Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No.8 DIE^ELT 5 alle anderen Rücksichten den Sieg davon getragen . . . Aber die französische Leitung der Alliance hat es verstanden, die Unzufriedenheit der nichtfranzösischen Mitglieder zu erwecken. Sie trieb eine einseitige, unzweckmässige Politik. Und insofern hatten die deutschen Mitglieder der Alliance volles Recht, der Pariser Leitung ihr Vertrauen zu entziehen. Aber war der Ausweg, den sie gefunden haben, der richtige, der einzig mögliche? Ist die Politik, die von den Berliner Herren inauguriert wurde, auch die zweckmässige? Es ist ja bloss eine deutsche, vielleicht etwas verschlechterte, Auflage der Pariser Alliancepolitik! In Paris machte man französische Politik — aber wenigstens mit Methode, mit Grosszügigkeit. Der Charakter der deutschen Alliance, ihr Verhältnis zur deutschen Politik im Allgemeinen, lässt kaum etwas ähnliches vom „Deutschen Bureau der A. I. U." erwarten. Die „Kölnische Zeitung" freute sich über den Beschluss der deutschen A. I. U. Und sie hatte von ihrem Standpunkte auch Recht. Genügte ja bloss eine Korrespondenz aus Tanger in dieser Zeitung, eine leise Mahnung, die von diesem Blatte ausging, um den Kommerzienrat Goldberger und die anderen Herren von der Alliance ins Bockshorn zu jagen! Ob die deutsche Diplomatie von der deutschen A. J.U. Erspriessliches zu erwarten hat — ist fraglich. Zweifellos ist aber, dass das jüdische Volk nicht viel gewinnen wird. Manche deutsche Blätter fassen die Frage ganz anders auf. So schreibt z. B. der „Reichsbote" in Berlin : „Ob wir uns darüber freuen sollen, dass die orientalischen (russischen, polnischen und galizischen) Juden alle Deutsch lernen? Die Folge wird sein, dhss sie sich immer mehr nach Deutschland wenden und dass ihnen die Niederlassung in Deutschland bedeutend erleichtert wird, wenn sie Deutsch gelernt haben. Das können wir aber ebensowenig wünschen, als dass sie im Orient als Deutsche angesehen werden und durch ihr bekanntes Verhalten den Hass der Orientalen auf das Deutschtum werfen! Man lehre die Juden die Sprache des Landes, in welchem sie wohnen!" Herr Goldberger wird wohl bald ernüchtert und aus seinen deutschen Expansionsträumen wachgerüttelt werden. Dankbarkeit war selten das Leitmotiv der Politik. Aber die einzige Frucht, der wirkliche Ertrag des Beschlusses, der am 16. ds. in Berlin gefasst wurde, ist die Zerbröckeiung der Alliance, die Zersplitterung der jüdischen Kräfte. Wir haben nichts zu befürchten. Die Alliance hat in den letzten Jahren viel zu wenig getan, um sich den Ruhm einer jüdischen Institution zu sichern. Und sollten dem Beispiele der deutschen Juden auch die Juden der übrigen Länder folgen, sollte die Alliance an der Zersplitterung und innerer Reibung zugrunde gehen, — wir werden ihr keine Träne nachweinen. Sie hat längst aufgehört, ein Zentrum des jüdischen Lebens, der jüdischen Politik zu sein. — An ihre Stelle müssen jetzt neue, zielbewusste jüdische Organisationen treten. Sind auch schon getreten. „Es ist eine Zeit zu bauen und es ist eine Zeit zu zerstören." n. v Eine jüdische Zeitung in Wien, die „Na- Liic Veteranen. , .. , . . , tionalzeitung brachte vor kurzem einige interessante Aeusserungen österreichischer Politiker über die nationale Autonomie der Juden. Die Antworten sind teilweise zustimmende, zum Teil aber auch ablehnende. Und es wird sich wohl lohnen, auf diese oder jene Aeusserung näher einzugehen, sie von unserem Standpunkte zu beleuchten. Manche Politiker sind prinzipielle Anhänger der jüdischen Autonomie in Oesterreich — und zwar sind es begreiflicherweise die Vertreter der Nationalitäten, die selbst einen harten Kampf um ihre Volksindividualität zu bestehen haben, — also vor Allem die Ruthenen und die Czechen. Die Haltung der Ruthenen ist ja bekannt. Abg. Romanczuk war ja einer der Initiatoren der Bewegung für die Autonomie der Juden in Oesterreich. Es ist begreiflich, dass die Czechen, die in den Juden gefährliche Alliierte der Deutschen sehen, die