Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 8- - - — DIE ^EELT---------13 AN HEINES GRABE (ZU SEINEM 50-JÄHRIGEN TODESTAG.) r\uf das Grab des Dichters wurden von liebender Hand Kränze gelegt. Immortellen, weisse, duftende Rosen, die er so geliebt hat, und Schweie, immergrüne Lorbeerkränze. Es bedürfte nicht des äusseren Anlasses, um tieine in die Erinnerung der Welt zu bringen. Sein Name fliegt mit allen Winden, sein Ruhm klingt in allen Ländern, seine Worte leben in allen Zungen. Nicht Heine hatte es nötig, dass wir uns seiner erinnern, dass wir uns zu ihm bekennen. Sein Jubiläum ist von einer anderen Art. Wir kommen zu ihm, wir stellen uns neben ihn, wir wollen, dass er sich zu uns bekenne, uns als die Seinen erkenne. Denn in ihm lebte ein Stück der „Weltseele", in ihm war verkörpert das „Ewig- Menschliche", das zehrende und flammende Feuer des Lebens, des Denkens, des Zweifeins und Weiterstrebens. Und es kommen zu ihm die Modernen, die Müden und die Kranken des Zweifels und sie finden eine verwandte Seele. Das ist der kranke Dichter, der Mensch, der das Leid der Menschheit, das tiefste Leid des Daseins erlebte, und seinem Erlebnis Worte verlieh: „In dem Traum siehst du die stillen Fabelhaften Blumen prangen; önd mit Sehnsucht und Verlangen Ihre Düfte dich erfüllen. Doch von diesen Blumen scheidet Dich ein Abgrund tief und schaurig, Und dein Herz wird endlich traurig, Und es blutet und es leidet." Es kommen die Suchenden, die Traurigen, die Einsamen zum Grabe des Dichters und sie hören ein Lachen aus der Tiefe, ein Lachen voll Sehnsucht und Tränen, das das Leben mit dem Tode versöhnt, den Traum mit der Wirklichkeit. . . . Und es kommen die Männer der Tat, die Handelnden. Sie wollen vom toten Dichter Rat und Anregung zur Tat sich holen. Und der Dichter verschenkt seine Schätze, seinen Krösusreichtum an Geist und Gemüt. Der weiche, träumende Dichter, der zweifelnde, ätzende, alles zersetzende, er konnte auch zürnen, er konnte auch donnern: „Es wird sich grauenhaft bewähren, Wenn einst erscheint der rechte Tag; Dann sollt Ihr meine Stimme hören, Das Donnerwort, den Wetterschlag. Gar manche Eiche wird zersplittern An jenem Tag der wilde Sturm, Gar mancher Palast wird erzittern Und stürzen mancher Kirchenturm!w Der „rechte Tag" ist noch nicht gekommen. Aber wo immer der Blitz des Heineschen Geistes einschlägt, da krachen die . morschen Balken, da erzittert alles Unwahre, Unlogische, Unechte. Alle finden in Heine den ihrigen.,— weil er einganzer Mensch war, ein Mensch, dem die Welt nicht ein Buch war, indem er las, sondern ein Erlebnis, das er mit Jauchzen oder mit glühendem Hass in sich trug, Er stand zu der Welt, zum Leben in inniger persönlicher Beziehung, wie kaum ein anderer Dichter. „Wer hungrig ist, der komme und esse, wer durstig ist, der komme und trinke"....... Und unter den Suchenden, die zu Heine kommen und dem Rauschen der Geisterflügel über seinem Grabe lauschen, stehen auch wir Juden, junge Juden, moderne Juden. Wir haben mehr als jedes andere Volk Recht und Anspruch auf den Dichter, weil er Blut von unserem Blute war, und Geist von unserem GeisLe. Wir wollen nicht in plumper Bärenliebe ihn an unser Herz drücken und seine Dichterkrone, die deutsche Dichterkrone, zerdrücken. Er war ein deutscher Dich:er, und nennt man in Deutschland die grössten Namen, so muss auch der seine genannt werden. Er war nicht bloss ein deutscher Dichter, sondern auch ein Kämpfer für Deutschlands Freiheit. Und er wjr kein „verlorener Vorposten": Deutschland, das zopfige, schwerfällige, tugendsamblonde, hat seinen grossen Dichter trotz all der förmlichen und offiziellen Körbe, in sein Herz eingeschlossen. Heine ist der Herzensschatz der Jungfer Germania, wenn sie auch seine Bewerbungen immer zurückwies. Er war ein deutscher Dichter — und er hat es ehrlich gemeint. Er hat ihn wirklich geliebt den Rhein, den rauschenden, traulichen, Sagenreichen deutschen Strom. Und erlitt und blutete für Deutschlands Freiheit, für Deutschlands Ideale. Manchmal schien er sich gewaltsam von den wahren Dichterträumen, von den allmenschlichen, auf der Höhe des Lebens stehenden, von der Sonne beschienen, loszureissen, um sich in die engere Welt seiner Heimat einzuleben, einzuschränken. Aber auch damals blieb er der grosse Träumer, der Mensch der unbeschränkten Ideale. Er sagte den deutschen Philistern : „Pflanzt die schwarz-rot-goldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, und ich will mein bestes Herz biut für sie hingeben. .... Wenn wir die Dienstbarkeit bis in ihrem letzten Schlupfwinkel, dem Himmel, zerstören, wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir die Erlöser Gottes werden .... ja, .... die ganze Welt wird alsdann deutsch werden! Das ist mein Patriotismus/' Das war Heines Deutschtum....... Was war Heines Judentum? Es überkommt einen ein gewisses Gefühl der Beschämung und der Beklemmung, wenn man sieht, ie die Juden ihren hervorragenden Männern nachlaufen, um ihre Gunst bettein. Wir Juden verlieren sogar oft unser scharfes, kiitisches Talent, unsere Ironie, sobald es sich um die Frage der Beziehung eines Dichters oder Denkers zum Judentume handelt. Auch über Heine ist viel, sehr viel geschrieben worden; einen nicht geringen Anteil daran haben Juden. Man könnte das bekannte arabische Sprüchwort variieren : „Ein Volk ist wie ein Schatten, es folgt dir auf den Spuren, wenn du vor ihm fliehst." . , . Heinrich Heine hat sich von seinem Volke abgewandt. Als er in voller Reife war, als sein Talent die wundervollen Weisen und süssen Töne hervorzauberte, als seine Gedanken kühn und himmelstürmend eine Welt in Erstaunen setzten, ge-