Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6 DIE^ELT •No. 8 mus auftrete, mit Recht der Vorwurf entgegengesetzt werden könnte, dass ich bei der Bedrängnis, der das Judentum in der heutigen Zeit ausgesetzt ist, nicht so zu fühlen vermag, wie der Jude fühlt" Auch der freisinnige Reichstagsabgeordnete tierr Konstantin Noske äusserte sich in diesem Sinne: „Bestrebungen wegen einer Judenkurie, die den Grundsätzen, die ich seit zwanzig Jahren vertrete, diametral entgegengesetzt sind, schwächen dez Kampf der Freisinnigen für Gleichberechtigung." Ja, die alten Herren von der liberalen und freisinnigen Partei haben ihre Jahre verschlafen. Sie ziehen sich die Schlafmütze über die Ohren — und wollen nicht hören das Dröhnen der Strasse, das Brausen der Zeit. Die Liberalen sind die Schöngeister der Politik Sie träumen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit und verraten auf jedem Schritt diese ihre Prinzipien. Wie können Theorien, und dabei so allgemeine, so abstrakte, von dem Leben standhalten? Grau ist jede Theorie. Und grau sind die liberalen und „freisinnigen44 Vertreter dieser Theorie. In der Jugend des Abg. Dr. Vogler herrschten „andere Anschauungen, als heutzutage.44 Ja, aber das waren keine Anschauungen, die in Taten umgesetzt werden könnten. Es waren schöne Illusionen, enthusiastische Träume Aber was haben diese Vertreter des Liberalismus getan, um der grosse Welle der Reaktion und der Steigerung des Nationalhasses und der Verschärfung der Klassengegensätze entgegenzuarbeiten? Ihr Liberalismus riecht nach Reaktion. Sie sind ebenso verknöchert, wie die Doktrinäre des Konservativismus, aber noch entkräfteter, noch blutleerer. „Wenn seither die Zeiten sich geändert haben, so darf man mir keinen Vorwurf daraus machen, wenn ich mich zu ändern nicht willens bin44, schrieb der alte Herr Dr. Vogler- 0 nein, einen Vorwurf werden wir ihm daraus nicht machen. Wir gönnen jedem Menschen seine Ruhe. Aber unsere Konsequenzen werden wir daraus ziehen. Wenn uns ein Mensch sagt: „Meine Ruh' will ich haben!44, sich die Decke über den Kopf zieht und schläft — so werden wir wohl auf seine Mitarbeit verzichten, wir werden auch .im Kampf des Lebens und der Interessen mit ihm überhaupt nicht rechnen. Man hat uns oft — und die Liberalen waren es, die gegen uns diesen Vorwurf erhöhend beschuldigt, dass wir im Grund den Parteien der Reaktion beipflichten. Pathetisch schlägt sich der Liberalismus in die Brust und ruft: „Kommet zu mir, alle Beladenen und Leidenden und ich helfe Euch!" Das sagt er uns, - den Nationalen, das sagt er den Arbeitern, die um eine neue Gesellschaftsordnung kämpfen, um eine neue Wertung der Werte. Aber seine Stimme ist die eines Schläfrigen. Es ist ein Murmeln, ein Lispeln. Diese senile Stimme wird von dem Sturme des wirklichen Lebens übertönt. Wir hören sie nicht — wünschen den alten Herrn .= des senilen Liberalismus „Gute Nacht!" Requiescant ]n pace — Wir aber leben und wachen! Die Fehlenden. Abg. Breiter und Genossen haben im österreichischen Reichstag eine Interpellation eingereicht über die seitens der galizischen Behörden vorgenommene Auflösung der, zionistischen Vereine. Wir haben an einer anderen Stelle dieses Blattes unsere Stellung zu dieser Frage, wie auch unser Gefühl für den Urheber dieser galizischen Massnahme genügend gekennzeichnet. Es war klar und selbstverständlich, dass ein derartiges der Verfassung zuwiderlaufendes Vorgehen der galizischen Behörden einen Protest der