Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316194--47817-3342719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hrodna 1× ep/1044655
- Minsk 1× ep/1000754
OCR text
No. 6--------------DIE HÄKELT------------------19 SCHLACHZIZEN GEGEN ZIONISTEN Die polnische Schlachta, die durch die Wahlagitation der Zionisten für eine jüdische Kurie der Gefahr entgegensieht, ihres willfährigsten Werkzeugs bei den künftigen Wahlen beraubt zu werden, hat einen Feldzug gegen die Zionisten eröffnet, bei dem sie sich sogar des in polnischen Händen befindlichen behördlichen Apparats bedient. Aus verschiedenen Städten wird gemeldet, dass in ganz ungesetzlicher Weise die Zionisten vergewaltigt und dass insbesondere ihre Versammlungen aufgelöst und ihre Vereine gesperrt werden. Unter anderen liegen uns darüber Berichte aus Bolechow, Dolina und Rozniatow vor. Zu den aufgelösten Vereinen gehört z. B. der Verein „Chowewe Zion44 in Bolechow. Ferner meldet das Wiener Tagblatt „Die Zeit" unterm 10. Februar: In der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses brachten die Abgeordneten Breiter und Genossen eine Interpellation ein, die sich mit der Haltung der politischen Behörden in Galizien gegenüber den Zionisten beschäftigt. Die Zionisten propagieren bekanntlich aufs lebhafteste ihre Forderung nach einer jüdischen Wahlkurie. Obwohl sich diese Agitation in legalen Bahnen bewegt, wurden zahlreiche Versammlungen verboten, respektive aufgelöst, und in vielen zionistischen Vereinen in der letzten Woche unter grossem polizeilichen Aufgebot Hausdurchsuchungen veranstaltet, so in Krakau, Zloczow usw. Zionistische Arbeitervereine werden gänzlich aufgelöst. Endlich berichtet man uns aus Wien, 13. Februar: Man muss wissen, dass das politische Schicksal der österreichischen Juden jetzt durchaus in den Händen ihrer Brüder in der Bukowina und Galizien liegt. Nach Schätzungen dürfte es dort 8 jüdische Mandate geben. Man muss aber erst die statistischen Erhebungen abwarten, die im Zuge sind, um mit genauen Ziffern kommen zu können. Sonst gibt es noch 3 natürliche jüdische Mandate in Wien und zwar Leopoldstadt, Quaiviertel und innere Stadt. Da aber bei einer Stimmenzersplitterung der antisemitische Kandidat die allerbesten Aussichten hat, werden wohl hier der Sozialdemokrat Ellenbogen und zwei bedeutungslose, wahrscheinlich christliche Freisinnige, die mehr Bildung und feine Sitte als Mut und Schneid haben, durchdringen. Unabhängige, energische und tüchtige Wortführer des Judentums sind nur von Galizien zu erwarten, und statt dieser sollen wir feige Knechtseelen, Hausjuden, Hampelmänner, die auf Befehl sich zu rühren und dito zu schweigen haben, in den Kauf nehmen — Leute, die direkt auf Feindschaft gegen die zahlreiche, ruthenische Landbevölkerung hinwirken, weil es den Herrschenden im Lande so passt. Nimmermehr, sagte mannhaft die galizische Judenschaft in ihren eindeutigen Kundgebungen. Herr Byk hatte es nun schon früher gewagt, uns, die wir niemandem zu Trutz, nur uns Juden zu Nutz unser Leben einrichten wollen, als polenfeindlich zu denunzieren, und die Behörden haben daraufhin schon öfter unangenehme Massregeln ergriffen. Als nun trotz dieses Treibens Byk und Konsorten sahen, dass man ihnen in den offenen Schnappsack alles eher hereintun wollte als Mandate, gingen sie mit einem Meisterstreiche vor. An dem Tage, als Byk letzthin von Lemberg wegfuhr, haben galizische Bezirkshauptmannschaften die zionistischen Vereine in Lemberg aufgelöst und Hausdurchsuchungen bei Zionisten abgehalten. Angeblicher Grund: Unberechtigte politische Betätigung, begangen durch ihr Schreiben an Byk. Angeregt durch Dr. Schalit haben die Abgeordneten