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Die Welt · 1906-02-23 · 8 (23.2.1906) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIE3^ELT No. 8 Sogleich nach Behandlung der bezüglichen Bescheide wurden in die betreffenden Vereine Polizeiorgane entsandt, welche sämtliche Vereinsbücher und sogar alle Vereinsgelder beschlagnahmten^ und das Lokal des „riaschachar" überdies sperrten und versiegelten. In tiusiatyn wurde mit Bescheid der k.k. Bezirkshanptmannschaft vom 6. Februar, L 4352 1906 der Verein „Bnei Zion* wegen einer Entrüstungsdepesche an Dr. Byk mit der gleichen Begründung wie in Krakau jedoch nicht blos suspendiert, sondern geradezu aufgelöst. In Kalusz wurde wegen einer solchen Depesche von der Bezirkshauptmannschaft der Verein „Safa Berura" ohne weiteres aufgelöst und überdies die von ihm organisierte, sehr wohltätig wirkende jüdische Privatschule geschlossen. In Stanislau hat der Bezirkshauptmann tierr Prohopczycz schon am 7. Januar eine von den Zionisten einberufene Volksversammlung wegen angeblicher Baufälligkeit des projektierten Versammlungslokales verboten. Ebenda fand jedoch, ohne jedes Hindernis am nächsten Tage eine öffentliche Theatervorstellung statt. Der üerr Bezirkshauptmann warnte auch in der Folge die Führer der jüdischen Wahlrechtsbewegung vor einer Fortsetzung derselben. In Zloczöw, dem Wahlbezirke Dr. Byks, wo seine wärmsten Förderer der Kultuspräses Josef Gold und sein Schwiegersohn der Vizebürgermeister Dr. Josef Gold schon vor Wochen mit der demnächstigen Auflösung der Zionsvereine drohen konnten — ein Beweis, dass es sich um eine gross angelegte, von lange her vorbereitete Aktion handelt — wurde zunächst bei der von diesen Vereinen im Dezember v. J. arrangierten Makkabäerfeier entgegen der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung seitens des Komissärs jeder Vortrag der Programmnummern in Jargon und hebräischer Sprache verboten. Am 5. Februar wurden gleichzeitig in den Lokalen der Vereine „Ahawath Zion* (Bürger), „Ohel Leah" (Mädchen und Frauen) und „Poale Zion" (Arbeiter) von Beamten der k. k. Bezirkshauptmannschaft unter Zuziehung von Amtsdienern, Polizisten etc. eine genaue Revision vorgenommen, überall die Vereinsbücher saisiert? im „Ohel Leon" uueh die Bibliothek beschlagnahmt, tags darauf allerdings wieder frei gegeben und das Lokal des „Poale Zion* gar gesperrt und versiegelt. Am schroffsten benahmen sich hierbei der Herr Kommissär Przybyski und sein Gehilfe fierr Stanisawski. Auch aus anderen Städten Galiziens wird uns gemeldet, dass gegen die zionistischen Vereine eine Untersuchung im Gange ist, welche immer wieder auf die eine Tatsache zurückgeführt wird, dass dem Kultusvorsteher vcxi Lemberg Dr. Byk eine missbilligende Resolution übermittelt worden ist. Da derartige Resolutionen in unzähligen anderen Fällen von politischen wie nicht politischen Körperschaften straf- und anstandslos ergangen sind, erscheinen die oben angeführten, gerade gegen zionistische Vereine ergriffenen Massnahmen als unvermittelt und überstreng. Daher erlaubt sich der ergebenst gerechtfertigte „Verband Ziontt, das hohe k k. Ministerium des Innern um den Schutz der in ihrem Bestände gefährdeten Verbandsvereine und um Rückrufung der seitens der galizischen Behörden getroffenen Massnahmen höflich dringend anzugehen. Für den Verband Zion Dr. Schalit. Die Interpellation des Abgeordneten Breiter. In Folgendem geben wir den Wortlaut der Interpellation, welche der Abgeordnete Ernst Breiter und Genossen in Angelegenheit der Auflösungen zionistischer