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Die Welt · 1906-02-23 · 8 (23.2.1906) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14 DIEMELT -No. 8 hörte er nicht dem jüdischen Volke. Damals war er Deutscher, Freiheitskämpfer, Weltdichter. Konnte es auch anders sein? Heine war ein Aesthetiker — das jüdische Leben von damals — man zählte 1825 — bot wenig Schönheit noch weniger Idealismus. Heine war ein Denker, der über Weltprobleme träumte, der über die urtiefsten Fragen des Lebens dichtete. Der höchste Vertreter des jüdischen Gedankens war aber noch damals Moses Mendelssohn, Was konnte ihn am Judentum halten, ihn, den Suchenden, den Schönheitsdürstenden, den Champion des Weltgeistes? Das alte Judentum, das religiöse Judentum, hatte keinen Platz für ausserordentliche Männer. Und wenn diese kamen, so mussten sie ihre Rahmen sprengen. Acher hat sich die Weltanschauung auf eine andere, freiere Art konstruieren wollen und er wurde geächtet. Maimonides — der Denker — nicht der Rechtsgelehrte — war von den offiziellen Wortführern des Judentums beinahe in Bann gelegt, Spinoza wurde ausgestossen. Jede grosse, hervorragende Persönlichkeit misst mit seinem eigenen Masse die Welt, bahnt sich mit den eigenen Ellenbogen den Weg. Und das jüdische Leben bot ihnen keinen Spielraum. Sie sahen sich gezwungen, zu gehen. Die grössten Männer sind gewöhnlich auch die grössten Patrioten — natürlich im Sinne Heines. Je mehr ein Mensch seinem Stamme, seinem Volke an Geisteskraft, an Tiefe, an Bodenständigkeit entnommen hat, desto inniger ist sein Verhältnis zu seinem Volke. Spinoza hat trotz des Anathemas nie aufgehört, Jude zu sein. Ein Mann von dieser Art, ein Mensch der Höhen, kann nicht einfach das äusserliche Gewand einer anderen Nationalität anziehen. Spinoza ist kein Holländer geworden. Er blieb Jude, er liebte auch sein Volk. Heine war auch einer von den grossen Söhnen unseres Volkes, dem das väterliche Haus zu eng wurde. Nicht aus Gleichgültigkeit verliess er das Judentum, auch nicht aus Verachtung für sein Volk. Er sagte zwar einmal halb im Scherz halb in bitterem Ernst, wie es seine Art war: Ein Hospital für arme kranke Juden, Für Menschenkinder, welche dreifach elend, Behaftet mit den bösen drei Gebresten, Mit Armut, Körperschmerz und Judentume! Das schlimmste von den dreien ist das letzte, Das tausendjährige Familientibel. Die aus dem Nil-Tal mitgeschleppte Plage, Der altägyptisch ungesunde Glauben. Aber es war ein Lachen, das in Wehmut ausklang, ein Spott, der aus der Verzweiflung entsprang. Was hätte auch Heinrich tieine, den Mann, der vom dritten Reiche träumte, am damaligen Judentum locken sollen? Er sah die Berliner und Hamburger und Pariser Kommerzienräte, die zur Hälfte getauft, Protzen und Philister waren. Da war Kommerzienrat Itzig, der im Traum ein „H" am Himmel sah, und sich darum Hitzig nannte. Es waren Halbnaturen, es waren Krämer und Händler, — ob in materiellen oder geistigen Waren —. „Die Juden teilen sich wieder ein In zwei verschiedene Parteien; Die Alten geh'n in die Synagog' ünd in den Tempel die Neuen. Die Neuen essen Schweinefleisch, Zeigen sich widersetzig, Sind Demokraten, die Alten sind Vielmehr aristokra'tzig....." Und dann die Zeit! Der Völkerfrühling Europas! — Uns, den Kindern der Jetztzeit, scheint es beinahe unbegreiflich, dass man vor 60 bis 70 Jahren so intensiv hoffen, so innig glauben konnte. Man hat auf die konstitutionelle Gestaltung Europas die grössten Hoffnungen gelegt. Es war eine Zeit der Geburt der neuen Ideale. Der Sozialismus hatte noch seine romantische, „utopistische" und darum auch verlockende Gestalt; die Revolution gärte. Es gab noch keine „Judenfrage", weil es keine Rassenfrage gab. Die Welt war eingeteilt — natürlich in den Köpfen der Stürmer und Dränger — in Freie und Unfreie. „Wir aber sind,« sagte Heine in seiner Erwiderung auf Menzel's Angriffe, „keine altdeutschen Rassenmäkler, wir betrachten die ganze Menschheit als eine grosse Familie, deren Mitglieder ihren Wert nicht durch Hautfarbe und Knochenbau, sondern durch die Triebe ihrer Seele, durch ihre Handlungen offenbaren." — Heine hat in den letzten Jahren seines Lebens erkannt, dass die „altdeutschen Rassenmäkler'1, sich leichter Eingang schaffen konnten zu Fürsten und Völkern, als die Träumer des grossen Menscheitstraums. — — Und auch heutzutage wird im Namen der Wissenschaft, der Kultur von diesen altdeutschen Rassenmäklern strenges Gericht gehalten über Abstammung und Rasse. Heine hat seine besten Gedanken der Menschheit gegeben, seine schönsten Lieder dem deutschen Volke gesungen. Für das jüdische Volk hatte er nicht viel übrig. Er hat kein Meisterwerk geschaffen, das dem jüdischen Volke und nur ihm angehören wurde. Er, der Ziseleur der Worte, der Künstler der Gedankeu hat mit keinem unsterblichen Ornament die alte, graue Fassade des Judentums geschmückt. Er hat das Judentum oft, sehr oft, aber immer en passant, immer nebenbei berührt. Es war für ihn eine Folie für einen anderen, wichtigeren Gedanken, es war für ihn eine Leiter, ein Sprungbrett. Er hat den jüdischen Geist, den ganzen potenzieren Geschmack, Geist und Witz und Ironie, alle Gaben, die ihm das alte Mütterchen, — nicht die blonde germanische Fee — gebracht hat, als Mittel verwendet, als Unterbau — für eine andere Kultur, Heine liebte se?n Volk; er konnte zürnen, er konnte fluchen, wenn sich über seinem Volke Wolken des Unglücks zusammenballten. Als im Jahre 1840 die Juden von Damaskus Opfer des Blutmärchens wurden, da wütete Heine gegen die jüdischen Granden, die siel: indifferent verhielten, die sich ihres Judentums schämten. „Unter den getauften Juden", schrieb er, „sind viele, die aus feiger Hypokrisie über Israel.noch ärgere Missreden führen, als dessen geborene Feinde. In derselben Weise pflegen gewisse Schriftsteller, um nicht an ihren Ursprung zu erinnern, sich über die Juden sehr schlecht oder gar nicht auszusprechen. Das ist eine be-annte, betrübsam lächerliche Erscheinung". . . Und mit welcher Zärtlichkeit, beinahe kindlicher Liebe, sprach Heine vom alten Judentum, vom reinen Judentum, abstrahiert von der Gegenwart, und Finanzbaronen, Kommerzienräten und Schaleth! „Die jüdische Geschichte ist schön; aber die jungen Juden schaden den alten, die man weit über die Griechen und Römer setzen würde." Dies sagte Heine der Hellene, der seinen Gegensatz zu Börne durch den Gegensatz zwischen Nazarenentum und Hellenismus erklären wollte. Und als er krank da lag, in seiner schauerlichen Matratzengruft, als er die Welt und die Schönheit nicht mehr geniessen konnte, keinem scharfen

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