Straucher und Genossen dem Minister des Innern sofort eine geharnischte Interpellation über die sonderbare Gesetzesauslegung der galizischen Bezirkshauptleute überreicht. Die Antwort ist bis jetzt ausgeblieben. Die Interpellationen ist mit unterzeichnet von den Tschechisch- Radikalen (Klofac, Baxa, Choc), die zwar Antisemiten sind, sich aber doch den Sinn für Freiheit wahrten. Ausser dem Tagblatt „Zeit" hat kein Wiener Blatt von der Eingabe Notiz genommen. Für den Moment hat der Meisterstreich Byks Erfolg gehabt, Einzelne wurden ängstlich, namentlich hatten sie Furcht vor fiskalischen Massnahmen der Regierung. Aber schliesslich ist die Wahl geheim, und Byk wird ja unter zwei Augen die Antwort dafür bekommen, dass er gegen Judentum und Recht die Behörden gerufen hat. Aufgeregte Leute wollten dem jüdischen Antisemiten bei seinem Wiener Aufenthalt Raison beibringen. Aber dieser Mensch ist die strafrechtlichen Folgen einer rechtlichen Behandlung nicht wert. Die Besonnenen bekamen die Oberhand und versprachen, die Erregung und Energie darauf hinzulenken und dafür aufzubewahren, dass die Wahlurne die Aschenurne des jüdischen Antisemitismus werde. J. U. * * * Wir beschränken uns heute auf diese Mitteilungen und behalten uns vor, auf die Angelegenheit noch eingehender zurückzukommen. AUS DER BEWEGUNG Russland Von der russischen Poalei-Zion Aus Bialystok wird gemeldet: Am 4. Februar fand eine Versammlung der hiesigen Poalei-Zion statt. Nach erfolgter Anhörung eines Referates über die jetzige Lage der Juden in der Freiheitsbewegung und nach Verlesung eines Zirkulars der Rayons Grodno, Bialystok und Minsk, worin die Hoffnung ausgesprochen wird, dass die langersehnte Organisierung der Poalei-Zion-Gruppen, ihrer Erfüllung nahe ist und die Konstituierung einer einheitlichen Partei der Poalei-Zion Palästinenser bevorsteht, nahm die Versammlung folgende Resolution an: »Da wir Bialystoker Poalei-Zion erfahren haben, dass in Russland eine Zusammenkunft aller Gruppen der Poalei-Zion bevorsteht, die zur Schaffung einer einigen Partei Poalei-Zion führen soll, schicken wir der künftigen Versammlung unseren herzlichsten Gruss und wünschen ihr Glück zu ihrer fruchtbringenden Arbeit für unser Ideal, die Etablierung des jüdischen Proletariats auf dem Boden von Erez Israel." Kanada Aus Montreal wird uns vom 1. Februar geschrieben, dass dort die zionistische Bewegung erfreuliche Fortschritte macht. Die Organisation hält fest an den Beschlüssen des siebenten Kongresses und ist entschlossen, sich nicht vom Wege ablenken zu lassen. Eine neue Gruppe wurde in Yarmouth (Nova Scotia) begründet. Japan In Takaissi hat sich ein Verein „Bnei Zion Haschwuim bejapan" (Verein „Bnei Zion" der Gefangenen in Japan) gebildet. Der Verein hat für 100 Mitglieder den Schekel entrichtet. Obmann des Vereines ist Josef Trumpeidorf, der sich als Soldat der russischen Armee im Kriege besonders ausgezeichnet hat. Rumänien Galatz, Januar 1906. An die Zionisten in Rumänien! Liebe Gesinnungsgenossen! Am 25. und 26. Dezember a. S. fand in Galatz der IX. Delegiertentag statt. Ich habe nach 25jähriger Tätigkeit das Präsidium der Zentrale niedergelegt, und Herr Heinrich Rosenbaum nimmt jetzt meinen Platz ein. Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir im Laufe dieser langen Zeit schenkten, und bitte Sie, dasselbe meinem Nachfolger zu übertragen, der gewiss bestrebt sein wird, sein ganzes Wollen und sein ganzes Können unserem, uns Allen so teuern Ideale zu widmen. Ich bitte Sie, auch sofort zur Tat zu übergehen, indem Sie die alten Sektionen wieder aufrichten, und viele Mitglieder werben, was die schönste Ehrung für mich sein wird; und geben Sie un-