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Die Welt · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No.7 17 Hers cheie: Schon gut! .... Ihr seid ehrliche Juden, und für Talessim braucht man solche Arbeiter. Du wirst bei mir Dein Geld in Ehren verdienen und wirst ruhig leben. Wie kommst du dazu, ein Geschäft zu führen? Dazu muss man Geld haben. Verstand, Kenntnisse, — das macht einem viel Sorgen ... Du willst ein Geschäft führen mit Wundern, mit Wundern kann man auf der Welt nicht leben. Was kann denn sicherer und ruhiger sein? Man arbeitet und bekommt seinen Lohn AIottele: Noch ruhiger und sicherer ist es, in der Erde zu liegen. Ghatzkel: Ich bin ein einfacher Mensch, und wie Du, Reb Herscheie, noch ein armer Mann gewesen bist, hab' ich Dich verstehen können. Jetzt aber kann ich Dich wirklich nicht begreifen. Freundschalt ist nichts, Gutes tut man nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Verstand, der Gute ist ein Narr — es scheint, dass wir bei der Arbeit und Plage immer grössere Tölpel werden, und Ihr werdet immer gescheiter. Na, habt schon Dank dafür, dass Ihr uns wenigstens Arbeit gebt. Was helfen viele Reden, wenn man essen will? Ich und Mottete werden morgen früh anfangen bei Euch zu arbeiten. Verzeiht, dass wir Euch gestört haben. Gute Nacht! Vielleicht ist es so Recht. Mottele: Gott soll Euch bezahlen für die Güte! (Sie wenden sich zum Gehen). Masik: So ist es. Wer stärker ist, hat Recht. Ich werd' Euch einen Zettel geben, dass man Euch morgen zur Arbeit aufnimmt. (Alle ab.) Hörschele (bleibt zurück, setzt sich, leise zu sich): Armer Chatzkel Drachme! (Nimmt einen Talmudfolianten, versucht zu lesen, legt aber das Buch bald wieder weg, sitzt nachdenklich da. Erhebt sich plötzlich, geht an die Kasse, öffnet sie und zählt das darin befindliche Geld, leise): Eintausend, zweitausend . . . dreitausend . . . (Freide tritt ein im weissen Morgenkleid, mit aufgelöstem Haar. Herscheie fährt auf): Was ist's? Gott im Himmel! (Schliesst die Kasse.) Freide: Was war da für ein Lärm? Mir hat's geschienen, als ob die Muhme weinte. Es scheint mir oft, ich höre . . . Herscheie: Was fällt Dir ein, Kind? Wie kommt die Muhme her? Freide: Ich weiss nicht ... Es kommt mir oft so vor . . . Herscheie: Aber Närrchen! Schau lieber, was für Ohrringe ich Dir mitgebracht hab'! (Reicht ihr ein Etui) Freide (öffnet das Etui): 0, wie schön! (Begeistert) Wie reine Tautropfen im Sonnenschein, so leuchten sie! Stehen sie mir gut? Nicht wahr, schön? (Besieht sich im Spiegel) Aber was hab' ich davon? Ich kann mich über nichts freuen. Jeden Augenblick schleicht sich eine Schlange an mein Herz und saugt mein Blut. Herschele: Freidenju, ich hab' da was zutun. Geh jetzt, ich werd' bald kommen. Freide: Ich weiss, Du willst lieber hier bleiben und das Geld zählen. Herscheie: Hör', ich habe mit Leuten gesprochen. Ich werd' mit Dir im Sommer zum Professor fahren ... 0 Gott, wenn ich nur einen Sohn hätte, ich würde nichts mehr wünschen! Freide: Nein, nein, ich bin krank ... Ich darf nicht eine Mutter von Kindern sein! Herscheie: Wenn Du krank bist . . . gewiss, — was sollen mir Kinder? Deine Gesundheit ist mir teuerer. Aber was, um Gotteswillen, fehlt Dir denn? Freide: Mir fehlt nichts, und doch hab' ich nichts. Ich bin reich, und doch bin ich ärmer als Zippe. Ich hab* den Platz meiner zweiten Mutter weggenommen und kann mir keinen Platz finden . . . (weint) Her schele: Ich versteh' nicht, was Du eigentlich willst? Freide: Ich will glücklich sein! Gieb mir Freude! Gieb mir Glück! Herscheie: Ei, Freide! Du weisst selbst nicht, was Du wünschest. Freide: Ich brauche ja nichts und wünsche auch nichts. Eines will ich nur, dass mein krankes Herz wieder das empfindet, was es empfunden hat damals, als Du auf Deiner Fiedel gespielt hast. Erinnerst Du Dich? Her schele: Du bist ein Närrchen. Damals haben wir erst zu unserem Glück gestrebt jetzt können wir das nicht mehr empfinden und werden es nicht mehr empfinden. Freide: Wie? Hat denn auch die Fiedel mich belogen? Nein, nein, das war' schrecklich! Ich bitt Dich, sei doch nicht so kalt gegen mich. Herscheie: Ich bin doch nicht kalt gegen Dich! (Öffnet die Kasse, wirft einen Blick auf das Geld) Wieviel hab' ich schon gezählt? Ich glaub', dreitausend, nicht? Freide: Komm her, nimm Deine Fiedel und spiel mir vor. Nur noch einmal, ein einziges Mal, und ich werde wieder Dir zu Füssen sitzen. Herscheie: Was sprichst Du, Kind? Spielen soll ich? Über zwei Jahre schon hab' ich die Fiedel nicht angerührt. Mir scheint, ich werde nie mehr wieder spielen können. Freide!: Nie mehr! Ist denn alles schon todt, wird es nie mehr zurückkommen? Herscheie: Ich versteh' nicht, was Dir ist. Freidenju, komm zu Dir, beruhige Dich. Ich muss hier die Rechnungen durchsehen. Geh, Kind, und schlaf wohl. (Drückt ihr einen kalten Kuss auf die Stirn) Freide (sieht ihn mir einem langen Blick an und sagt leise mit thränenerstickter Stimme): Gute Nacht! (Rasch ab) Herscheie (geht zum Tisch, schenkt sich ein Glas Wein ein, tritt dann wieder an die Kasse und zählt halblaut) Viertausend ... Fünftausend ... Masik (eintretend): Was ist das, Reb Herscheie? Ihr traut mir wohl nicht? Ihr seht meine Rechnungen nach? Herscheie (verlegen): Ihr seid es, Reb Uriel! Ich wollte bloss nachsehen, vielleicht habt Ihr Euch irgendwo geirrt.

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