Vereine in Galizien in der Parlamentsitzung vom 9. d. Mts. an den Minister des Innern gerichtet hat: „Welchen Schikanierungen die galizische Bevölkerung für die Anteilnahme an der von der hohen Regierung vorgelegten Wahlreform ausgesetzt ist, illustriert krass das unerhörte Vorgehen der k. k. Bezirkshauptmannschaft in Zloczöw gegenüber einem ansehnlichen Teile des jüdischen Volkes. Am 5. Februar 1. Js. „besuchten* zu gleicher Stunde Vertreter der Bezirkshauptmannschaft die drei in Zloczöw bestehenden zionistischen Vereine. So erschien im zionistischen Bürgerverein „Ahawath Zion" der Kommissär Stanislawski mit einem Amtsdiener, im Mädchen- und Frauenvereine „Ohel Leaha der Sekretär Slonecki und im Arbeitervereine „Poalei Zion" der Kommissär Przybyslawski mit einem ganzen Heere von Amtsdienern, Polizeileuten, Schreibern und sogar mit dem Gemeindesekretär. Und es begann gleichzeitig in allen drei Vereinen eine Untersuchung, als ob man es mit politischen Verbrechern zu tun hätte. Alle Tische und Tischchen, alle Schränke und Kästchen wurden mit peinlicher Gewissenhaftigkeit nach ihrem staatsverbrecherischen Inhalte durchsucht. Dass es dabei nicht an Schikanierungen aller Art fehlte, braucht nicht hinzugefügt zu werden. Im Frauenverein „Ohel Leah" wurden die Kassa und Bibliotheksbücher weggenommen, der Bibliothekschrank amtlich versiegelt und eine genaue Untersuchung durchgeführt. Das Ungesetzmässige dieses Vorgehens hat die Bezirkshauptmannschaft selbst eingesehen, denn am nächsten Tag erschien der Sekretär Slonecki und öffnete feierlich die Bibliothek. Im bürgerlichen Vereine wurden alle vorhandenen Bücher konfisziert. Am brutalsten ist aber der Kommissär Przybyslawski im Arbeitervereine „Poalei Zion" vorgegangen. Arme Arbeiter dachte er sich, braucht man nicht zu respektieren und ging an seine Arbeit. Er Hess das Vereinslokal sperren, belegte es mit dem amtlichen Siegel, nachdem er vorher alle Bücher weggenommen hatte. Nachdem diese Schikanierungen seitens der Bezirkshauptmannschaft ein System aufweisen, da zum Beispiel schon im Dezember bei einer nationaljüdischen Feier seitens des Kommissärs verboten wurde, sich der hebräischen und jüdischen Sprache zu bedienen, entgegen Artikel XIX der österreichischen Verfassung, sehen sich die Interpellanten veranlasst, an Seine Exzellenz dem Herrn Minister des Innern die Fragen zu richten : „1. Ist Seine Exzellenz geneigt, eine Untersuchung dieses Falles seitens der galizischen Behörden einleiten zu lassen?" „2. Was gedenken Eure Exzellenz zu tun, damit in Zukunft ein grosser Teil der Bevölkerung von solchen ungerechtfertigten Schikanierungen seitens der politischen Behörden verschont bleibe?" Choc, Aug. Sehnal, J. Cerny, Dr. Kos, Jaworski, Dr. Sobotka, Bojko, Romanczuk, E. Breiter, Dr. Straucher, Kubik, Krempa, fiolansky, Fresl, Dr. Baxa, A\. Olszewski, Klofäc. Wiener Brief Es >'md hier politische Tage erster kritischer Ordnung. Die Dauer des Mandates für den neu zu wählenden Reichsrat beträgt sechs Jahre und so lange werden die österreichischen Juden liegen, wie sie sich gebettet haben. Die Wiener Kultusgemeinde, die früher wenigstens gegen jede antisemitische Brandrede eine Protestversammlung zusammengetrommelt hat und mit ihr alle anderen Gemeinden Österreichs, schlafen wie gewiegt, nur die Zionisten arbeiten mit Feuereifer gegen die politische Verelendung. Natürlich fehlt es nicht an Elementen, die von „Liberalismus" und Servilismus soweit infiziert wurden, dass sie den Nationalen

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