Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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- Baku 2× ep/1000527
- Odesa 1× ep/1000834
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Na8----------,------------------------ DIE^ELT------------------ ----------------------------------- 7 ÜBER DIE „KNECHTSCHAFT IN DER REVOLUTION" VON ACHAD-HAAM (ODESSA)* Der letzte Generalstreik überraschte mich auf einer Reise und zwang mich, längere Zeit in Baku zu verbleiben, das damals von dem übrigen Russland gänzlich abgeschnitten war. Erst vor Kurzem konnte ich nach der Rückkehr in Odessa alles erfahren, was in Russland geschehen und geschrieben worden war, besonders aber, was sich in der jüdischen Welt ereignet hat. Als ich unter anderem den ausgezeichneten Aufsatz von S. Dubnow**): „Die Lehren der schrecklichen Tage" gelesen hatte, fühlte ich den Drang, dem Verfasser für diese ausgezeichnete und klare Charakterisierung der beklagenswerten „Knechtschaft in der Revolution", gegen die ich des öfteren kämpfen musste, meinen Dank auszusprechen. Als ich zu Beginn des vorigen Jahres in einer Versammlung und dann auch in der Presse unseren fortschrittlichen Elementen den Mangel an wahrem nationalem Selbstgefühl vorwarf, verwiesen mich diese mit Entrüstung darauf, dass die jüdische Jugend in den vorderen Reihen der Freiheitskämpfer steht und dass sie staunenswerte Akte der Selbstaufopferung vollbringt. Und sie sagten: Kann man denn Leuten, die solcher Opfer für die Freiheit fähig sind, das Bewusstsein der eigenen Würde absprechen? Man kann! antwortete ich in einer öffentlichen Rede. Der Knecht wird dadurch gekennzeichnet, dass er in der Richtung des Wagens seines Herrn läuft, ohne Unterschied, ob er hinter dem Wagen oder vor dem Wagen läuft. Er ist auch fähig, sich selbst zu opfern, aber nur wenn er den billigenden Blick des „Herrn", in dessen Interesse diese Tat vollbracht wird, auf sich ruhen fühlt. Man denke zum Beispiel an Wassilij Schibanow***), der von A. Tolstoj besungen wurde. Welch ein staunenswerter Mut und welche Selbstaufopferung! Und dennoch hat man die Empfindung, dass dies die Tat eines Knechtes ist, der seine Kiaft nicht aus der Tiefe seiner stolzen Seele schöpft, sondern aus der Vorstellung des Bildes seines „Herrn", des fordernden und billigenden. Man versuche einmal von den Schibanows eine ähnliche Tat zu fordern zum Schutze ihrer eigenen Ehre, die für den „Herrn" gleichgiltig ist, — und man wird in ihnen nicht Helden, sondern Sklaven finden. Man kann daran zweifeln, ob es wirklich eine besondere .proletarische Psychologie" gibt, die im Gegensatze zur bourgeoisen steht, — wie es in der Dogmenlehre des neuen Glaubens heisst. Jedenfails berührt dieser psychologische Gegensatz nur die Oberfläche des seelischen Lebens und verschwindet auch leicht, sobald die Umstände sich geändert haben. Wenn ein Proletarier durch einen glücklichen Zufall ein Kapitalist wird, so lässt er seine ganze frühere „Psychologie" fallen und wird ein ganz gewöhnlicher „Bourgeois". Zweifellos aber ist, dass es wirklich eine besondere Sklaven-Psyche *) Aus dem „Woschod", No. 4. **) Siehe »Welt", No. 2. ***) Ein Diener des Grafen Kurbski, der mit seinem tierrn vor dem Zorne Iwan des Grausamen nach Litauen entfloh und von dort einen Schmähbrief des Grafen dem Zaren überbrachte. Iw^n der Grausame rächte sich an dem Diener, indem er den Brief Gehend las und die Eisenspitze seines Stockes indessen in den;'"ss des Dieners bohrte, bis jener schweigend verblutete. gibt, die sich nur schwer ändert, nicht einmal unter dem Einfluss der Freiheit, und die trotz der geänderten Verhältnisse weiter lebt, viele Generationen hindurch. In diesem Sinne sind unsere gegenwärtigen Freiheitskämpfer nicht gar so weit entfernt von ihren Vätern, den denkwürdigen Kämpfern für die „Aufklärung". Sowohl diese als jene vermochten es nicht, trotz ihrer bedingungslosen Liebe zum „Ideal" und ihrer Opferfreudigkeit, sich von den Sklaveninstinkten frei zu machen. Der Unterschied besteht nur darin, dass für die Väter das Objekt der knechtischen Anbetung der Uniformierte war (vgl. die Novellen von L. Gordon), für die Söhne aber ist der Träger der Arbeiterblouse das Idol. Nur der „Herr" wechselte, der Sklave ist geblieben. Während meines erzwungenen Verweilens in Baku hatte ich Gelegenheit, die Haltung der Armenier und der Juden in diesem kritischen Momente des allgemeinen Kampfes zu beobachten und vergleichend gegenüberzustellen. Ich halte es nicht für überflüssig, hier einige charakteristische Tatsachen anzuführen. Es stellt sich heraus, wie mir mit den Verhältnissen vertraute Männer berichteten, dass die stärkste und volkstümlichste armenische revolutionäre Organisation „Daschnaktzutjun" — im Gegensatze zu unserem „Bund" — sich lür verpflichtet hält, ihre Kräfte nur bis zu dem Momente in den Dienst der allgemein-russischen Revolution zu stellen, bis die Konzentration der Volkskräfte für den Schutz der eigenen nationalen Interessen erforderlich sein wird. Wenn dies die Politik der revolutionären Organisation ist, so ist es ja selbstverständlich, dass die armenische Gesellschaft überhaupt sich streng an ihre nationale Politik hält und demgemäss auch ihre Taktik bestimmt. So sind z. B. in Baku selbst, wo den Armeniern als s o 1 c h e n eine beständige Gefahr seitens der Mohammedaner, die grösstenteils nicht revolutionär sind, droht, die Armenier immer bestrebt, sich in den hinteren Reihen der Revolutionsarmee zu halten, indem sie jene Elemente vorschieben, die es nicht für nötig erachten, den „eng-nationalen" Interessen Rechnung zu tragen, d. h. d i e J u d e n. Letztere sind trotz ihrer verschwindenden Minorität zumeist die Obmänner aller Vereine und werden zu Vorsitzenden aller Meetings gewählt, bei denen die meisten Wähler Armenier sind. Es ist überflüssig zu betonen, dass die meisten Redner, u. z. die „feurigsten", wiederum Juden sind, da die Armenier angesichts der Lage ihres Volites es nicht für möglich halten, so rücksichtslos aufzutreten. Damit ist aber die Frage noch nicht erschöpft. Die fortschrittlichen Juden halten es für ihre Pflicht, die armenischen Vertreter wegen dieser Taktik anzugreifen und werfen ihnen vor, dass sie „Bourgeois" und „engherzig" seien, die Armenier dagegen werfen den Juden den Mangel an nationalen Gefühlen vor. „Eure Haltung", sagen sie den Juden, „beweist vollends, dass Ihr alles Mögliche seid nur keine Nation, und Ihr habt deshalb kein Recht, uns, denen unsere nationalen Interessen teuer sind, zu Handlungen zu bewegen, die diesen Interessen zuwiderlaufen." (Natürlich sagen es die Armenier nicht in den öffentlichen Versammlungen, aber wohl, wie man mir aus unbedingt sicherer Quelle mitteilt, in Privatgesprächen, in den Klubs u. s. w.).