Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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8 DIEJ^ELT No. 8 Auf diese Weise steigert sich die gegenseitige Erbitterung, und es kam schon soweit, dass vor Neujahr in der Stadt Baku sich ein hartnäckiges Gerücht hielt, dass die Armenier ebenfalls auf den Gedanken gekommen sind, dass auch sie, die immer die Opfer von Metzeleien waren, einen Judenpogrom inszenieren könnten: Sollen auch die Juden am eigenen Leib erfahren, wie kräftig solch ein „empfindliches" Argument ist!...... Ich will nicht darüber urteilen, wie weit dieses Gerücht begründet war. Aber schon der Umstand, wie auch die seitens der Behörden ausgegangene förmliche Warnung wegen der „beunruhigenden Haltung" der Bevölkerung und der Kosaken, bewogen die jüdischen Notabein, eine Versammlung einzuberufen zur Besprechung der Lage. Ich habe' dieser Versammlung beigewohnt, an der sich auch die „fortschrittliche" jüdische Jugend beteiligte, — und ich muss gestehen, dass ich einen deprimierenden Eindruck bekommen habe. Man hörte seitens der Jugend die gewöhnlichen nunmehr banal gewordenen Phrasen von den „Bauchinteressen" der Bourgeoisie, den Tugenden des Proletariats u. dgl. mehr, aber nicht die mindeste Aeusserung des unmittelbaren Nationalgefühls, nicht die geringste Beachtung des allgemein nationalen Interesses. Und als einer der anwesenden „Bourgeois" es wagte, das Beispiel der Armenier in der Frage der nationalen Politik zu empfehlen, bekam er einen solchen Verweis seitens der „Fortschrittlichen", dass auch den übrigen die Lust verging, ihn zu unterstützen. Es ergriff mich ein Schamgefühl, und ich verliess die Versammlung mit dem Gedanken, ob ich noch die Zeit erleben werde, da unser ganzes Volk von Schamgefühl ergriffen sein wird! »Scham ist schon eine Revolution . . . und wenn eine ganze Nation sich wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht" So sprach.....nicht Zarathustra, sondern Karl Marx. DIE GRÜNDUNG EINES VEREINS ZUR WIRTSCHAFT¬ LICHEN ERSCHLIESSUNG PALÄSTINAS Ein Aufruf. Von Dr. MOSES in Mannheim Der Plan, den ich hiermit der zionistischen Öffentlichkeit vorlege, reifte in mir während des letzten Kongresses, als der Bericht der Palästinakommission über ihre eifrige, methodische und zielbewusste Arbeit ebenso unsere aufrichtige Bewunderung hervorrufen inusste, wie die Mitteilung von den finanziellen Schwierigkeiten, unter denen die Kommission arbeitete, einen beklemmenden Eindruck hinterliess. Soll diese Konimission, der eine ebenso bedeutungsals dornenvolle Aufgabe, die wirtschaftliche und wissenschaftliche Erforschung Palästinas, zugeteilt ist und die diese Aufgabe nach den strengsten wissenschaftlichen Grundsätzen ausführt, dieses Triumvirat von Forschern, um das uns jede Organisation beneiden muss, auch fürderhin nur in stetem Konflikte mit der materiellen Unzulänglichkeit unserer Organisation wirken? Ist es nicht eine dringende Pflicht dieser letzteren, die Kommission so finanziell auszustatten, dass dieselbe ohne die ängstliche Rücksichtnahme auf die karge Knappheit der Mittel ihre grosszügigen Ideen praktisch auszuführen vermag? In allerjüngster Zeit nun sind Ereignisse eingetreten, die auf eine Erledigung dieser Fragen aufs neue drängen. Die Brüsseler Konferenz hat inbezug auf die Erforschung des Orients zu jüdischen Kolonisationszwecken einen Beschluss gefasst, bei dessen Ausführung sicher unserer bewährten Fachkommission eine hervorragende Rolle zufallen muss. Angesichts dieser Wendung der Dinge, die in ihren Folgen heute noch kaum zu übersehen ist, wird es zur Ehrensache der Zionisten, für die wirtschaftliche Erforschungsarheit ihrer Palästinakommission die Mittel in einigermassen ausreichender Flöhe zur Verfügung zu stellen. Unsere Zentralkasse, die knapp für die zionistischen Erfordernisse der Organisation ausreicht, wird eine höhere Dotation in der nächsten Zeit nicht leisten können, Wohl wäre sie dazu imstande, wenn alle Schekelgelder zu ihr abgeliefert und nicht, wie es leider der Fall, zum grössten Teil für die Bedürfnisse der Landesoreanisationen zurückgehalten würden. Eine baldige Beseitigung dieses beklagenswerten Missstandes dürfte kaum zu erwarten sein. Da liegt der Gedanke nahe, dass man durch Bereitstellung freiwilliger Gaben die offizielle Dotation, welche die Kommission von der Bewegung erhält, ergänzt. Derartige Spenden wä'ren sicher in grösserem Umfange als bisher erwünscht. Eine Kommission aber, welche nach wissenschaftlichen Prinzipien und nach methodischen Plänen arbeitet, muss ein einigermassen stabiles Budget haben und kann nicht auf dem schwankenden Grund unsicherer, wechselnder Privatspenden bauen. Erfahrungsgemäss lässt der Eifer in der Herbeiführung freiwilliger Gaben bald nach, besonders in unserer Bewegung, wo stets neue Aufgaben neue Mittel erheischen. Noch wäre der Gedanke zu erwägen, ob nicht für die Palästinazwecke eine obligatorische Extrasteuer als Zuschlag zum Schekel zu erheben wäre. Ich sehe bedeutende Schwierigkeiten voraus, die sich einem derartigen Beginnen entgegenstemmen würden. Da bleibt nur ein Ausweg übrig, den zu wählen ich vorschlage: Das ist die Organisation freiwilliger Gaben zu regelmässigen Jahresbeiträgen in Form eines Vereins zur wirtschaftlichen Erschliessung Palästinas. Man scheue vor dem Wort „Verein" nicht zurück! Vereinsgründungen sind etwas odiös. Aber diese Form hat den Vorteil, dass wir auch Nichtzionisten, die ein Interesse an den Arbeiten der Kommission haben, zu der Subventionierung 4 der Arbeiten der letzteren in ausgedehntem Masse herbeizuführen vermögen, dass ferner die Dotierung der Kommission eine stabile Grundlage erhält, mit der man budgetmässig rechnen kann. Es ist selbstverständlich, dass durch den Verein die Stellung der Palästinakommission in und zu der Bewegung nicht im geringsten tangiert wird. Die Kommission wird nach wie vor von dem Zionistenkongresse gewählt, erstattet demselben ihren Bericht und wird von demselben dotiert. Der Verein hat keinerlei Einfluss weder auf die Zusammensetzung noch auf die Arbeiten der Kommission. Es wird gegründet, um Jahresbeiträge zu sammeln, die der letzteren zu ihren Arbeiten zur Verfügung gestellt werden. Der jährliche Mind estbe itrag soll gleichkommen der tiöhe des Schekels in dem betreffenden Lande, in Deutschland also eine Mark betragen. Sämtliche Jahreseingänge an Beiträgen und eventuellen Spenden, werden nach Abzug der zur Verwaltung notwendigen Spesen (die, da die zionistischen Organisationen sicher gerne die Tätigkeit für den Verein übernehmen, wohl auf geringer