nationale Autonomie der Juden als den natürlichsten Ausweg betrachten. Sie kennen aber auch ihre Juden und wissen, wie schwer diese für eine jüdische Politik zu gewinnen seien. Und in dieser Hinsicht ist der Brief des czechischen j^bg. Dr. Sileny besonders charakteristisch. Er schreibt: „Ich habe an vielen Orten von der Forderung nach einer jüdisch-nationalen Autonomie erfahren, aber ich sehe, dass dieser Plan keinen Beifall findet. Die Juden Mährens halten weiter mit den Deutschen und ihnen ist es zuzuschreiben, dass die einviertel mährischen Deutschen gegenüber dreiviertel Tschechen das Uebergewicht im Lande und in einigen Orten hielten, wo sie (die Juden) im Gegensatz zu den tschechischen Parteien stehen, wie z. ß. Leipnik, Göding, Lundenburg. In den deutschen Ortschaften rechnen die Juden mit dem guten Willen der Tschechen, wenn sie sich überall als Deutsche benehmen. Infolgedessen kann natürlich der Hass gegen das Judentum sich nicht vermindern, sondern er wächst. Unter solchen Umständen sind keine Aussichten vorhanden, dass die nationale Autonomie der Juden an dem Verhalten der Leute gegenüber den Tschechen Mährens etwas ändern wird. Man braucht nicht erst abzuwarten, wie sich die Juden in der neuen Landtagswahlordnung, zu dem nationalen Kataster bei den Landtags-, Gemeindewahlen, bei den Einschreiben in die Schule (vide lex Kvicala) usw. verhalten werden." Nicht minder interessant ist die Aeusserung derjungezechi sehen Reichsratsabgeordneten Erwin Spindler. Auf die Frage, wie er sich zur Idee der jüdischen Nationalität verhalte, antwortete er: „Vor langen Jahren, viel früher noch, bevor die zionistische Idee ihren Siegeszug angetreten hatte, vertrat ich in meinem Blatte „Podripan" die Existenz der jüdischen Rasse, des jüdischen Volkes. In meiner damaligen Polemik mit dem Organe des tchechischjüdischen Assimilanten „Ceskozidovske listy" wies ich darauf hin, dass die Juden, obwohl sie das Unglück hatten, ihr Vaterland zu verlieren, ein spezifisches, von allen anderen Völkern sich unterscheidendes Ganzes bilden. Weder die Diaspora, noch der Verlust der Nationalsprache, noch ein anderer Umstand können an dieser Tatsache etwas ändern. Meine diesbezügliche Ansicht und volle Ueberzeugung, berechtigt mich zu der Behauptung, dass die Juden nicht nur eine eigene Nation für sich bilden, sondern sogar auch einer ganz anderen Rasse angehören als die christlichen Nationen Europas, und dass sie daher im Königreiche Böhmen als die dritte Nationalität zu betrachten und zu respektieren sind." Er sprach auch seine „aufrichtige Sympathie" für das gerechte und für die jüdische Nation einzig mögliche Streben41 nach einer jüdischen Wahlkurie aus und versprach, „dasselbe auch? sollte es vor das Forum des Reichsrates gebracht werden, nach Möglichkeit zu unterstützen.41 Nicht so denken die Liberalen und die Freisinnigen. Reichsratsabgeordneter Dr. Ludwig Vogler, ein Vertreter des 48er Liberalismus, schrieb an einen zionistischen Verein in Wien: Ich kenne in der Politik nur „Wähler", nicht „jüdische Wähler'' und „christliche Wähler", und will daher in eine Versammlung eines Zionsvereines, welcher die Juden als besondere, sich von der übrigen Bevölkerung, in der sie leben, absondernde Gruppe ansieht, ebensowenig gehen, wie ich eine „antisemitische" besuche. Es ist wohl möglich, dass meine Anschauungen in diesem Punkte heute als veraltet angesehen werden. Ich bin aber aus einer älteren Schule des politischen Lebens hervorgegangen; zur Zeit, als ich die Universität besuchte, herrschte erfreulicherweise ein anderer Geist und andere Anschauungen als heutzutage! Und wenn seither auch die Zeiten sich geändert haben, so darf man mir keinen Vorwurf daraus machen, wenn ich mich zu ändern nicht willens bin.. Ich kann mir auch gar nicht anmessen, etwa jene Juden, die ihr Heil in der Verfolgung der sogenannten zionistischen Bestrebungen erblicken, zu einer anderen Anschauung bekehren zu wollen, da ich Nichtjude bin und mir deshalb, wenn ich gegen den Zionis-