Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-02-23 · 8 (23.2.1906) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316195--47838-3342741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No.8 DIE^ELT Konflikte ins Auge sehen musste, da kehrte seine alte, ererbte, anerzogene Liebe zum Judentum, zur jüdischen Religion zurück. Zur Religion? Heinewarauch auf dem lodesdette kein Gläubiger, konnte es auch nicht sein. Er war immer im Begriffe zu fragen: Was ist Wahrheit? Aber ihn — den Künstler — zogen die Schöpfungen des jüdischen Volkes an, des jüdischen Genius, wie man einst sagte. Er suchte ein Ideal. Und fand es in Moses. „Ich hatte Moses früher nicht sonderlich geliebt/1 gestand er in seinen schwermütig — heiteren, humorvollen Aufzeichnungen („Geständnisse"), „wahrscheinlich weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war, und ich dem Gesetzgeber der Juden seinen Hass gegen alle Wirklichkeit, gegen die Plastik nicht verzieh. Ich sah nicht, dass Moses trotz seiner Befeindung der Kunst, dennoch selber ein grosser Künstler war und den wahren Künstlergeist besass. .... Er schuf Israel. . . . . Wie über den Werkmeister, habe ich auch über das Werk, die Juden, nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiss meines hellenischen Naturells wegen, dem der jüdische Asketismus zuwider war. Meine Vorliebe für fiellas hat seitdem abgenommen. Ich sehe j-etzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloss ehedem, sondern auch heutzutage, trotz achtzehn Jahrhunderten des Elends." . . . Und in jeder Zeile seinerWerke drückt sich ein inneres Verhältnis zum Judentum aus. Er hat gegen das Judentum gekämpft, er hat sich besiegt gegeben, er ist über Hellas — zu Judäa gekommen. Aber er kam ein Müder, ein Sterbender. Seine Liebe galt dem jüdischen Volke, nicht sein Werk. * * * Brandes hat Heine den grösslen Dichter des modernen Menschen genannt! Ja, aber auch des modernen Juden, des Juden, der sich nach der Unendlich- 15 keit und Allheit sehnt, der die schönsten Träume träumt, aber auch Jude ist, als Jude Mensch sein will. Heine hat uns — den Jüngeren — den martervollen Weg erspart. Wir wallfahrten nicht mehr zu unserer lieben Frau von Milo, um zum Judentum und dessen Werkmeister zu gelangen. Was Heine wollte, wollen wir auch — ein neues Judentum schaffen, ein freies, reiches, lebensvolles! Auch wir wollen den Gegensatz zwischen Hellas und Judäa überwinden, aber in einer höheren Einheit, in einer neuen Synthese. Und das ist die Freiheit des jüdischen Volkes. — Wir haben es von Heine gelernt, dass der Geist eines Volkes erst dann frei werden kann, wenn das Volk selbst frei wird. Wir wollen den Geist des jüdischen Volkes befreien. Vielleicht liegen noch Schätze in den Tiefen des jüdischen Volkes geborgen, die man erst heben muss. Vielleicht wird unsere Nationalkultur, von der wir bisher nur die Form, aber noch nicht den Inhalt haben, das grosse Menschheitsproblem, das Problem der Gerechtigkeit, der Individualität, der Ethik lösen. Vielleicht .... Dass wir aber eine eigene, individuelle Note haben, beweist eben Heinrich Heine..... Er hat uns wenig Lieder gesungen, aber was er uns sang, war echt. Byron hat „Hebräische Melodien" gedichtet — aber als Fremder, als Dichter. Heine aber konnte von seinem Liede mit Recht sagen: Es dringt in alle Ohren ünd durch die Ohren ins Herz; Ich habe gewaltig beschworen Den tausendjährigen Schmerz." Aus diesem Schmerze sind Passionsblumen entsprossen. Und diese legen wir — Kinder des jüdischen Schmerzes — auf das Grab unseres Dichters....... A. Coralnik JAKOB GORDIN (New-York): „DAS GELD" DRAMA IN 4 AKTEN AUS DEM JUEDISCHEN. (Fortsetzung) VIERTER AKT I. TEIL Ein sehr ärmlich eingerichtetes Zimmer im Häuschen Chatzkels. An der Tür ein Wassereimer, am Ofen grosse Holzscheite; an der Wand ein Bett, daneben ein kleiner Schrank, in der Mitte ein Tisch, eine lange Holzbank, zwei Stühle und ein Schemel. Chatzkel sitzt an der Schwelle auf dem Boden und spaltet mit der Hacke Holzscheite. Dobe sitzt beim Tisch, strickt an einem Strumpf und zählt die Maschen. Dobe {leise y zu sich): Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig — ach, schon wieder eine Masche fallen gelassen! {Legt den Strumpf weg) Chatzkel, hack doch nicht Holz auf der Schwelle, Du wirst noch, behüte Gott, die Schwelle einhacken. Chatzkel: Hab' nur keine Furcht, Dobe! Der Schwelle wird's nicht weh tun! Dobe: . Es geht mir nicht um die Schwelle — aber wenn Du, behüte Gott, die Schwelle einhacken wirst ünd Zippe dann über sie treten wird, dann kann sie, behüte Gott, ein Kind bekommen mit einer gespaltenen Lippe. Chatzkel: Dobe, ist denn Zippenju wieder . . . sag? Dobe: Ja, Gott sei gelobt! Weisst Du denn nicht, wenn man den Schwellenklotz zerhackt, dass dann die Kinder Hasenscharten bekommen ... Du weisst wirklich gar nichts, als ob Du gar nicht unter Menschen aufgewachsen wärst! Chatzkel: Nach meinem einfachen Verstand versteh' ich das nicht. Aber die Weiber wissen wohl solche Sachen besser. Chatzkel: Na, Du beginnst schon mit Deinen Witzen! Komm lieber her! ... So! Setz Dich hier auf den Schemel, streck die Arme aus . . . so! [Wickelt ihm Wolle um die Hände) Ich muss einen Knäuel abwickeln. Aha, Du Nichtsnutz, hast geglaubt, Du wirst bei mir ohne Arbeit sitzen? Du gehst nicht in die Fabrik, bist Du jetzt bei mir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.