Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4 DIESfgELT No.8 schaften gewesen, bei denen der behördliche Apparat oft statt den verbürgten Gesetzen zu dienen, zur Parteimaschine wurde. Aber Gaüzien ist nur ein Teil von Oesterreich, und Oesterreich ist ein konstitutioneller und in Hinsicht auf die Freiheit politischer Betätigung sogar ziemlich weit vorgeschrittener Staat. Die Zionisten werden also sehr leicht die verfassungsmässigen Mittel finden, um sich zu rekonstruieren. Und wenn sie auch augenblicklich — allerdings in einem politisch wichtigen Momente, den die Schlauheit ihrer Gegner mit Absicht gewählt hatte — durch die behördlichen Repressalien sehr gehemmt werden, — die Bewegung selbst wird daraus nur noch gestärkter und kampfbereiter hervorgehen. * * * Aber Moszko, aber die Schande, dass es jetzt noch solche Juden gibt, die um ein Linsengericht, um ein zu erschleichendes armseliges Mandat, sich so tief erniedrigen können — das ist das viel traurigere Kapitel an der Sache. Angesichts des Erwachens der Kraft unseres Volkes, der Steigerung des Stolzes, des Ehrgefühles unserer Generation, die sich sogar unseren politischen Gegnern mitgeteilt hat, hatten wir beinahe daran vergessen, dass es noch in der Seele mancher Juden einen Bodensatz gibt, einen bösen Niederschlag aus früheren Tagen, aus dem Elende der Ghettoknechtseligkeit. Als die grösste Schande, als das verabscheuungswürdigste Gebreste betrachteten die Juden früherer Zeiten den „Mosser", den Denunzianten. Er wurde mehr verachtet als der Abtrünnige. Der Abtrünnige hat seinen Stamm und dessen Traditionen verleugnet, der „Mosseru hat sie verraten, Nicht einmal ein grosser Verräter, nicht etwa ein macchiavellischer Verräter, dem Verrat Politik ist, ist der „Mosser" — er ist ein Leisetreter, der vorsichtig im Dunkel arbeitet. Er „sagt" nichts, er deutet nur an, er unterschreibt nicht, er. „winkt" nur. Das ist die Psychologie des „Mosser". Wir waren nicht darauf gefasst, „Mosser" auf der Bühne des öffentlichen jüdischen Lebens zu treffen. Aber wir haben uns getäuscht, „Mauschel"-„/Y\oszko" tritt in einer neuen, abstossenden Gestalt auf — als „Mosser". Wir wollen uns jetzt mit ihm nicht weiter beschäftigen. Unsere Freunde — wir sind überzeugt, auch unsere Gegner - werden für ihn nur ein Gefühl der Verachtung haben. Unwillkürlich denken wir an die wuchtigen Worte Theodor HerzPs: „Mauschel, nimm dich in Acht! Da ist eine Bewegung, von der selbst die Judenfeinde gestehen, dass sie nicht verächtlich ist. . . Dagegen sträubst du dich, Mauschel? Das willst du durch Perfidien verhindern, weil du keinen unmittelbaren Vorteil für dich siehst? Was hast denn du jemals für deine ,Brüder' getan? Entehrt hast du sie, geschadet hast du ihnen, und wenn sie sich nun selbst helfen wollen, fällst du ihnen in den Arm? Mauschel, nimm dich in Achtl Der Zionismus könnte es halten wie Teil in der Sage. Wenn sich Teil anschickt, den Apfel vom Haupt seines Sohnes zu schiessen, hat er noch einen zweiten Pfeil in Bereitschaft. Misslänge der erste Schuss, dann soll der andere der Rache dienen. Freunde, der zweite Pfeil des Zionismus ist für Mauscheis Brust bestimmt." .... . 1T . tf Die reichsdeutsche Diplo- Die Alliance-Israelite-Universelle. x. , ' rnatie, von der man sonst wenig Talleyrandskünste zu rühmen weiss, hat in der letzten Zeit einen leichten und raschen Sieg errungen. Und zwar über Frankreich. Etwa in Algeciras? Nein, aber in Berlin, und die besiegte Partei war die Alliance-Israelite Universelle in Paris. Es hat dieser Tage eine Konferenz der deutschen Alliancemitglieder stattgefunden, in der es beschlossen wurde, dass die „deutsche Konferenzgemeinschaft" der A. I. U. sich zu einem autonomen Vereine konstituiere, der zwar in dem Verband der Alliance verbleiben aber doch eine eigene Verwaltung und Organisation haben soll. Die Zentrale bleibt wie vorher in Paris, aber die Ingerenz der Zentrale in die Angelegenheiten der deutschen Konferenzgemeinschaft wird auf das Minimum — nämlich auf den Verkehr mit allen jüdischen Organisationen ausserhalb Deutschlands — beschränkt. Die Leitung des „deutschen Bureaus der Alliance Israelite Universelle" muss in Berlin sein. Also mit anderen Worten, die deutsche Konferenzgemeinschaft des Alliance Israe'ite hat sich faktisch losgelöst von der allgemeinen Organisation. Zu welchem Zweck? Sind etwa Herr Goldberger und die anderen deutschen Herren von der Alliance mit der assimilatorischen Politik der Pariser Alliance unzufrieden? Haben sie sich schon durch die Ereignisse der letzten Jahre überzeugen lassen, dass man in einer neuen Zeit auch neue Lieder singen müsse? Sind sie vielleicht zu den Herren Politikern und Leitern der Zentrale in Paris gekommen und von 'hnen verlangt, dass eine Alliance Israelite, auch wirklich nationaljüdischen Interressen diene? Nein — ein Beschluss, den die Herren vom „deutschen Bureau der Alliance", gleich in der ersten „konstituierenden" Versammlung gefasst haben, belehrt uns des besseren. So weit ist es nocht nicht gekommen. So unpolitisch ist man doch auch in Berlin nicht. Nationaljüdische Interessen! Als ob das wichtig wäre? Jüdische Kultur verbreiten! Als ob das nötig wäre, als ob es eine gäbe? Nein — aber wichtigere Interessen stehen an der Tagesordnung, die Interessen des deutschen Vaterlandes, Die Franzosen wollen per fas et nefas den Orient an sich reissen, ihn „zivilisieren". Diese Aufgabe überlassen sie ihren «Juden. Die deutsche Diplomatie winkte — ein Artikel in der „Kölnischen Zeitung" genügte — und unter den deutschen Mitgliedern der Alliance entstand ein Murmeln, ein Mu ren. Sie sind ja auch Patrioten! Und darum frisch darauf losgehauen, fort mit der berühmten Solidarität, die das Grundprinzip der „Alliance" war. Die Hauptsache ist die Einführung des deutschen Unterrichts in den orientalischen Schulen, die Ausdehnung des deutschen Einflusses. Eine merkwürdige Wandlung! Nach dem Jahre 1871 hat sich bekanntlich auch zwischen den deutschen und französischen Juden, eine starke Animosität gebildet. Die Juden diesseits und jenseits des Rheines, hielten es für ihre heilige Pflicht, auch ihrerseits einander scheel anzusehen, — damit war ja der beste Beweis ihres Patriotismus und „Vaterlandstreueu geboten. Aber nichtsdestoweniger hielt die Alliance dem Andrang" der Zeit stand. Das jüdische Selbstgefühl, das Stamme'sbewusstsein hat über