fortschrittlichen österreichischen Politiker hervorrufen musste. Und nicht bloss der fortschrittlichen. Sind denn nicht die Konservativen, die Christlichsozialen, die Alldeutschen ebenso gebunden an die Verfassung, wie die Parteien der Linken? Der Protest ist auch eingebracht worden. Darunter 16 Unterschriften. Und wir lesen die Namen: Choc, Dr. Baxa, Klofac» Breiter, Holansky, Bojko. . . . Man reibt sich unwillkürlich die Augen vor Verwunderung. Dr. Baxa protestiert gegen die Auflösung der zionistischen Veieine, gegen die Chikanierung der jüdischen Bevölkerung! Dr. Baxa, der im Hilsner-Prozess die schmählichste Rolle gespielt hat, der eingefleischte, enragierte Antisemit! Aber auch die anderen Unterzeichner sind mit der rühmlichen Ausnahme Dr. Strauchers lauter Nichtjuden, und keineswegs lauter Judenfreunde. Und man fragt sich: Wo waren die Vertreter der radikalen, der sozialistischen Partei? Wo war die „Linke"? Und wo waren die Juden, die im österreichischen Parlament sitzen? Die Sozialdemokratie in Österreich ist immer die erste, wenn es sich um Proteste handelt. Dr. Ellenbogen protestierte, als in Triest die bekannten Unruhen stattgefunden haben. In der Innsbrucker Angelegenheit waren es wiederum die Sozialdemokraten, die im Bunde mit der deutschen Volkspartei einen Heidenlärm geschlagen haben. Und in dieser Sache schweigen sie? Zugegeben, dass sie die Zionisten als prinzipielle Gegner betrachten, ist es denn nicht geboten, für Freiheit einzutreten, wo immer sie mit den Füssen getreten wird? Dr. Adler, Dr. Ellenbogen hüllen sich in ihr politisches Schweigen. Herr Daszynski wird sogar im Grunde jubeln, dass die Polizei den Juden schliesslich den frechen Mund sperrte. So verstehen die österreichischen Vertreter des Radikalismus und der Freiheit die Aufgabe der Kämpfer und Verfechter der Gerechtigkeit. Und wie sie den Mund vollnehmen, wenn sie auf Juden, auf die „jüdischen Bourgeois44 schimpfen können! Es ist nicht bloss Gleichgiltigkeit, es ist Hass, der aus ihnen spricht, es ist Hass, der sie in diesem Falle zum Schweigen bringt. Sie sind froh, dass man dem jüdischen Volke eine Unannehmlichkeit bereitet hat, und forschen nicht nach dem Ursprung dieser Massnahme. In Oesterreichs Parlamente sitzen mehrere Juden — „Freisinnige," „Jungszechen," „Polen44 „Sozialdemokraten." Sie bekommeii es jeden Tag zu hören, dass sie ganz gewöhnliche Juden sind. Aber sobald es sich um eine jüdische Angelegenheit handelt, da fehlen sie! Die Sozialdemokraten hätten am allerwenigsten Grund dafür. Sie wissen es am besten, wie weh' es tut, wenn eine Organisation, die mit Opfer und Mühe zusammengebracht war, durch einen Willkürakt der Behörde gestört wird. Hodie mihi, cras tibi! .... Die jüdischen Wähler in Oesterreich werden sich nun überzeugen, dass die Vertretung der jüdischen Interessen offiziell Nicht-Juden und sogar Antisemiten übertragen wird. Ob sie damit zufrieden sein werden, ist eine andere Sache. „Unsere grössten Gegner sind aus unserer eigenen Mitte hervorgegangen,44 sagt ungefähr ein alter hebräischer Spruch. Die jüdischen Abgeordneten im britischen Parlament haben seinerzeit für die Einführung der Fremdenbill gestimmt. Sie haben die Interressen ihres Stammes aus Liebedienerei verraten. Aber die englische Judenschaft hat sich an ihnen gerächt. Bei den letzten Neuwahlen ist beinahe keiner dieser Herren wiedergewählt worden. Werden die Juden Oesterreichs aus der Haltung der jüdischen Abgeordneten dieselben Konsequenzen ziehen?