nur so angelehnt! Chatzkel (wacht auf): Nein, ich bin wirklich ein bisschen eingenickt. (Wäscht sich die Hände am Eimer) Gott helf, Reb Leiser, Gott helf! Ist ja eine Himmelsglinst, Euch mal zu sehn! Leiser: Reb Chatzkel, ich bin zu Euch nicht umsonst gekommen. Ich muss Euch eine wichtige Sache sagen. (Fährt ihn in einen Winkel, leise): Pst, wisst Ihr, es ist schon da . , . Ich hab' mich lani» gequält, endlich hab' icfr's gefunden.. Wisst Ihr: „Ha lachmo anjo"! Chatzkel: Ob ich weiss! „Ha lachmo anjo" heisst: Da ist das Armenbrot. Ich kenn' das nicht nur von der Hagada, ich kenn' das vom Leben! . . . Leiser: Pst, das ist es. Ihr schaut mich an? Das ist es. Chatzkel: Was ist es? Leiser: Wenn Ihr „Lachmo anjo" verkehrt sagt, so ist es „anjo Lachmo" — und da habt Ihr den Reim auf Chatzkel Drachmo . . . Anjo Lachmo — Chatzkel Drachmo! Chatzkel: Oh, Ihr alter Narr! Setzt Euch! Seid ein guter Gast. Hahaha! (Lacht) Leiser (setzt sich): Und wo ist Euer ganzes Gesinde, he? Die ganze Welt ist ein Narrenzelt — und nur der ist ein weiser Mann, der ihr die Zähne zeigen kann . . . Dobe: Zippenju ist in den Fleischladen gegangen. Ihr wisst doch, während der Woche kann man kein Fleisch kaufen — so hab' ich ihr gesagt, sie soll hingehen und etwas Billiges kaufen, . . . vielleicht Lunge oder Leber . . . und Pessenju ist bei der Herrschaft — man hat sie rufen lassen. Freidenju ist ja schon wieder — keinem jüdischen Haus soll's zukommen! . . . Geht Ihr manchmal zu ihnen? Leiser: Ich bin ein Kostgänger bei Ephraim dem Spielmann, und ich lebe dort - wie ein Kuchen in der Sahne. Wozu soll ich hingehn? Man schämt sich meiner—und ich schenk' ihnen die Ehre. Aber sagt mir nur, Freund Chatzkel, was ist denn heut für ein besonderer Tag? Warum sitzt Ihr heut in Eurem Verschlag? Ihr Seitzbub, Ihr wickelt Wolle! (Dobe errötet) Chatzkel: Warum ich zuhaus sitze? Das ist ja die bittere Frage, Reb Herscheie hat mich beglücken wollen. Hat mir die Ehre eines Aufsehers geben wollen, d. h. ich soll selbst nicht arbeiten und nur herumgehen und die Arbeiter anbellen. Da haben wir uns be- -----------------------No. 8 dankt, ich und Mottele. Wir haben seine Wohltaten nicht haben wollen. Aber wenigstens einfache Arbeit sollten sie uns genug geben! Weiss ich — so ein Teufelszeug — drei Tage giebt es Arbeit und drei Tage keine. Man giebt uns nur soviel zu verdienen, dass wir nicht vor Hunger sterben. Mottele ist hingegangen zur Fabrik, er hat Arbeit — und ich diene Dobe statt einer Dienstmagd, damit ich wenigstens was zu tun hab'. Das ist Masik's Ordnung. Reb Herscheie weiss es nicht. Um solche Kleinigkeiten wie Chatzkel Drachme kann er sich ja nicht kümmern, und ich werd' doch nicht zu ihm klagen gehn und ihn wieder um Gnade bitten. (Stampft mit dem Fuss auf die Scheite.) Nein, das werden meine Feinde nicht erleben! Dobe: 0, dieser Masik! Er hat uns alle zugrundegerichtet. Wie er krank dagelegen ist, da haben wir alle geglaubt, wir werden ihn schon los werden, — Gott strafe mich nicht für meine Worte! Er hat sich aber doch herausgemacht. Etwas Rechtes nimmt Gott zu sich, das Böse lässt er uns. Chatzkel: Drei Monate ist er mit verbundenem Hals herumgegangen. Man sagt, sie hätten sich beinah' erschlagen wegen des Geldes. Und seit jenem Tag ist Herscheie immer wie geistesabwesend. Gott sei Dank, dass ich ein armer Teufel bin. Wenigstens wird mir kein Masik wegen des Geldes die Gurgel durchschneiden. Dobe: Berl sagt sogar, dass es Reb Herscheie Millionen gekostet hat, bis sie sich wieder ausgesöhnt haben. Reb Leiser, wieviel sind Millionen? Leiser: Viel, sehr viel ... Chatzkel: Na ja, wenn's nur bei ihnen wieder ruhig ist Wie zwei Täubchen! Sie sind jetzt noch viel dickere Freunde, und Masik spielt die erste Geige. Leiser: Oh, wenn ich mich erinnere, was in jener Nacht geschehen ist! Das war ein Geschrei: Hilfe! Polizei! Mein Juwel hat den Korkenzieher in der Hand, Masik ist blutend auf der Erde gelegen wie ein Schwein . . . Geld! Geld! . . . Blut . . . Beide wälzen sich auf der Erde . . . Freide ist in Todesangst, meine Seele ist schon auf der Nasenspitze — eh, Gott sei Dank, dass ich jetzt schon bei Ephraim Spielmann bin. (Geht zum Schrank, singend): Schleicht sich heran und hat schon getan einen guten Zug aus dem vollen Krug (sucht, Dobe lacht) Chatzkel: Reb Leiser, Eure Müh ist vergebens. Ihr werdet keinen Tropfen finden. Diesmal haben wir sogar Kiddusch über trockenes Brot gemacht. Leiser: Trockenes Brot? Pfui! ... Da ist ja unsere Zippenju. Zippe (kommt herein mit einem Korb, gut gelaunt): Oh, ein Gast! Gott helfv Grossvater! Gut, dass Ihr gekommen seid! Ich muss Euch was Wichtiges fragen! (Führt Leiser in den